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GESELLSCHAFT

Identität im Kaukasus: eine komplizierte Angelegenheit

Der Kaukasus ist ein Hochgebirge. [Symbolbild: pixabay]

22.02.2021 13:19 - Özgün Ozan Karabulut

Im Zweiten Weltkrieg deportierte die sowjetische Regierung Tschetschenen und Inguschen nach Zentralasien. Professorin Eva-Maria Auch lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin die Geschichte Aserbaidschans und hat uns Einblicke gegeben, wie sich Nationenbildung, Staatlichkeit und Erinnerungskulturen im Nordkaukasus ausdrücken.

ak[due]ll: Welche Faktoren müssen zusammenkommen, um von einer Nation zu sprechen?

Eva-Maria Auch: Es gibt keinen allgemein anerkannten und eindeutigen Nationsbegriff, sondern verschiedene Modelle, die als philosophische oder ideologische Kategorien von nationalstaatlichen Bewegungen genutzt wurden. Mit den amerikanischen und französischen Revolutionen verbreitete sich die Idee einer „Staatsbürgernation“ mit einer Gemeinschaft von Menschen, die sich durch eine Idee verbunden fühlen. Das war damals eine bahnbrechende Idee: unabhängig vom sozialen Status, von ethnischer Abstammung oder religiösen Vorstellungen sollte das Bekenntnis zu gemeinsamen Werten der Verfassung die Staatsangehörigkeit definieren. In einer Staatsbürgernation sollte allein vom Staatsvolk alle legitime Macht ausgehen.

Das zweite Modell ist das „Kulturnationsmodell“, welches das Volk als ethnos in Abstammungs- und Kulturgemeinschaft in das Zentrum stellte und nicht nur in Deutschland Verbreitung fand. Bis heute spielt es im postsowjetischen Raum eine zentrale Rolle, da die bolschewistische Definition von Stalin aus dem Jahre 1913 „Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart“ bis heute nachwirkt und Sprache, Geschichte, Sitten und Bräuchen plus Territorium und gemeinsame Wirtschaftsformen zu Kriterien einer Nation machte.

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ak[due]ll: Was sind die Anfänge der Nationen im Kaukasus?

Auch: Mit dem kolonialen Vordringen nach Kaukasien im 19. Jahrhundert wird aus Aufklärungsideen eine Unterteilung in „eigene“ und „fremde“ Völkerschaften. Eine „zivilisatorische Mission“ der christlichen Russen sollte vor allem die „wilden (überwiegend muslimischen) Bergvölker (Gorcy)“ zähmen. Mehr als ein halbes Jahrhundert des Kampfes gegen die aufständische Bergbevölkerung in Nordkaukasien prägte russische und kaukasische Identifikationsbildung.
Das Imamat unter Scheich Schamil in den 1840er/50er Jahren versuchte eine Art Staatlichkeit der nordostkaukasischen Muslime.

Wenn man überhaupt von früher Staatlichkeit sprechen kann, so war der ideologische Kern sicher kein nationaler. Die Basis, die der Solidarisierungsgemeinschaft zugrunde lag, bildeten mystischer Islam und tribale Gleichheits- und Solidarisierungsvorstellungen, die Stammeszugehörigkeit und Sprachenvielfalt überdecken sollten. Das gelang dort, wo es einen geringen sozialen Differenzierungsgrad gab. Unter den „Gorcy“ (Tschetschenen, Inguschen, Teilen der dagestanischen Volksgruppen) fand man eine sehr gering ausgeprägte Hierarchisierung, anerkannte Führer der Teips (Familienverbände) waren diejenigen, die die Familie und den Sippenverband schützen und ernähren konnten.

Ein Überleben war nur im Kollektiv möglich. Als Schamil sein Staatswesen organisierte und dies eine soziale Hierarchisierung mit sich brachte, begann der Widerstand gegen die kolonialen Eroberer zu bröckeln. Von einer „staatlichen Tradition“ unter Tschetschenen und Inguschen kann also für diese Zeit kaum die Rede sein. Formen moderner Staatlichkeit wurden als Erfahrung von zarischer Staatsgewalt, also Fremdherrschaft, und letztlich erst nach der Oktoberrevolution 1917 gesammelt.

ak[due]ll: Wie hat sich das Nationenverständnis im Umbruch hin zur Sowjetunion ausgedrückt?

Auch: Die imperiale zivilisatorische Mission ging über in einen Nationalismus, der die russische Sprache und die russisch-christliche Orthodoxie in den Mittelpunkt rückte. Hatten der Stolz und der Widerstandsgeist der Bergvölker beeindruckt, nimmt bis heute die Erfahrung der Niederwerfung der Kaukasier einen prominenten Platz in der Geschichte der russischen Armee ein.

Nationale Identitäten entwickelten sich also auf allen Seiten entlang imperialer und kolonialer Erfahrungen. Die Sozialdemokratie im russländischen Imperium musste sich also zwangsläufig nicht nur mit der sozialen, sondern auch mit der nationalen Frage auseinandersetzen. Hier gab unter anderem Stalin 1913 die Position der Bolschewiki wieder, die in der Definition von Nation deutliche Einflüsse des deutschen Kulturnationsmodells zeigt.

