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GESELLSCHAFT

Ich habe Angst vor der Polizei

Nervosität und Angst beim Anblick der Streifenwagen [Foto: pixabay]

28.10.2021 10:06 - Canberk Köktürk

Seit meiner Jugend fühle ich mich in Anwesenheit der Polizei unsicher. Diese Unsicherheit wurde durch die rechtsextremen Chatgruppen bei der Polizei, unter anderem in NRW oder in Berlin, verstärkt und wurde zur Angst. Bei einer Polizeikontrolle am helllichten Tag wurde mir erst bewusst, wie groß diese Angst wirklich ist.

Eine Kolumne von Canberk Köktürk

Vor zwei Wochen fuhr ich gegen 15 Uhr zu meinen Eltern. Nach dem Besuch im elterlichen Haus fuhr ich gegen 17 Uhr eine Hauptstraße entlang, als ich plötzlich im Rückspiegel, in großen roten Buchstaben, „Stopp“ lesen musste.

Ein Zivilfahrzeug. Ich hielt rechts an. Drei große Männer stiegen aus. Keine Uniform. Das Einzige, das ich im Rückspiegel gut erkennen konnte, waren die Waffen an ihren Hüften. Als sich einer der Männer auf die Fahrerseite stellte und seinen Polizeiausweis an die Scheibe hielt, setzte ich meine Maske auf und öffnete das Fenster. „Polizei, allgemeine Verkehrskontrolle, Fahrzeugschein und Führerschein bitte.“

Plötzlich verspürte ich Nervosität, die ich bisher von mir kaum kannte. Mein Puls stieg, mir wurde warm und mein Kopf dröhnte. Es war nicht meine erste Fahrkontrolle. Am Wochenende wurde ich nachts bereits öfter angehalten. Dafür habe ich Verständnis. Aber mitten am Tag, auf einer ganz normalen Hauptstraße? Was hatte ich falsch gemacht?

„Steigen Sie bitte aus.“ Ich kam mir vor wie in einem schlechten Hollywoodstreifen. „Haben Sie etwas getrunken?“ „Nein.“ „Haben Sie irgendwelche anderen Dinge genommen?“ „Nein.“ „Wann haben Sie das letzte Mal Gras geraucht?“ „Vor drei oder vier Jahren, ich weiß es nicht mehr.“ „Aha, was machen Sie beruflich?“ „Ich bin freier Journalist und studiere.“ „Was studieren Sie?“ „Politikwissenschaft.“ „Ja das passt ja, kommen Sie mal mit. Da ist weniger Licht.“

Ich traute mich nicht zu widersprechen

„Schöne Worte, Konferenzen und Kampagnen reichen nicht aus. Wir brauchen Rechte!“

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Unter einem Baum wurden meine Augen mit einer Taschenlampe angeleuchtet. Unzufrieden vom Resultat murmelte der Polizist: „Naja, irgendwie ist das Licht hier nicht so toll. Schließen Sie 30 Sekunden die Augen.“ Die Anspannung meines Körpers ließ nicht nach und ich schloss die Augen. „Lieber alles machen was sie sagen, als irgendwie in Stress zu geraten“, war mein Gedanke.

Nachdem auch dieser Test keine Ergebnisse lieferte, wurde mir ein Becher in die Hand gedrückt: „Pinkeln Sie da rein. Der Kollege geht mit ihnen mit.“ Das erste Mal in meinem erwachsenen Leben schaute mir jemand aggressiv beim Pinkeln zu. Nachdem ich ihnen den Becher gegeben hatte, wartete ich auf das Ergebnis. Sie flüsterten vor sich hin. Einige Minuten später wurden mir die Papiere in die Hand gedrückt und ich durfte weiterfahren. Ich kaufte mir die erste Zigarettenschachtel seit Jahren.

Erst als ich an der Zigarette zog, wurde mir bewusst: „Du hättest das alles nicht machen müssen. Es ist dein Recht, Drogentests zu verweigern.“ Auch wenn das zu einem Bluttest auf der Wache geführt hätte, hätte ich wenigstens Widerstand zeigen können, aber ich tat es nicht. Der Grund? Angst.

Rechtsextremismus in der Polizei

Man kann nur vor die Köpfe der Menschen schauen, weswegen ich den Polizisten, die mich kontrolliert haben, keinen Rassismus vorwerfe. Aber das ist auch nicht die Frage, die sich aus dieser Situation ergibt. Die viel wichtigere Frage ist: Warum habe ich so große Furcht vor der Polizei? Warum kann ich mich nicht, wie ein unschuldiger Bürger es tun würde, für meine Rechte einsetzen? Die Antwort ist offensichtlich. Die deutsche Polizei hat, auch wenn das nicht auf jedes einzelne Individuum zutreffen mag, ein immenses Problem mit strukturellem Rassismus und Rechtextremismus. Um das zu belegen, braucht man nur in die jüngste Vergangenheit schauen.

Mir fallen da die Berliner Polizei oder die Polizei NRW und ihre Chatgruppen ein, in denen sie verfassungswidrige, nationalsozialistische Symbole, Videos und Bilder geteilt haben. Oder die Vorwürfe gegenüber der Hanauer Polizei, die während des grauenhaften Anschlags Hilfesuchende ignoriert haben soll. Und das sind nur Beispiele, die an die Öffentlichkeit gelangt sind. Die Dunkelziffer scheint groß und es ist umso erstaunlicher, dass die Bundes- sowie Landesregierungen dem Rassismus in der Polizei nicht nachgehen möchten. Vor allem der ehemalige Heimatminister Horst Seehofer sträubt sich gegen eine Studie, die dieser Frage nachgehen möchte.

Die Bezeichnung „Freund und Helfer“ für die Polizei, die übrigens aus der Weimarer Republik stammt und von Himmler für die Polizei im Nationalsozialismus als Slogan etabliert wurde, trifft nicht auf alle Menschen in diesem Land zu. Als Person mit Migrationsgeschichte steigt die berechtigte Angst vor der Polizei mit jedem rechtsextremen „Einzelfall“. Und das wird sich nicht ändern, solange man weiterhin intransparent bleibt und nicht strukturell dagegen vorgeht.

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