Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Jugendsprache ist nicht immer nice, aber notwendig

Sprache ist auch Austausch. [Symbolfoto: pixabay]

26.08.2020 12:20 - Jacqueline Brinkwirth

Sprache ist wie Mode: Sie unterliegt ständigem Wandel, bringt neue Trends hervor und lässt Altes und Verstaubtes hinter sich. Vor allem die Jugend nutzt Sprache, um neue Realitäten auszudrücken, Grenzen zu durchbrechen und um hörbar zu machen, was vorher nicht hörbar war. Auch wenn bestimmte Begriffe manchmal cringe sein können, manifestiert sich in der Jugendsprache die Stimme einer Generation. 

Eine Kolumne von Jacqueline Brinkwirth

Sprache ist das Kommunikationsmittel, das uns Menschen grundlegend von anderen Lebewesen unterscheidet.

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Denn wenn wir genauer hinsehen, entdecken wir, dass Sprache weit mehr ist als nur ein Mittel zur Verständigung. Sprache ist Ausdruck unserer Gedanken und Gefühle, einer individuellen Sicht auf die Welt, in der wir leben. Im Alltag und in Gesprächen mit anderen Menschen zeichnen wir durch Sprache ein Abbild unseres Wesens, sodass unser Gegenüber uns und was wir sagen besser verstehen kann. Sprache ist dabei nie starr, sondern immer in Bewegung. Sie wird angepasst, aufgebrochen und neu zusammengesetzt. 

Denn Sprache ist auch ein Instrument, unsere Bedürfnisse auszudrücken. „Die deutsche Sprache wird durch alle Interessen und Bedürfnisse größerer Gruppen der Sprachgemeinschaft weiterentwickelt“, erklärt Ulrike Haß, Professorin für Linguistik an der Universität Duisburg-Essen (UDE). Am Beispiel Jugendsprache kann man das gut beobachten: Junge Menschen machen durch Sprache klar, wie ihre Realitäten aussehen, was ihnen wichtig ist, was sie denken und fühlen. Wenn Outfits also plötzlich nicht mehr fesch, sondern fly sind, findet man bereits im Adjektiv einen Hinweis darauf, dass Trekkingsandalen und tiefsitzende Schlaghosen einfach nicht mehr dem vibe der Jugend entsprechen – und das ist gut so. 

Sprache kennt keine Norm

Was Jugendsprache so bedeutsam macht, ist ihr Einfluss auf die Gesellschaft. Sprache formt Gesellschaft, genauso wie Gesellschaft Sprache formt.

Wenn Jugendliche also Almans in Memes bloßstellen und Covidioten auf Instagram zu mehr Solidarität auffordern, zeigt das klar und deutlich, was diesen jungen Menschen wichtig ist. Dazu gehört übrigens auch das Gendern. „Geschlechtergerechtes Formulieren ist notwendig und richtig. Es ist von Psychologen und Linguistinnen inzwischen empirisch gründlich belegt, dass der ausschließliche Gebrauch des generischen Maskulinums stark dazu beiträgt, traditionelle Geschlechterrollen zu verfestigen und der im Grundgesetz garantierten Gleichstellung von Mann und Frau entgegenzuwirken“, ordnet Haß ein.

Gesellschaftliche Missstände wie Klimawandel, Rassismus, Sexismus oder systematische Diskriminierung werden in der heutigen Jugendsprache hörbar – was möglicherweise ein Grund dafür ist, dass ältere Menschen sich allzu oft gegen jugendsprachliche Ausdrücke sperren: Weil sie von der „Norm“ abweichen.

Jugendsprache canceln zu wollen ist der traurige Versuch, an Altbekanntem festzuhalten.

„Dabei gibt es in Deutschland keine Instanz, die solch eine Norm durchsetzen könnte; auch der Duden versteht sich nicht als normative Instanz, sondern beschreibt den jeweils aktuellen, mehrheitlichen Sprachgebrauch als eine Art Vorbild“, fasst Ulrike Haß zusammen.Jugendsprache canceln zu wollen ist der traurige Versuch, an Altbekanntem festzuhalten

Aber vielleicht sind viele Boomer auch einfach ein bisschen lost, weil sie sich in der Welt der nachfolgenden Generationen so gar nicht zurechtfinden. Allerdings war „Wir machen das so, weil wir das schon immer so gemacht haben“ noch nie ein guter Grund, um sich gegen Veränderung zu positionieren. Jugendsprache canceln zu wollen ist der traurige Versuch, an Altbekanntem festzuhalten und die Stimme junger Menschen auszublenden. Denn die Wahrheit über die eigene Lebenswelt zu erfahren kann ziemlich unbequem sein, manchmal sogar wehtun. Aber statt Nichtsgönner:innen zu sein, könnten Boomer einfach mal reflektieren, was die Jugend ihnen mitteilen möchte. Und vielleicht ist es dann gar nicht mehr so schwierig, sich eine Welt vorzustellen, in der kein Klimanotstand herrscht, sondern einfach alles gucci ist. 

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