Die Verknüpfung von gemeinsamer Sprache mit Territorialgeschichte sollte sich dabei als äußerst problematisch erweisen. Überspitzt formuliert: „Du bist nur eine vollwertige Nation, wenn du über ein Territorium verfügst, das du seit ewigen Zeiten besiedelst” – wirkt bis heute in Konflikte der Region hinein. Und so zerbrachen auch vielfältige Versuche nationale Staatlichkeit in Kaukasien zu etablieren unter anderem an territorialen Streitigkeiten.

ak[due]ll: Welche Folgen hatte das Nationsmodell für Bewohner des Kaukasus?

Auch: Unterschiedliche geographische Bedingungen, kulturhistorische Erfahrungen und Sprachen gehen einher mit Kleinräumigkeit und kulturellen Ähnlichkeiten. Der Unifizierung der Wirtschaftsweisen und Lebenswelten stand zugleich eine Nationalitätenpolitik gegenüber. Insbesondere in Nordostkaukasien wurden immer wieder neue territoriale Einheiten organisiert, die kaum ethnisch homogen gelangen. Mit der Anfang der 1920er Jahre betriebenen Einwurzelungspolitik (Korenizacija), wurde „Nationales“ gefördert.

Es erfolgte die Schaffung nationaler Eliten, die auch mit der bolschewistischen Ideologie in der Nationalitätenfrage bekannt wurden. Das Denkmuster einer vollwertigen Nation verfestigt sich. Es entstehen nationale Institutionen wie Theater, Presse und damit erfolgt trotz aller Verfolgungen auch eine Institutionalisierung „nationalen Gedächtnisses“- Es entstehen nationale Erinnerungskulturen, die auf das „Eigene“ fokussieren und regionale Gemeinsamkeiten oftmals ausblenden. „Ich kämpfe um meine Erinnerungen und um mein Territorium, weil das Territorium mich als Nation ausmacht.“ - Das haben wir bis in die Endphase der Sowjetunion.

Kaukasus_deportation.jpgViele haben die Deportation in überfüllten Waggons nicht überlebt. [Symbolbild: pixabay]

ak[due]ll: Wieso wurden während des Zweiten Weltkriegs Tschetschenen und Inguschen deportiert?

Auch: Die Ölfelder waren strategische Ziele der deutschen Wehrmacht. Während Karatschaier und Balkaren unter deutscher Besatzung standen, blieb Ostwestkaukasien in den Händen der Roten Armee. Da jedoch an der Seite der Wehrmacht und SS-Verbände auch Kaukasische Hilfstruppen kämpften, die aus politischen Exilanten und Kriegsgefangenen rekrutiert worden waren, erhob die sowjetische Führung den Vorwurf der „Volkschuld durch Kollaboration“. In der Forschungsliteratur spricht man davon, dass 100 Jahre nach dem Widerstand der Bergvölker gegen die Russen diese nun bestraft werden sollten.

Fast vollständig wurden nach den Kaukasusdeutschen (Oktober 1941) in den Jahren 1943/44 Karatschaier, Kalmücken, Tschetschenen, Inguschen, Balkaren und Mescheten aus Kaukasien deportiert. Die tschetschenische Bevölkerung hat sich laut tschetschenischer Quellen durch die Deportationen halbiert. Die Traumatisierung durch die hohen Verluste wurde neben den Widerstandstraditionen des 19. Jahrhunderts zu einem zweiten wichtigen Narrativ der Erinnerungskultur.

Insbesondere unter den Tschetschenen gehört dazu, dass nach dem Tode Stalins sich viele auf den Weg in ihre Heimat machten und damit den Erlass zur Wiedererrichtung der Autonomie der Tschetschenen und Inguschen von 1957 vorwegnahmen. Diese Art von Widerstand aber auch Narrative von Schicksalsgemeinschaft und Solidarisierung wurden zu einem festen Bestandteil von Erinnerungskulturen und Identität

ak[due]ll: Wie sehen die Erinnerungskulturen in Tschetschenien heute aus? Gibt es Denkmäler, die an die Deportation erinnern?

Auch: Die offizielle Geschichtsschreibung wird sehr stark von Moskau kontrolliert. Die imperiale, sowjetische Geschichtsschreibung ist ein Teil der Erinnerungskultur. Bei den Denkmälern ist im Geiste Moskaus die Widerstandstradition des Zweiten Weltkriegs mit Kriegerdenkmälern ganz wichtig. Die Deportation lässt sich für die Tschetschenen auch aus dem offiziellen Erinnerungskanon nicht streichen. Es gibt Forschungen, Filme, Literatur. Es gibt Denkmäler, die nicht unbedingt erwünscht sind, die kann man nicht einfach liquidieren.

Das Problem war lange, dass man diese Kontinuitätslinie zwischen Widerstandstraditionen, Deportationen, Erstem und Zweitem Tschetschenienkrieg zieht und sich auf Moskau fokussiert. Aufarbeitung von Geschichte war und ist durch ihre Instrumentalisierung also hochpolitisch. De facto ergibt sich daraus eine „geteilte Erinnerungskultur“: auf der einen Seite eine moskautreue Interpretation, die gefördert wird und andererseits eine nationalistische, die oftmals wiederum Fragen der Interaktion, des interkulturellen Austausches vernachlässigt.

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