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GESELLSCHAFT

Ist eine Online Therapie eine gute Alternative?

Der Vorteil and er Online Therapie: Man muss sein Bett nicht verlassen.(Symbolbild:Redaktion)

15.01.2019 19:58 - Redaktion

Es fehlen Therapieplätze, weshalb immer mehr Menschen zu Online-Diensten greifen. Doch kann das Gespräch im Chat die Face-to-Face-Begegnung wirklich ersetzen oder hat man das Gefühl, man kommuniziert mit einem Bot? Wir haben Instahelp ausprobiert.

Aus der Redaktion

Mich empfängt Pia* und stellt sich als Insta Coach vor. Sie sei nur dafür da, eine*n für mich passende*n Psycholog*in zu finden. Außerdem bestätigt sie, dass meine Daten und alles, was ich in dieser virtuellen Unterhaltung preisgebe, vertraulich bleiben. Der Frage-Marathon beginnt: Ich schildere ihr mein Problem, meine Prüfungsangst. Denn schon Monate vor der anstehenden Klausur belastet sie mich. Raubt mir den Schlaf, somit meine Energie und Konzentration. Wenige Stunden davor muss ich mich überwinden, hinzugehen. Denn in mir arbeitet die Angst, die mir konstant einredet: Du bist zwar sehr gut vorbereitet, schaffst es aber nicht. Du schaffst allgemein nichts, landest deswegen eines Tages auf der Straße und enttäuscht dein gesamtes soziales Umfeld. Wenn ich anfange zu kämpfen und nachher doch im Hörsaal sitze, wird mir nicht selten schlecht und ich muss mich übergeben oder aber ich habe einen Blackout. In beiden Fällen fällt es mir schwer, mich wieder zu beruhigen und die Prüfung fortzusetzen. Pia bedankt sich für meine Offenheit und kann meine Befürchtungen, mich jetzt im Master erneut da durch quälen zu müssen, gut nachvollziehen.

Kein Social Bot

Da sie spontan auf meine persönlichen Erfahrungen reagiert, kann sie kein Social-Bot sein. Insgesamt fällt es mir leichter, ihr sehr offen von meinem Klausur-Horror zu berichten, denn in die Augen schauen muss ich ihr nicht. Ich bin in der Lage, mich prägnant mitzuteilen. Vielleicht ist diese Leichtigkeit nicht auf die Kommunikationssituation zurückzuführen, sondern darauf, dass ich mich dahingehend sehr stark reflektiert, also schon an mir gearbeitet habe.

Nachdem Pia ungefähr einschätzen kann, was mich bedrückt, teilt sie mir mögliche Angebote mit. Die Kosten variieren zwischen 49 und 69 Euro je nachdem wie oft ich unter der Woche eine Beratung wünsche und dauern jeweils 40 Minuten. Ich entscheide mich für die 1-mal-inder-der-Woche-40-Minuten-Variante und lande bei 49 Euro im Monat. Das Modell ist wöchentlich kündbar und die erste Sitzung reduziert. Der Gesprächsverlauf wird gespeichert. Pia hat nur solange darauf einen Zugriff, bis der*die Psycholog*in den Chatroom betritt. Es gibt außerdem eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Anders als Deprexis und Master-Mind zählt Instahelp nicht zu den kostenlosen Online-Interventionen, die einige Krankenkassen übernehmen.

Auswahl von drei geeigneten Psychotherapeut*innen

Mich erwarten dann drei Links zu Profilen. Darauf ersichtlich sind Berufserfahrung, Fachbereiche, eine Beschreibung, in der die jeweilige Person schildert wie sie ungefähr arbeitet, ein Porträtfoto, Bewertungen von Patient*innen, die mindestens drei Wochen an der Online-Therapie teilgenommen haben und in welchen Sprachen diese möglich ist. Letzteres ist nicht immer geschrieben, sondern teilweise nur als Sternbewertung vorhanden. Ich entscheide mich für eine Psychologin mit 20 Jahren Berufserfahrung und 4,5 von 5 Sternen, die auf Ängste sowie Phobien spezialisiert ist und die Therapie darauf auslegen möchte, mein Selbstwertgefühl zu stärken. Pia leitet dann den Bezahlprozess ein, der einer üblichen Onlinebestellung entspricht. Sie bleibt für Rückfragen ansprechbar.

Um weiterhin zu testen, wie intensiv sie sich gerade tatsächlich mit mir beschäftigt, stelle ich Pia mittendrin die Frage, was sie überhaupt für eine Qualifikation hätte. Den Master in Psychologie habe sie schon abgeschlossen, nun würde ihr noch die Therapeut*innenausbildung fehlen. Sie fragt, ob ich noch etwas über sie wissen möchte.

