Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Isolations-WG und Beziehungsquarantäne

29.11.2020 18:49 - Sophie Schädel

Pauline* und ihr Freund Max* wohnen zusammen. Er wurde positiv auf Corona getestet. Das Gesundheitsamt verordnete 14 Tage Quarantäne. Die beiden durften sich in der eigenen Wohnung nicht begegnen. Wie haben sie das überstanden, und was hat das mit ihrer Beziehung gemacht?

„Max hatte Geburtstag. An dem Tag hat das Gesundheitsamt angerufen und gesagt, dass er sich testen lassen muss, weil sein Kollege positiv war“, erzählt Pauline. „Ich musste direkt mit in Quarantäne.“ Einen Tag später lässt Max sich testen, zwei Tage später kommt die schlechte Nachricht: Sein Test ist positiv. Das Gesundheitsamt erklärt am Telefon, was jetzt zu tun ist: Max muss in Quarantäne. Pauline auch, und sie muss sich testen lassen. Solange unklar ist, ob sie sich schon angesteckt hat, muss sie sich zusätzlich von ihrem Freund isolieren.

„Max musste auf der Couch schlafen, ich habe im Schlafzimmer im Bett geschlafen. Wir waren nie gleichzeitig in der Küche oder im Bad.“ Das Gesundheitsamt stellt Bedingungen, die das Paar nicht erfüllen kann. „Eigentlich hätten wir nicht mal dasselbe Bad benutzen dürfen, ganz lustig. Die haben uns angerufen und gesagt, ihr müsst in Quarantäne, auch voneinander. Wenn ihr eine Zweitwohnung habt, zieht einer von euch da rein, ansonsten benutzt halt auch euer zweites Bad.“ Ein zweites Bad haben sie nicht, eine Zweitwohnung schon gar nicht, also desinfizieren sie oft Dinge, die sie teilen müssen, und lüften viel.

Eine kurze Schummelei

Erst denken die beiden, dass dieser Zustand nur kurz dauern würde. Er hat schließlich Corona und geht fest davon aus, Pauline angesteckt zu haben. Dann hätten die beiden gemeinsam die restliche Quarantäne absitzen können. Doch als Paulines Testergebnis nach einer Woche kommt, ist es wider Erwarten negativ. „Da hatte ich einen Heulanfall. Eigentlich bescheuert, man wünscht sich ja nicht positiv zu sein“, sagt Pauline und muss bei der Erinnerung lachen. Lieber wäre sie infiziert, danach – nach aktuellem Kenntnisstand – vermutlich immun, und hätte zwei Wochen mit Max zuhause verbracht, als sich statt nur von der Außenwelt auch von ihm fernhalten zu müssen.

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Eine ungewöhnliche Hoffnung: die auf einen positiven Test.
[Foto: Sophie Schädel]

„Dann kam eben die Zeit, in der ich es richtig schlimm fand, ihn nicht zu sehen. Auch, weil sich in der Zeit wichtige Sachen bei meinem Freund entschieden haben“, erzählt sie. „Seine Ausbildung war zu Ende und er hat seine Wunscharbeitsstelle bekommen. Ansonsten hätten wir vielleicht umziehen müssen. Wir haben uns beide total gefreut, uns über den Flur zugewunken und gesagt: Hey wie cool, ich freu mich hier drüben. Das war total verrückt.“ Zur Feier des Tages und weil Pauline nicht darauf verzichten mag, sich mit ihm gemeinsam über seine Jobzusage zu freuen, entscheiden sie sich, die Regeln zu brechen. „Wir haben uns die Hände gewaschen, uns Masken aufgesetzt und uns ganz kurz umarmt und sind dann wieder schnell auseinandergelaufen. Einmal haben wir also gecheatet.“

Emotional erleben Pauline und Max während ihrer Quarantäne eine Achterbahnfahrt. An manchen Tagen raffen sie sich auf, versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Sie gestalten einen Raum in ihrer Wohnung um, der ihnen schon lange nicht mehr gefallen hat. „Wir haben viel gegessen, um uns die Zeit zu vertreiben“, berichtet Pauline. „Und geschlafen und nichts gemacht. Die ein oder andere Flasche Wein gab es auch.“ Sie setzen sich oft auf ihren großen Balkon, wo sie mit Abstand und an der frischen Luft quatschen können.

