Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Jens Spahns Nachbesserungsversuch psychotherapeutischer Versorgung

Die Psychotherapie soll reformiert werden.

[Symbolbild: Pixabay]

15.04.2019 16:33 - Lena Janßen

Menschen mit psychischer Erkrankung darf nicht die Bürde auferlegt werden, beweisen zu müssen, dass ihnen ein Therapieplatz zusteht. Doch genau diesen Umstand fordert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit dem neuen Terminservice- und Vorsorgegesetz (TSVG). Auch der Berufsstand von Ärzt*innen, Therapeut*innen und Psycholog*innen erfährt durch diesen Entwurf Diskriminierung. Diese sehen in dem Gesetz eine Gefährdung für das System der psychotherapeutischen Versorgung.

Zum Ende des Jahres 2018 brachte der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Gesetzentwurf auf den Tisch, der sich mit dem Thema Psychotherapie beschäftigt. Spahn erntete daraufhin eine Menge Kritik. Doch worum geht es in dem Entwurf eigentlich?

Das Terminservice- und Vorsorgegesetz (TSVG) soll sich um eine bessere und schnellere Versorgung bei psychischen Erkrankungen bemühen. Bevor Betroffenen ein Therapieplatz genehmigt wird, sollen diese von einer dritten Instanz in einem Gespräch geprüft werden. Kann das Folgen für psychisch Erkrankte haben? Christina Daams, Psychotherapeutin aus Erkelenz, hat sich ausführlich mit der Thematik rund um Spahns Entwurf beschäftigt und erklärt aus ihrer Sicht: „Ich befürchte persönlich, dass die Hürden für Menschen, die eine*n Psychotherapeut*in suchen dann noch höher werden, weil sie erst von einer dritten Instanz beschaut und für wirklich krank beurteilt werden. Der Hausarzt kann ja bereits Empfehlungen für Psychotherapie aussprechen, was dann gut ist, wenn er die Patienten*innen gut kennt und sich ein gutes Bild gemacht hat.” Denn die dritte Instanz würde in einem ersten Schritt über die Dringlichkeit einer Therapie und über das Ausmaß der Erkrankung urteilen und entscheiden. 

Ist die Prüfung einer dritten Instanz sinnvoll?

Psychisch Erkrankten fällt häufig bereits der Schritt des Hilfesuchens schwer. Sich gegenüber einer fremden Person zu öffnen kostet Überwindung und ist in der ersten Phase des Hilfesuchens vor allem auch oft mit Scham verbunden. So käme die Prüfung einer unbeteiligten dritten Instanz für eine*n Betroffene*n einem Hürdenlauf gleich.

Hilfe für Betroffene

Wenn du selber auf der Suche nach Hilfe bist, kannst du dich an deine Krankenkasse oder deine*n Hausärzt*in wenden und um Informationen bitten. Außerdem gibt es die Möglichkeit Sprechstundenzeiten von Psycholog*innen und Therapeut*innen zu recherchieren und telefonisch dort einen Termin zu vereinbaren. Alle Infos zur psychologischen Beratung der Uni Due findest du hier.

„Mit der Prüfinstanz würden Patient*innen gegebenenfalls diskriminiert werden, weil sie nicht frei selbst entscheiden können“, sagt Frau Daams und betont weiter, dass „die eigentliche Indikation für die Therapie die Therapeut*innen ja eh selbst in den ersten Sitzungen prüfen.“

Doch schon allein das Suchen eines freien Therapieplatzes zerrt an den Kräften und kann extrem ermüdend sein, denn die Wartelisten sind überfüllt. Einen Ersttermin zu bekommen kann bis zu einem halben Jahr dauern. Diese Situation ist für betroffene Menschen meist Belastung genug. Dafür wurde bereits im April 2017 das System reformiert. Seitdem müssen Psycholog*innen und Therapeut*innen Akutsprechstunden anbieten, in denen es zu einem ersten Krisengespräch kommen kann. Durch diese Neuerung sollen Patienten*innen Priorisierung erfahren und das System sollte die Chance bekommen sich erst zu bewähren, bevor es zu einem neuen Gesetz kommt, findet auch Frau Daams: „Den Effekt dieser Anpassungen der Richtlinien müsste man erst einmal auswerten, bevor jetzt eine weitere, gegebenenfalls unnötige oder nicht zielführende Änderung erfolgt.” 

Der Gesetzentwurf diskriminiert nicht nur Patienten*innen

Ein zusätzliches Problem ist, dass der Gesetzentwurf die Kompetenzen von Ärzt*innen, Psycholog*innen und Therapeut*innen in Frage stellt. Diese sehen sich in Spahns Vorhaben diskriminiert. Denn die Entscheidungskompetenz über Diagnose und Dringlichkeit würde dann bei einer anderen Instanz liegen. „Ich fühle mich tatsächlich abgewertet“, erläutert Frau Daams und kritisiert weiter: „Ich habe ein langes Studium und eine lange Ausbildung hinter mir und Herr Spahn scheint mit seinem Vorschlag zu unterstellen, dass die Psychotherpeut*innen ihren Job nicht richtig machen oder auch Patient*innen behandeln, die gar keine dringende Behandlung bräuchten. Ich finde man müsste uns schon zutrauen, dass wir aufgrund unserer Qualifikationen die Indikation und Dringlichkeit der Behandlung einschätzen können.“ Sie sieht den „Gesetzentwurf schon als einen Affront, wobei zu Teilen nachzuvollziehen ist, dass Herr Spahn das System effizienter gestalten möchte.”

Seit Ende 2018 gibt es eine Petition gegen den Gesetzentwurf, die bereits mehr als 200.000 Menschen unterzeichnet haben. „Den psychisch kranken Patientinnen und Patienten wird damit aufgebürdet, oftmals enorme, hoch schambesetzte seelische Belastungen gegenüber Behandlern darzustellen, die sie danach in der Regel nicht wiedersehen werden und die sie nicht selbst nach Vertrauensgesichtspunkten gewählt haben“, lautet die Argumentation der Petition. 

In den sozialen Medien kam es zu einem Shitstorm gegen Jens Spahn. Viele Menschen machten auf Online-Plattformen auf die Problematik des Entwurfes aufmerksam und verwiesen auf die Petition, mit der Bitte diese zu unterzeichnen. Die Sammlung der Unterschriften führte vorerst zu einem Erfolg: die Gespräche über den Entwurf wurden vorübergehend eingestellt.

Nun soll der Entwurf ausgearbeitet und verbessert werden. Einen solchen Aufschrei kann und darf Jens Spahn nicht ignorieren. Auch Frau Daams ist „gespannt wie der Entwurf verändert, beziehungsweise verbessert wird. Denn grundlegend ist eine Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung sinnvoll.“ 

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