Als ich keine weiteren Fragen mehr habe, betritt die Therapeutin Wilma* den Chat. Von nun an hat sie 24 Stunden Zeit, mit mir einen Termin zu vereinbaren. Wenn eine Nachricht im Chat ungelesen bleibt, werde ich via Email darauf aufmerksam gemacht. Gerade einmal 50 Stunden Zeit bleiben bis zu meiner ersten Sitzung. Ich bin überrascht wie schnell ich einen Termin bekomme. Wilma bietet mir außerdem an, dass wir auch videochatten oder nur telefonieren könnten wie auch uns zeitlich versetzt Nachrichten schreiben. Für den Test bleibe ich beim Chatten.

Die erste Sitzung…

Fünf Minuten zu früh fragt Wilma, ob wir anfangen können: „Ich habe den Verlauf mit Pia schon gelesen, um mir einen Einblick zu verschaffen. Können sie mir trotzdem noch mal schildern, was ihr Problem ist.” Ich berichte ihr also von meiner Prüfungsangst. Wie Pia zeigt Wilma sich ebenso verständnisvoll. Sie will außerdem wissen, wie meine Lebenssituation ist und ob ich zum Beispiel unter finanziellem Druck stehe. Meine Antwort lautet ja, da ich Studienschulden zurückzahlen wie auch ein Familienmitglied unterstützen muss. Darüber hinaus fragt wie sie mich, ob ich noch in anderen Situationen  außer bei Prüfungen Angst hätte. „In Bewerbungsgesprächen. Ich bin allgemein unsicher, wenn ich privat auf Fremde zugehen muss.” Sie fasst zusammen: „Ihre Angst breitet sich also auf soziale Situationen aus.” Auch sie kann kein Bot sein, schließlich reagiert sie spontan auf meine Informationen. Denn eigentlich ist diese Unsicherheit nichts Typisches für Prüfungsangst.

Nachdem sie noch mal erwähnt, dass sie meine Daten vertraulich behandelt, möchte sie mir erklären, was Angst eigentlich ist. Zuerst fragt sie, was ich schon weiß und schickt mir von da an Informationen in Häppchen, also als einzelne Nachrichten. Was mir dabei hilft, ihr folgen zu können. Sie verwendet Beispiele aus dem Alltag, um mir zu erklären, warum meine Prüfungsangst irrational ist. „Ihr Angstapparat setzt wie zum Beispiel vor einem Unfall normal ein. Autofahrt - Unfall und deswegen Gefahr - Angst. Der Unterschied dabei, die Angst ist vorbei als auch der Unfall vorbei ist. Ihre Prüfungsangst startet schon lange vor der eigentlichen Gefahr, weshalb sie keinen Abschluss findet und der Angstapparat quasi ewig weiterarbeitet.”

So habe ich das tatsächlich noch nie gesehen! Immer wieder fragt Wilma, ob ich folgen könnte und anschließend auch, was ich von der Therapie erwarten würde. „Ich wünsche mir Tricks, die ich anwenden kann, um mich aus dem Blackout zu befreien oder davor zu bewahren, mich zu übergeben.”

Trotz Erfahrungen mit Verhaltenstherapie neues Input

Was mich dann sehr überrascht: Wilma äußert klar, dass meine Vorstellung auf diesem Weg nicht möglich sei. „Ich bin auch schon an Tricks gescheitert, obwohl man sie versuchen kann. Meiner Erfahrung nach besteht nämlich das Risiko, dass Ihr Gehirn die Informationen fehlinterpretiert und ihre Angst deswegen eher unterstützt, als auszuhebeln.” Obwohl ich schon mit zahlreichen Psychotherapeut*innen gesprochen habe, ist das ein völlig neuer Input für mich. Ein bischen wie ein Aha-Moment! Bisher wurden mir vermeintliche Tricks in einer Art Werkzeugkasten verkauft, zu dem ich aber nie so wirklich Zugriff hatte. Was Wilma stattdessen vorschlägt: „Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, Ängste, sprich Gedanken, Gefühle und Impulse in ein anderes Licht zu rücken.” Wie genau das funktionieren soll, erklärt sie allerdings noch nicht.

Zu ihrer Verteidigung: Sie überzieht bereits zwölf Minuten. Im Anschluss fragt sie mich, ob ich mir weitere Sitzungen mit ihr vorstellen könnte. Zugegeben: Ich habe mich zu keinem Moment unwohl gefühlt, jedoch hatte ich Probleme mich 40 Minuten wirklich auf den Chatverlauf zu konzentrieren. Irgendwann klickt man sich dann doch “nur ganz kurz durch das Internet”. Deswegen schlägt Wilma vor, die nächste Sitzung via Telefon oder Videochat abzuhalten, was ich zu Beginn noch entscheiden könnte. Ob die Online-Therapie eine gute Alternative ist, kann ich jetzt noch nicht beurteilen. Positiv überrascht bin ich auf jeden Fall.

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Unsere Redakteurin Lena Janßen würde am liebsten Sommerschlaf halten, denn auch im Sommer verbringt sie ihre Zeit gerne im Bett.
 

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