Sorge um Max

Sie sind normalerweise ein Paar, das sich gegenseitig stützt und viele Zärtlichkeiten austauscht. „Ich bin eher die Emotionale in der Beziehung, und Max gibt mir Rückhalt und nimmt mich in den Arm, wenn ich traurig bin“, beschreibt Pauline das Problem. „In der Quarantäne konnten wir, wenn es uns schlecht ging, nur reden und uns sagen: Ach, das wird wieder, bald ist es vorbei. Ich habe mich selten so allein gefühlt.“ Gerade in dieser Situation hätte sie eine lange Umarmung gebraucht. Beide können sich nicht daran gewöhnen, dass das jetzt nicht geht.

Erschwerend kommt hinzu, dass Pauline sich Sorgen um Max macht. Er hat nur milde Symptome und fühlt sich recht fit. Aber auch bei jungen Infizierten kann sich das schnell ändern. Pauline malt sich nicht konkret aus, wie schlimm es werden könnte. „Aber ich hatte Bammel wegen der Vorstellung, dann nicht für ihn da sein zu können. Darum war ich sehr froh, als seine Symptome leicht waren und dann weggegangen sind.“ 

Auch als Max die Krankheit offenbar überstanden hat, müssen er und Pauline weiter in Isolation bleiben, bis die 14 Tage um sind, die das Gesundheitsamt in solchen Fällen vorsieht. Die Zeit zieht sich wie Kaugummi. Wie verlockend war es, heimlich gegen die Regeln zu verstoßen und sich wieder nah zu sein? „Schon ziemlich“, gibt Pauline zu. „Ich hatte keine große Angst, dass die Krankheit bei mir schlimm werden könnte. Wäre ich positiv gewesen, hätten wir wieder Kontakt haben dürfen.“ Doch dann wäre das Gesundheitsamt davon ausgegangen, dass Pauline sich am letzten Tag der 14 Tage Quarantäne von Max angesteckt hätte, und beide hätten weitere 14 Tage in ihrer Wohnung bleiben müssen. „Und das hätten wir uns wirklich nicht vorstellen können“, begründet Pauline. Trotzdem sehnen sich die Beiden nacheinander.

Zurück in die Freiheit

Sie haben sich nichts zu erzählen, weil niemand von ihnen etwas Neues erlebt. Früher haben sie nie gestritten, jetzt gibt es oft Reibereien zu Kleinigkeiten. „Spülmaschine nicht ausgeräumt, Klodeckel nicht runtergeklappt. Die unnötigsten Dinge“, erinnert sich Pauline und muss lachen.

Schließlich kommt aber der lang ersehnte 15. Tag, die Quarantäne ist beendet. „Als wir uns wieder berühren durften, war das wieder wie am ersten Tag der Beziehung“, erzählt Pauline und muss grinsen. „Die erste Umarmung, der erste Kuss, das war wieder so richtig schön. Wir haben die engen Berührungen und uns überhaupt zu sehen noch mehr zu schätzen gelernt.“ Sie verbringen die ersten beiden Tage viel Zeit im Bett und machen lange Spaziergänge. Die Streitereien hören auf, die Beziehung ist, als wäre nichts gewesen.

Was bleibt, ist die Sorge vor der Zukunft. Max dürfte immun sein, Pauline kann jederzeit Corona bekommen. „Dann muss ich wieder in Quarantäne. Oder wir müssen in Quarantäne, weil jemand aus unserem Freundeskreis infiziert ist. Ich will das auf gar keinen Fall nochmal durchmachen. Meine Emotionen machen das nicht nochmal mit.“

*Namen von der Redaktion geändert
 

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