Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Ich schlafe mit drei Männern

(Symbolfoto: mac)

17.09.2018 13:14 - Gastautor*in

Wenn du diesen Satz gelesen hast und dir gedacht hast „Was für eine Schlampe!“ dann bist du hier genau richtig. Setz dich, mach es dir gemütlich – gerne mit Kaffee und Keksen – und ich erzähle dir, warum ich als Frau nicht mehr meinen Traummann oder meine Traumfrau suche. Ich habe nämlich Schluss gemacht. Mit Monogamie. Wie und warum, das liest du in diesem Artikel.

Bis vor zwei Jahren wollte ich wahrscheinlich noch genau das Gleiche wie du: Liebe, den einen Menschen neben mir und eine feste Bindung. So erzählen uns das Hollywood, Eltern, Freund*innen, die Gesetze. Dann lag ich Ende letzten Jahres das erste Mal in einem Bett mit einem Mann und dachte an meinen Partner. Denn wenn ich anfangs Tim* traf, dachte ich an meinen festen Partner Fred*. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, obwohl die Beziehung von Anfang an offen war. Wir lernen: Wenn wir unseren Körper und unsere Gefühle teilen, bekommen wir Probleme. Aber mein Partner blieb, wir redeten im Nachhinein darüber. Ich habe mir auch negative Gefühle von ihm dazu angehört, war für ihn da, wenn er unsicher war.

Monogamie für mich: Von einer Beziehung in die nächste schlittern und am Ende einen großen Scherbenhaufen wegkehren.

Monogamie, das wollte ich neun Jahre lang. Heute bezeichne ich diese Zeit als mein Leben als „serielle Monogamistin“: Von einer Beziehung in die nächste schlittern und am Ende einen großen Scherbenhaufen wegkehren. Dann las ich. Über offene Beziehungen, Polygamie, Polyamory – also Sex oder Liebe mit mehreren Menschen – und fand die Idee ganz gut. Anstrengend fand ich, dass das „andere Beziehungsmodelle” genannt wurde. Denn nach „anders” kommt oft Ablehnung wegen Abweichung von einer Norm. Ich jedenfalls datete eine Weile, fand online zuerst Tim. Er ist poly und trifft mehrere Frauen neben mir. Ich datete weiter. Bis ich mich richtig verknallte. In Fred. Auch er fand Monogamie nicht so toll. Doppelter Zufall.

Versteh mich nicht falsch. Ich bin sehr verknallt in Fred, heute noch. Wir sehen uns sehr regelmäßig, schreiben uns jeden Tag. Er war für mich da und ich für ihn. Wir haben eine feste Beziehung. Nur, dass ich neben ihm noch Tim traf und davon erzählte. Für mich schließt sich das nicht aus: Ich kann tiefe Zuneigung  – manche nennen das dann Liebe – für Menschen empfinden. Und noch andere treffen. Seit drei Monaten treffe ich mich jetzt noch mit Marvin*, der in einer anderen Stadt wohnt. Auch das klappt.

Bescheid wissen. Das ist wichtig. Ich habe mit allen dreien Absprachen. Tim muss ich nicht direkt Bescheid wissen, wenn ich andere treffe. Fred mag es vorher und nachher wissen. Und Marvin erst danach. Ich persönlich möchte es nur nachher wissen. Das sind die Goldenen Regeln. Wir halten uns dran. Alles andere wäre ein Vertrauensbruch.

Du fragst dich sicher: „Und, wie ist das jetzt mit der Eifersucht?” Denn das fragen mich alle. Wir lernen: Teile nicht deine Beziehungen, denn sonst verlierst du sie – daher kommt die Eifersucht. Sie ist eigentlich Verlustangst und Konkurrenz mit anderen. Diese Erklärung hilft mir, damit umzugehen. Ich habe bis jetzt aber niemanden „verloren“. Und selbst wenn. Dann heißt das für mich loslassen. Akzeptieren, dass er oder sie anders versucht, Glück zu finden.

Dann ist da noch dieses Hollywood, Eltern, Freund*innen, das Gesetzes-Ding vom Anfang. Im Großteil der komödiantischen Liebesfilme, die sich Paare auf Netflix anschauen, wenn sie nicht diskutieren wollen, sind ein Mann und eine Frau zusammen. Das ist nicht nur heteronormativ, wenn eine dritte Person dazu kommt, ist sie noch dazu das personifizierte Böse. Filme bringen uns bei, heterosexuell monogam zu sein. Sie bringen uns nicht bei, mehrere Beziehungen zu haben. Kaum jemand hinterfragt das.

Ich fordere Verantwortung von den Männern ein, mit denen ich schlafe.

Als meine Mutter erfuhr, dass ich nicht mehr monogam leben möchte, sagte sie: „Kind, lass dich bloß nicht ausnutzen.“ Sie hatte als Alleinerziehende sehr schmerzlich gelernt: Männer in eigentlich exklusiven Beziehungen vögeln nur rum – Pardon für die Wortwahl – Frauen werden verletzt. Und das ist heute häufig auch noch so. Aber ich fordere Verantwortung von den Männern ein, mit denen ich schlafe. Sie hören sich stundenlang meine Probleme an. Sind sorgend. Helfen mir.

Meine Freund*innen waren offener. Generation Tinder: Es ist ein anderer Zeitgeist. Aber auch da sind Sätze gefallen, die wie Schläge in die Magengrube waren. Am schwersten fällt aber der fehlende Austausch. Meine Mono-Freund*innen können mit vielen Menschen über ihre Beziehungen reden und Ratschläge bekommen. Ich kann das nicht, weil ich entweder Tratsch befürchten muss oder Schulterzucken.

Noch schwerer fällt der Umgang mit den hiesigen Gesetzen. Auch ich habe mich über die „Ehe für alle“ gefreut. Nur, dass es für mich eben keine war. Man darf und soll immer noch nur einen Menschen heiraten, hier in Deutschland. §172 Strafgesetzbuch, neu aufgelegt erst 1998, schreibt vor: Wer zwei Ehen schließt, wird mit Geldstrafe oder drei Jahren Knast bestraft. Der*die Partner*in, die mit jemandem heiratet, der*die schon verheiratet, wird übrigens genauso bestraft, obwohl sie vielleicht nur ein Mal geheiratet hat. Mitgefangen, mitgeknastet.

Die Mehrehe wird in Deutschland trotzdem manchmal anerkannt, aber nur, wenn sie schon im Ausland geschlossen wurde. Nein, auch ich persönlich möchte nicht sektenmäßig mit einem Macker-Guru, Patriarch oder Heiratsschwindler verheiratet sein. Ich hätte aber gerne die Möglichkeit, wirklich alle zu heiraten, die ich heiraten mag. Ohne im Knast zu landen. Und dass man die gleichen staatlichen Erleichterungen erhält, wenn man sich überhaupt gegen das Heiraten entscheidet. Aber anscheinend sind wir noch nicht alle soweit, mit Monogamie Schluss zu machen.

Nochmal zurück zu dir. Du hast jetzt einen Text von einer Frau gelesen, die du vorher vielleicht als „Schlampe“ bezeichnet hättest. Wie war der Kaffee, wie der Artikel? Schreib es doch einfach hier drunter. Dann reden auch wir darüber. Vielleicht hilft das ja mit diesen dämlichen Vorurteilen. Ein guter Anfang wäre, niemand ohne ihre Zustimmung Schlampe zu nennen, bist du da bei mir?

*Alle Namen geändert

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