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GESELLSCHAFT

Ich habe mich im Spanien-Urlaub mit Corona infiziert

Die Quarantäne in Spanien ist eine psychische Belastung. [Foto: Saskia Ziemacki]
22.07.2021 16:58 - Saskia Ziemacki

Die Inzidenzen gingen im Juni runter – das spanische Festland war kein Risikogebiet mehr. Endlich wieder Urlaub, dachte ich mir. Doch da war ich nicht die Einzige. Durch die Lockerungen strömten Menschenmassen Richtung Süden. Noch ohne zu wissen, dass die Delta-Variante des Coronavirus gerade auf dem Vormarsch war. Und das sollte mir teuer zu stehen kommen. 

Eine Kolumne von Saskia Ziemacki

Es ist der letzte Abend meines Urlaubs in Alicante. Die Abende sind noch angenehm kühl im Spätjuni an der Küste, deshalb wundere ich mich, warum ich plötzlich so glühe. Das wird wohl am Bier liegen, das ich schon getrunken habe. „Und sieh mal“, sag ich zu meiner Freundin, „ich habe einen leichten Sonnenbrand. Und ich dachte schon, ich habe Corona.“ Wir lachen beide ausgelassen. Wir gehen an die Promenade, an der sich Bars, Clubs und Menschen tummeln. 

Der Trigger Corona

Eine Kolumne über den Umgang mit Isolation bei psychisch Erkrankten in Zeiten von COVID-19.
 

Mein Zustand wird zunehmend kurioser. Ich habe das Gefühl, keine Kontaktlinsen mehr zu tragen, mein Blick ist verschwommen und meine Augen brennen. Das kann nicht am Alkohol liegen und an einer leichten Sonnenrötung der Haut schon gar nicht. „Ich muss ins Bett“, lass ich meine Freundin verzweifelt wissen. Auch sie ist nicht abgeneigt, zurück ins Apartment zu gehen, denn wir wollen beide fit für den obligatorischen Corona-Schnelltest und den Flug am nächsten Tag sein. 

Die Nacht ist schlimm. Fieber und Schüttelfrost wechseln sich ab. Als meine Freundin am nächsten Morgen in mein Zimmer kommt, besteht kein Zweifel: „Ich habe Corona“, falle ich mit der Tür ins Haus. Meine Freundin versucht mich noch zu beschwichtigen, doch der Schnelltest im Krankenhaus bestätigt meine Befürchtung. Mein Test ist positiv, der von meiner Freundin nicht. Wir haben beide bereits eine Impfung, doch ich war ohne sie Freunde besuchen, die mir am selben Tag noch sagen, dass auch sie positiv getestet sind.

No hablo español

Der Flieger geht ohne mich. Aus dem Apartment waren wir bereits morgens ausgecheckt. Ich stehe mit meinem Koffer auf der Straße und habe das Gefühl, in ein bodenloses Loch zu stürzen. Allein in Spanien, ohne Sprachkenntnisse, ohne Plan. Im Schnelltest-Ergebnis heißt es: „Rufen Sie nicht das Krankenhaus an, ein Spezialist wird sie kontaktieren.“ Also warte ich. Wenigstens ist das Fieber weg, ich spüre nur ein Kratzen in der Lunge und bin erschöpft. Doch die Unwissenheit darüber, was zu tun ist, treibt mich in den Wahnsinn. Ein Anruf im Krankenhaus ist vergebens: „Damit haben wir nichts mehr zu tun“, kommt es mir mit gebrochenem Englisch aus dem Hörer entgegen. 

