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GESELLSCHAFT

Illegale Raves statt Partys mit Hygienekonzept

Momentan nicht legal möglich [Foto: Jacqueline Brinkwirth]

25.08.2020 14:10 - Jacqueline Brinkwirth

Großveranstaltungen ohne Abstands- und Hygienekonzept sowie der Betrieb von Clubs und Diskotheken sind in NRW bis mindestens 31. Oktober verboten. Die Konsequenz ist ein seit mittlerweile fünf Monaten andauerndes Berufsverbot für Clubbetreiber:innen und Veranstalter:innen. Spezielle Sicherheitskonzepte gibt es zwar bei einigen Events, doch diese kommen unter Feiernden nicht immer gut an. Zugleich häufen sich die Berichte über illegale Raves und private Partys mit einigen hundert Teilnehmenden. Wie hängt das zusammen?

Mit Inkrafttreten der Coronaschutzverordnung mussten Clubs und Diskotheken vorerst schließen, Großveranstaltungen wie Open-Airs, Konzerte und Theateraufführungen wurden abgesagt oder verschoben. Mittlerweile dürfen Theater unter Auflagen wieder spielen und auch Open Airs und Musikveranstaltungen können mit einem speziellen Hygienekonzept wieder mit mehr als 150 Menschen stattfinden.

Lösungen wie diese gibt es für Clubs bislang nicht. Zwar können Tanzveranstaltungen grundsätzlich stattfinden, allerdings nur unter freiem Himmel und unter Einhaltung vergleichsweise strenger Regelungen.

Clubbetreiber:innen und Veranstalter:innen stehen seit März vor der Frage, wie sie die Zeit überleben, bis die Clubs wieder öffnen dürfen. So auch Ahmet Sisman vom Essener Kollektiv The Third Room. Bekannt ist The Third Room vor allem für Raves in der Mischanlage auf Zeche Zollverein oder in der Kreuzeskirche in Essen. „Ich glaube, keiner konnte Anfang des Jahres erahnen, welche Auswirkungen diese Pandemie auf die Musikindustrie haben wird. Ich kann es immer noch nicht ganz genau einschätzen, weil es ein sehr dynamischer Prozess ist“, erklärt Sisman gegenüber Fazemag.

Alle geplanten Veranstaltungen für die erste Hälfte des Jahres musste das Kollektiv aufgrund der Pandemie absagen oder verschieben. In der Folge brachten Ticketrückerstattungen und der Einbruch von Einnahmen das Unternehmen an den Rand der Pleite. „Wir hatten dieses Jahr Großes vor und es war eigentlich unser Expansionsjahr mit der Marke. Es ist wirklich erschreckend zu sehen, wie einfach externe Faktoren einem die ganze harte Arbeit kaputt machen können. Das musste man erst mal verdauen“, blickt Sisman zurück. Anfangs habe er sich mit anderen Projekten abgelenkt. „Aber je länger die Krise andauert, desto mehr merkt man, wie machtlos man gegenüber solch einem Phänomen ist. Diese Ohnmacht zu spüren ist für mich persönlich was völlig Neues.“

Illegale Raves statt Partys mit Hygienekonzept

Mit den Lockerungen der Schutzmaßnahmen eröffnet sich Anfang August auch für The Third Room die Möglichkeit, eine Open-Air-Veranstaltung mit Hygienekonzept auf die Beine zu stellen. Der Open Air Garden auf dem Gelände der Zeche Zollverein sollte allerdings nie stattfinden. Der Grund: kaum Ticketverkäufe. „Es sind aktuell keine Veranstaltungen mit geselligem Charakter erlaubt. Das ist quasi die Essenz unseres Geschäftsmodells. Ein Rave ohne ein Miteinander ist einfach nicht vorstellbar. Man kann sich schönreden, dass es auch anders geht, aber eigentlich belügt man sich damit selbst“, macht Sisman klar.

Coronaleugner*innen demonstrieren in Dortmund

 

Zur gleichen Zeit häufen sich die Berichte über illegale Raves und private Partys mit mehreren hundert Teilnehmenden – ein deutliches Zeichen dafür, dass junge Menschen feiern möchten. Doch Feiern mit strikten Regelungen, Abstandsgeboten und Maskenpflicht scheint für viele Menschen keine Option zu sein. Öffentlich sind Partys ohne Beschränkungen immer noch verboten, das treibt die Feiernden in den Schatten der Illegalität. Über einschlägige Facebook- oder Telegram-Gruppen werden jedes Wochenende nicht erlaubte Raves organisiert. Hotspots dafür sind Großstädte wie Berlin, Köln, Dortmund und Essen. Die Attraktivität „regelfreier“ Raves sei auch ein Faktor, warum sich Veranstaltungen wie der Open Air Garden nicht durchsetzen, so Sisman.

Das wirft die Frage auf, ob die Feiernden der Szene und einer möglichen Wiedereröffnung der Clubs mit illegalen Veranstaltungen schaden. Die Antwort ist an dieser Stelle allerdings nicht so klar, wie sie vielleicht erscheint. Denn: Illegale Raves gibt es in der Technoszene seit jeher. Tatsächlich findet sie mit den Warehouse Raves in den 1980er Jahren darin sogar ihren Ursprung. Die Maximen der damals noch jungen Technokultur sind vor allem Akzeptanz aller Menschen und grenzenlose Freiheit, das hat sich bis heute nicht geändert.

Blickt man auf diese Geschichte zurück, so wird vielleicht auch klar, warum viele junge Menschen mitten in einer Pandemie illegale Raves einer Party mit Hygienekonzept vorziehen. Miteinander, Nähe, Gemeinschaft als grundlegende Faktoren einer Kultur werden durch Schutzmaßnahmen ausgehebelt – was angesichts steigender Fallzahlen und immer noch hohem Ansteckungsrisiko in großen Menschenmengen natürlich wichtig und richtig ist.

Dabei sollte allerdings nicht unterschätzt werden, dass Tanzen und Feiern auch Kulturgüter und Sorglosigkeit und Freiheitsliebe Privilegien der Jugend sind. Wenn also über eine Öffnung der Fußballstadien für Publikumsverkehr nachgedacht wird, sollten Politiker:innen sich auch mit Konzepten für die Wiederaufnahme des Clubbetriebs beschäftigen. Die Rechnung dahinter ist einfach: Je länger Tanzveranstaltungen verboten sind, desto weiter verlagert sich der Partybetrieb ins Zwielicht der Illegalität – und gerät dort immer weiter außer Kontrolle. Damit muss vorerst auch Ahmet Sisman leben: „Für uns ist klar geworden: Wir machen keine Events mit strikten Hygiene- und Sicherheitsmaßen, die den Vibe der Veranstaltung zerstören. Solange die Zeit für ein geselliges Miteinander nicht reif ist, werden wir die Füße stillhalten müssen.“

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