Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Ich war asexuell. Oder doch nicht?

Macht mir das wirklich keinen Spaß? Diese Frage hat unsere Gastautorin lange beschäftigt. [Symbolfoto: pixabay]

29.09.2021 13:40 - Gastautor*in

Zwei Jahre lang war sich unsere Gastautorin sicher: Sie ist asexuell. Sex hat ihr noch nie großen Spaß gemacht und sie hat nur aus Mitleid mit ihren Partnern geschlafen. In ihrer ersten Beziehung mit 16 dachte sie noch: Das ist normal, Frauen haben eben weniger Spaß an Sex. Und vielleicht war ihr erster Freund einfach nicht direkt der, der auch sexuell gesehen perfekt zu ihr passt.

Eine Kolumne

Ich nahm hin, dass Sex zumindest aktuell nicht meine Leidenschaft ist, und täuschte meine Erregung vor. Kurz vor unserer Trennung habe ich das mal in einem Nebensatz erwähnt, weil es für mich völlig normal war. Mein Freund schaute mich schockiert und dann tieftraurig an. Da wurde mir klar: Nie wieder werde ich einen Mann so verletzen, der mir am Herzen liegt. Ich habe also verschwiegen, wie nervig ich Sex fand.

Wie geht guter Sex?

Mira Salomon gibt als Sexualpädagogin Workshops, in denen Frauen* ihre Körper und ihre Lust besser kennenlernen können.
 

Dann kamen andere Beziehungen – und nichts änderte sich. Nicht weil meine Partner schlecht im Bett gewesen wären. Mittlerweile hatte ich ja etwas Vergleich und wusste, dass sie sich wirklich Mühe gaben. Ich wurde auch nie dazu gezwungen oder überredet, sondern schlief regelmäßig mit ihnen, weil ich wollte, dass sie sich in der Beziehung wohl fühlten, und für mich irgendwie klar war, dass zu einer guten Beziehung auch regelmäßiger Sex gehört.

Die Erkenntnis auf YouTube

Schließlich stolperte ich auf YouTube über ein Video, in dem beschrieben wurde, was Asexualität ist. Mein erster Gedanke: „Was für eine Scheiße, die beschreibt ja exakt mich!“ Das war ein Downer. Sex würde mir also nie Spaß machen? Ich war nicht traurig wegen des Sex an sich: Da ich noch nie guten Sex gehabt hatte, vermisste ich ihn nicht. Aber versucht mal, einen Freund zu finden mit der Catchphrase: „Hi, ich suche was Langfristiges. Hast du Lust auf ein Leben ohne Sex?“ Viel Erfolg.

Ich wagte es und fand tatsächlich einen Partner. Erst schlief ich ein paar Mal mit ihm, um ihm zu zeigen, dass das möglich ist. Dann erst sagte ich ihm, dass mir das keinen Spaß macht, es aber für mich ok ist, ab und an mit ihm zu schlafen. Ich glaube, das hat ihn ziemlich getroffen. Aber die Beziehung war schön, er blieb und wir hatten regelmäßig Sex. Also ging mein Leben als glückliche Freundin und genervte Sexualpartnerin weiter.

Was das Ganze für mich noch erschwerte, war, dass er sich in der weiblichen Anatomie nicht gut auskannte. Irgendwann nahm ich mir ein Herz und erklärte ihm den Unterschied zwischen Harnröhre und Klitoris. Er war fasziniert, lernte dazu – und ab da machte mir das Ganze Schritt für Schritt mehr Spaß.

Sind wirklich so viele Frauen asexuell?

Mir wurde dadurch klar: Wenn ich ehrlich bin, weiß ich recht genau, was unangenehm ist und was mir besser gefällt. Vielleicht ist Sex ja doch nicht so schlecht? Ich dachte viel darüber nach, was ich überhaupt mag, und achtete beim Sex bewusst darauf, statt mich nur darauf zu konzentrieren, möglichst begeistert zu wirken. Nach einigen Monaten fand ich es wirklich schön.

Heute würde ich mich nicht mehr als asexuell bezeichnen, ich bin oldschool hetero und fertig. Ich will hier niemandem die sexuelle Orientierung absprechen. Aber was mir nach meiner Vorgeschichte zu denken gibt: Warum sind viel mehr Frauen als Männer asexuell? Ein Datensatz aus den 90er Jahren zeigt, dass rund zwei Drittel aller Asexuellen weiblich sind. Meine These nach meinem Abstecher in die vermeintliche Asexualität: Sicherlich gibt es Menschen, die asexuell sind. Aber ganz bestimmt sind es nicht alle, die sich aktuell so bezeichnen. Gerade wir Frauen müssen besser verstehen, was wir mögen und was nicht. Und wir müssen lernen, das auch zu kommunizieren. Und schließlich sollten sich besonders die Männer, die mit Frauen schlafen, darauf einlassen.

 

Feminismus, Selbstständigkeit und Pornografie – ein Widerspruch?

Was passiert hinter den Kulissen von Sexfilmen? Wir haben eine Pornoproduzentin und eine Darstellerin gefragt.
 

Gib mir bitte noch einen Kuss

Wenn zwei Lippenpaare aufeinander treffen, dann entsteht ein Feuerwerk. Was in Körper und Geist passiert, erfahrt ihr hier.
 

Sexualisierte Selbstdarstellung: Ist das wirklich feministisch?

Gastautorin Lena Gröbe schreibt in ihrer Kolumne über die Ambivalenz der sexualisierten Selbstdarstellung.
 
Konversation wird geladen