Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Jiddisch: Einmal um die Welt

Die Alte Synagoge: Zentrum jüdischer Kultur in Essen.
[Foto: Julia Segantini]
​​​​​​​22.07.2019 11:05 - Julia Segantini

„In meinem Kaff wird richtig malocht.“ Klingt wie ein typischer Satz aus dem Ruhrgebiet, tatsächlich steckt in diesen sechs Worten aber eine Menge Jiddisch. Wie setzt sich die Sprache sich zusammen, wie hat sie sich über die Jahrhunderte verändert, und wie ist sie ins Ruhrgebiet gekommen? Das hat Martina Strehlen, stellvertretende Leiterin der alten Synagoge in Essen, für die akduell zusammengefasst. 

Damit jiddische Worte Einzug in unsere Alltagssprache finden konnten, mussten sie einen langen Weg hinter sich legen. In Deutschland hätten in der Römerzeit zwar auch einige wenige jüdische Menschen gelebt, diese seien in der Völkerwanderungszeit aber wahrscheinlich wieder verschwunden, erklärt Martina Strehlen. „Hier gab es eine Einwanderung von Händlerfamilien im neunten und zehnten Jahrhundert aus Frankreich und Italien“, sagt sie. 

Dass jiddische Worte oft an deutsche erinnern, ist kein Zufall. Hören kann man es zum Beispiel bei „Hals-und Beinbruch“: Der Ausdruck „hazloche“ für Glück und „broche“ für Segen wurde von deutschsprachigen Zuhörer*innen als „Hals- und Beinbruch“ verstanden. Jiddisch sei aus dem Mittelhochdeutschen entstanden, so die Expertin. Zudem sei es durch hebräische und französische Elemente geprägt gewesen. „Es war so ein Gemisch, hat sich aber wirklich zu einer Sprache entwickelt. Jiddisch hat eine eigene Grammatik und Syntax“, betont sie. „Es ist weder wie Hebräisch noch wie Deutsch, aber wenn man Deutsch spricht und hebräische Buchstaben lesen kann, kann man auch jiddisch lesen und versteht das meiste. Das Deutsche ist der größte Bestandteil bis heute.“ 

Über Europa, USA und Israel

Im Laufe der Zeit machte die jiddische Sprache mehrere Veränderungen durch. Ab dem 15. Jahrhundert wurden viele jüdische Menschen aus dem Deutschen Reich vertrieben und flohen nach Osteuropa. So wurden slawische Sprachen zu einem großen Einfluss. „Deswegen hat sich das Jiddisch in Osteuropa anders entwickelt als das im Westen“, erklärt Strehlen. 

Die Wissenschaft unterscheide meist zwischen West-Jiddisch und Ost-Jiddisch. Heute gibt es fast nur noch Ost-Jiddisch. West-Jiddisch sei im 18. und 19. Jahrhundert fast ausgestorben, meint sie. „In Osteuropa entstand im 19. und 20. Jahrhundert eine jiddische Literatur. Da gab es zum Beispiel die berühmt gewordenen Scholem Alejchem und Mendele Moicher Sforim, deren Bücher Hauptwerke der jiddischen Literatur sind.“

Wiederum einen großer Einfluss auf die jiddische Sprache brachte die Flucht vieler osteuropäischer Jüd*innen in die USA im 19. Jahrhundert mit sich: Auch englische Worte prägten nun die Sprache. „Mit der Gründung des Staates Israel im 20. Jahrhundert kam dann auch Ivrit dazu, also modernes Hebräisch“, ergänzt Strehlen. Sie betont: „Jiddisch ist immer offen geblieben und hat sich immer weiter entwickelt.“ Ost-Jiddisch werde heute nur noch von sehr wenigen ultraorthodoxe Jüd*innen gesprochen, die meist unter sich blieben. 

Ins Ruhrgebiet gelangte Jiddisch durch die Gastarbeiter*innen, die Mitte des 20. Jahrhundert ins Revier kamen – darunter viele osteuropäische Jüd*innen. Wie jiddische Begriffe konkret in unseren Wortschatz gelangten, ist schwer nachzuvollziehen. „Ich denke, oft war es über die Jugendsprache oder über Slang, wie das heute auch mit türkischen oder jugoslawischen Ausdrücken ist. Deswegen sind viele Ausdrücke, gerade in Gegenden, wo viele Jüd*innen gelebt haben, bis heute in der Sprache“, vermutet Strehlen. Viele Ausdrücke seien allerdings wieder verschwunden, so die Expertin. Geblieben sind dennoch einige: Kaff zum Beispiel kommt über das Jiddische vom hebräischen Wort kafar für „Dorf“. Maloche kommt aus dem hebräischen und bedeutet „Arbeit“. Hier findet ihr neben „kotzen“ und „zocken“ weitere deutsche Begriffe, die aus dem Jiddischen kommen. 

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