Jede Region in Spanien hat ihr eigenes Gesundheitsamt. Die Kommunikation mit Tourist:innen ist unterirdisch, was ich schmerzlich nach fünf Anrufen und jeder Menge schnippischer Antworten, dass dort kein Englisch gesprochen wird, erfahren muss. Ich werde auf die Notfallnummer 112 verwiesen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl rufe ich dort an. Ist es wirklich ein Notfall? Das Gefühl löst sich, als ich an eine deutschsprechende Mitarbeiterin weitergeleitet werde und ihr meinen Sachverhalt schildern kann. Sie gibt mir jedoch einen Dämpfer: „So etwas wie Quarantänehotels gibt es hier nicht. Sie müssen eine Adresse vorweisen können, bevor sie mit dem Gesundheitsamt sprechen. Haben Sie eine spanische Nummer?“, fragt sie mich nachdrücklich. „Nein.“„Dann müssen Sie die Behörden und den Arzt selber kontaktieren. Kennen Sie niemanden in Spanien?“ Und erneut ist meine Antwort nur ein verzweifeltes „Nein“. „Dann müssen sie sich selber verpflegen und Essen online bestellen.“

Isolation und PCR-Test 

Ich reiße mich zusammen, mein Handydisplay durch den Schleier von Tränen in meinen Augen noch sehen zu können. Ich finde ein Apartment fußläufig von mir, um eine Taxifahrt zu vermeiden. Bei dem Preis für weitere zwei Wochen Aufenthalt schlucke ich schwer. Die Kosten muss ich selber tragen. Die Schlüsselübergabe erfolgt draußen, mit jeder Menge Desinfektionsmittel. Dann bin ich in meinem Zimmer. Allein. Und erneut geht die Telefoniererei los. Endlich erreiche ich die richtige Behörde. Doch auch die sagt mir nur, ich solle mich isolieren und auf einen Anruf warten. 

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Endlich im Krankenhaus. Hier heißt es warten, mit Händen und Füßen kommunizieren und alle möglichen Check-ups über sich ergehen lassen. [Foto: Saskia Ziemacki]

 

Drei Tage später halte ich es nicht mehr aus. Ohne PCR-Test, dem Labortest, mit dem das Coronavirus SARS-CoV-2 nachgewiesen wird, kann meine offizielle Quarantäne nicht beginnen. Also rufe ich erneut die 112 an. „Der Arzt hat versucht, Sie zu erreichen, doch konnte es nicht, da Sie keine spanische Nummer haben“, erklärt mir die Frau an der Leitung. „Danke. Und wann genau hatten Sie vor, mir das mitzuteilen?“, denke ich verärgert. „Wir schicken Ihnen einen Krankenwagen, der Sie für einen PCR-Test ins Krankenhaus bringt“, verkündet sie. Auf meine besorgten Fragen, was mich das Ganze kosten wird, weiß sie keine Antwort. Eine andere Option gibt es nicht.

Eine halbe Stunde später klopft es an meiner Tür. Ein Sanitäter fragt mich, ob ich positiv bin, steigt nach meinem Bejahen trotzdem mit mir in den winzigen Aufzug aus dem 18. Stock. Ich verbringe fast drei Stunden im Krankenhaus. Neben dem Test wird meine Lunge geröntgt, die Sauerstoffsättigung in meinem Blut und mein Puls gemessen. Danach setzen sie mich einfach vor die Tür. Mit einer Übersetzer-App bewaffnet, erkläre ich, dass ich mit dem Krankenwagen gekommen bin. „Fahren Sie mit dem Taxi und machen Sie einfach die Fenster runter“, entgegnet mir die Krankenschwester. Das schlechte Gewissen, das ich gegenüber dem Taxifahrer empfinde, werde ich nie vergessen. 

Nun ist es offiziell: Zehn Tage Quarantäne ab dem PCR-Test. Freitesten muss ich mich nicht. Trotzdem brauche ich einen Schnelltest, um wieder auszureisen und der kostet in Spanien jedes Mal um die 40 Euro. Fast vier Wochen verbringe ich insgesamt dort. Eine Kontrolle, dass ich in Quarantäne bin, gibt es nicht. Die Corona-Symptome verhalten sich bei mir wie eine Grippe im Schnelldurchlauf. Schon nach ein paar Tagen geht es mir körperlich wieder gut. Nur der Geruchs- und Geschmackssinn bleiben noch lange aus. Schlimmer ist die psychische Belastung. Reisen ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und ich frage mich, wann es jemals wieder ohne Angst möglich sein wird. 

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