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GESELLSCHAFT

Josephine Baker - Eine aktivistische Ikone

Josephine Baker war ein Star der schillernden 20er.
 [Symbolbild: pixabay]

22.06.2020 11:39 - Laura Lindemann

Der rassistisch motivierte Mord eines Polizisten an George Floyd zeigt einmal mehr, wie tief Rassismus noch immer in der Welt verankert ist. Früher wie heute bekämpfen ihn Aktivist*innen. Wir stellen in einer kleinen Portrait-Reihe Frauen vor, die durch ihren Aktivismus Grundsteine im Widerstandskampf gegen Rassismus gelegt haben. Diesmal: Josephine Baker. 

„Ich will Erfolg haben, nicht zurückstecken, nie mehr. Ein Geiger hat seine Geige, ein Maler seine Palette, aber ich habe nur mich, ich bin das Instrument, das ich pfleglich behandeln muss.“ Das schrieb die Tänzerin Josephine Baker einst über ihr Selbstverständnis in ihren Memoiren. Sie gilt als erste berühmte amerikanische Tänzerin mit dunkler Hautfarbe. 

Provokant räkelt sie sich halbnackt auf den Pariser Bühnen. Emanzipiert kämpft sie gegen Rassismus. Baker ist nahezu besessen von dem Gedanken, dass jeder Mensch die gleichen Rechte haben sollte, um seinen persönlichen Traum zu leben. Sie hält am 18. August 1963 beim „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“, einer friedlichen Demonstration, vor rund 250 000 Menschen die Vorrede von Martin Luther Kings berühmter Rede I have a dream. Bakers Traum ist ein Leben im Rampenlicht. So steht sie das erste Mal im Kindesalter auf einer kleinen Bühne im Keller ihrer Mutter und lässt die Besucher*innen den Eintritt mit Stecknadeln bezahlen. 

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Als Freda Josephine McDonald wird Baker am 3. Juni 1906 in St. Louis in Missouri geboren und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Sie ist das uneheliche Kind der Wäscherin Carrie McDonald und dem jüdischen Schlagzeugspieler Eddie Carson. Im Alter von acht Jahren muss Baker die Schule verlassen und als Dienstmädchen bei wohlhabenden, weißen Familien arbeiten. Bei der einen Familie fast verhungert, bei der anderen fast vergewaltigt wird sie schließlich von ihrer Mutter mit 13 Jahren mit einem deutlich älteren Mann verheiratet. Nach ein paar Monaten kann sie sich allerdings aus der Ehe befreien und lässt sich scheiden. Den Namen Baker erhält sie 1921, nachdem sie Willie Baker heiratet. Die Ehe verging nach wenigen Jahren, ihr Name blieb.

Begegnung mit Rassismus 

Im Alter von elf Jahren bekommt Baker Rassismus hautnah zu spüren. Sie überlebt ein Pogrom im Jahr 1917 in East St. Louis, bei dem Berichten zufolge bis zu 100 Menschen umgebracht wurden, gezielt Afroamerikaner*innen. Dieser Anschlag und der zwei Jahre spätere Befreiungsschlag aus ihrer ersten Ehe, zu der ihre Mutter sie gezwungen hat, scheinen ihren Drang nach frei sein und auf der Bühne stehen noch einmal zu verstärken. Sie tritt das erste Mal als Komparsin in einem kleinen Theater in St. Louis auf. „Das ist meine Kindheit. Ich hatte keine Strümpfe, ich fror und ich tanzte, um warm zu werden“, schreibt Baker in ihrer 1927 veröffentlichten Autobiografie. 

Die Tänzerin versucht ihr Glück am Broadway in New York. Dort entdeckt sie der deutsche Dichter Karl Gustav Vollmoeller und vermittelt sie nach Paris, wo sie mit La Revue Nègre, einer Show mit schwarzen Tänzer*innen, auftritt.  Der heute rassistisch klingende Name wird zu der damaligen Zeit nicht hinterfragt. Baker zieht das Publikum in ihren Bann. Vermutlich wird keine andere Tänzerin dem Ruf der schillernden 20er Jahre so gerecht wie sie. „Sie tanzt nicht nur mit dem Körper, den Beinen und den Armen, sondern auch mit den Augen. Ganz Paris schwärmt von dem Augentanz der Josephine Baker“, schreibt einst die Zeitschrift Die Bühne. Neben der Begeisterung tauchen immer mehr kritische Stimmen auf, die diese Faszination für die Tänzerin in Frage stellen. Denn allzu oft vergleicht das vom Kolonialismus geprägte Publikum Baker mit Tieren, wie einem dunkelhäutigen Kolibri oder einer Schlange. Baker selbst begegnet den Vergleichen amüsiert.

Gründung von Antidiskriminierungsprojekten 

Das ändert sich auf ihrer Europatournee Ende der 20er Jahre. In Berlin beschimpfte die rechte Presse sie als „Halbaffe“. In Budapest warf man bei ihrem Auftritt mit Stinkbomben. Und als sie Mitte der 30er Jahre wieder zum Broadway zurückkehrt, um in Filmen wie dem Musical-Klassiker ZouZou (1934)  mitzuspielen, betitelt die New York Times sie als „Negerhure“. Ihr innerer Widerstand wächst mehr und mehr nach außen. Sie kehrt nach Paris zurück und nimmt die französische Staatsbürgerschaft an. Beim Marsch auf Washington sagt sie dazu: „Ich wollte weit weg von denen, die an Grausamkeit glaubten, also ging ich nach Frankreich, ein Land, in dem wahrlich Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Brüderlichkeit zu finden sind.“ Während des Zweiten Weltkriegs arbeitet sie als Agentin für die Freien Französischen Streitkräfte und als Paris besetzt wird, zieht sie sich in ihr Schloss in Mirandes zurück, wo sie Widerstandskämpfer*innen und Geflüchtete versteckt wohnen lässt. 

In Berlin beschimpfte die rechte Presse sie als „Halbaffe“.

Als ihr Bühnenprogramm nach Kriegsende wieder anläuft, setzt sie eine Antidiskriminierungsklausel für ihr Publikum durch. So dürfen Menschen jeder Hautfarbe ihre Veranstaltungen besuchen. Doch Baker möchte einen Schritt weiter gehen. Sie hat vor, ihr Schloss in eine Hochschule für Menschen aus unterschiedlichen Kulturen umzuwandeln. „Dorf der Welt, Hauptstadt der universellen Brüderlichkeit“ steht am Eingang geschrieben. Hier finden regelmäßig Veranstaltungen gegen Rassismus statt. Auch wohnen Bakers zwölf Adoptivkinder verschiedener Herkunftsländer dort. Über die sagt sie in ihren Memoiren: „Die kleine Welt meiner Familie soll ein Beispiel dafür geben, was auch in der großen Welt verwirklicht werden muss: ein Zusammenleben aller Rassen in gegenseitiger Achtung.“ 

Der Traum einer antirassistischen Vereinigung platzt mit dem Bankrott des Projektes. Baker muss ihr Schloss verlassen, findet mit ihrer Familie Zuflucht in Monaco und kehrt 1975 wieder nach Paris und auf die Bühne zurück. Das sollte ihr letzter Auftritt gewesen sein. Ein paar Tage später erleidet die 68-jährige Josephine Baker eine Gehirnblutung. So stirbt am 12. April 1975 eine Ikone des Widerstands.

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