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GESELLSCHAFT

„Ist nicht böse gemeint, aber...“ - Ungebetene Ratschläge auf Instagram

Ricardo Brüning und Rebecca Worbs erleben das Phänomen der ungebetenen Ratschläge tagtäglich. [Foto: Ricardo Brüning/Rebecca Worbs]

08.06.2021 14:04 - Mona Belinskiy

Immer wieder kommt es vor, dass Menschen Ratschläge geben, um die sie niemand gebeten hat. Besonders gut kennen das Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. So wie das Influencerpaar Ricardo Brüning und Rebecca Worbs. Beide sehen sich oft mit ungebetenen Ratschlägen und Meinungsäußerungen konfrontiert, besonders wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht.

Ricardo und Rebecca verfolgen auf ihren Kanälen kein klares Konzept. Ihr Kanal soll ihr Leben widerspiegeln und sie teilen das, was sie bewegt. Möglichst alltagsnah und ehrlich. Und zu alltagsnahen Themen haben viele Menschen eine Meinung und teilen sie, auch wenn niemand danach fragt. „Meist beginnt es mit Floskeln wie: ,Ist nicht böse gemeint, aber…’ oder ,Meinst du nicht, dass es besser wäre, wenn…’”,  erklärt die Influencerin. Was dann folgt, sind verbale Ohrfeigen, verschleiert in vermeintlich gut gemeinten Ratschlägen.

Ricardo hat seinen eigenen Umgang mit solchen Nachrichten gefunden. „Meistens ignoriere ich sowas. Aber wenn jemand mich oder mein Leben angreift, gehe ich in die Konfrontation“, erklärt er. Ganz im Gegenteil zu seiner Freundin Rebecca: „Ich bin so sensibel was das angeht. Manchmal lege ich dann für den Rest des Tages mein Handy weg, weil ich Angst davor habe, was das mit mir macht. Auch wenn ich glaube, dass ignorieren nicht der richtige Weg ist.“

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Laut der Essener Psychologin Miriam Salihy ist das Ausblenden gar nicht so verkehrt: „Es macht natürlich einen riesen Unterschied, ob man so etwas von einer nahestehenden oder einer fremden Person über Social Media hört. Im zweiten Fall ist es gut, sich nicht zu stark damit auseinanderzusetzen.“ Oft würden solche Nachrichten lediglich als Ventil für den eigenen Frust im Alltag dienen und nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun haben. „Wenn es dem Autor oder der Autorin einer solchen Nachricht nur um das Gefühl von Selbstwirksamkeit oder um hierarchische Faktoren geht, ist die Konfrontation nicht sehr zielführend. In dem Moment bekämpft man Feuer mit Feuer“, sagt die Psychologin.

Nachhaltigkeitsbewegung besonders kritisch

Besonders häufig beobachtet das Influencerpaar das Phänomen in der Nachhaltigkeitsbewegung auf Instagram. „Einige Influencer:innen äußern sich schon gar nicht mehr öffentlich zu dem Thema, weil die Szene besonders nachtragend und aggressiv ist“, beschreibt Ricardo. „Viele denken, wir sind unfehlbar, dabei hat doch gerade Nachhaltigkeit nichts damit zu tun, perfekt zu sein.“

Warum gerade die Nachhaltigkeitsszene so kritikanfällig ist, erklärt Salihy so: „Viele Menschen möchten gerne nachhaltiger leben. Dabei kann es schnell passieren, dass man in einen Konflikt zwischen eigenen Ansprüchen und tatsächlicher Leistung gerät. Durch die Alltäglichkeit des Themas wird einem dann leicht vor Augen geführt, wo die eigenen Grenzen liegen.“ In solchen Momenten dienen die vermeintlichen Fehler der anderen als Frustventil.

Ungebetene Ratschläge 2.pngBevor man einen ungefragten Ratschlag versendet, sollte man auch seine eigenen Motive noch einmal hinterfragen, rät die Psychologin. [Bild: pixabay]

Für Rebecca ist diese Art der Meinungsäußerung schwer nachzuvollziehen: „Ich verstehe oft die Intention nicht. Wieso bringen Menschen die Energie auf, mich verbessern zu wollen?“ Auch wenn es nicht so scheint, kann das Motiv laut Salihy auch positiv sein. Zum Beispiel, wenn Personen das Gefühl haben, dass es dem Gegenüber mit dem eigenen Wissen besser gehen würde. Dann sei es für sie meist nur schwer auszuhalten, sich mit Tipps zurückzuhalten.

Dabei werde aber oft vergessen, dass sich Menschen nicht immer gleich verhalten - auch nicht, wenn sie die gleichen Informationen haben wie man selbst. Das weiß auch Ricardo: „ Oft machen wir Dinge aus einem bestimmten Grund so wie wir sie machen. Aber es kommt eigentlich nie eine Nachfrage, sondern direkt ein Verbesserungsvorschlag.“

Psychologin rät zu mehr Selbstreflexion

Grundsätzlich freuen sich Rebecca und Ricardo über Tipps, aber der Grad zur Verurteilung ist schmal. Die Influencerin wünscht sich mehr Empathie: „Viele schreiben sehr intuitiv, ohne sich vorher zu fragen: Was macht meine Nachricht mit der anderen Person? Worte sind Macht, damit müssen wir verantwortungsbewusst umgehen.“ Das Gespräch mit einer Frage zu beginnen, mit der man herausfindet, ob Interesse an den eigenen Gedanken besteht, sei laut Salihy eine gute Lösung. So überlässt man dem anderen die Entscheidung. Über dieser Art der Kommunikation würde sich auch Ricardo freuen: „Aussagen vermitteln schnell das Gefühl von Angriff. Fragen hingegen äußern den Eindruck von ernsthaftem Interesse.“

„Bevor man einen Ratschlag aus Eigeninitiative versendet, sollte man seine eigenen Motive noch einmal hinterfragen. Geht es mir um Selbstwirksamkeit oder möchte ich wirklich helfen?“ rät Miriam Salihy. Außerdem sei es wichtig zu erkennen, dass jeder Mensch das Recht auf seine eigene Entwicklungsgeschwindigkeit hat. „Es ist viel effektiver, wenn wir unseren Lösungsweg selbst erarbeiten. Deswegen kann es sinnvoll sein, sich in Sachen Ratschläge geben zurückzunehmen.“ Zu erkennen, dass Menschen Dinge anders tun als man selbst und damit trotzdem zufrieden sind, könne erschütternd sein. Man sollte sich stets vor Augen halten: Für jeden führt ein anderer Weg ins individuelle Glück.

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