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GESELLSCHAFT

Home Office: Unternehmen, seid so lieb

Das geht doch genauso gut von zuhause aus. [Foto: pixabay]
16.01.2021 16:31 - Sophie Schädel

Es ist der elfte Monat mit Corona-Einschränkungen in Deutschland. Für alle von uns. Also zumindest für die Arbeitnehmer:innen von uns. Also zumindest in der Freizeit. Denn da müssen wir zuhause bleiben. Aber morgens sollen wir um 8 in die volle Bahn steigen, um von 9 bis 17 Uhr an einem Computer in einem Büro zu sitzen. Und das sind, obwohl die Pandemie gerade eskaliert, immer mehr Menschen. Was die Regierung dagegen tut? Ganz lieb bitten.
 
Eine Kolumne von Sophie Schädel
 

Als die Pandemie im Frühjahr Deutschland erreichte, fand Gesundheitsminister Spahn noch deutliche Worte. In der Pressekonferenz mit Kanzlerin Merkel und RKI-Chef Wieler sagte Spahn am 11. März: „: Ich bin sehr dankbar, dass sich […] viele Unternehmen entschieden haben, zu Heimarbeit, zu Homeoffice überzugehen, wo dies möglich ist. Das ist nicht überall möglich. Aber da, wo dies möglich ist, ist es auch möglich zu machen.“ Damals funktionierte das recht gut. Wie die Hans-Böckler-Stiftung in einer Erwerbstätigenbefragung herausfand, arbeitete im April jede:r vierte Deutsche von zuhause. 

Doch diese Quote ist rückläufig. In derselben Befragung gaben im Juni nur noch gut 15 Prozent der Arbeitnehmer:innen an, im Home Office zu arbeiten. Im November begann dann der sogenannte Lockdown Light. Laut Hans-Böckler-Stiftung arbeiteten nun noch weniger Menschen von zuhause aus; im November sank dieser Wert auf unter 15 Prozent. Und trotz der sinkenden Bereitschaft der Unternehmen, ihren Angestellten die Arbeit im Home Office zu ermöglichen, traf die Regierung mit ihren harten Maßnahmen viele kritische Bereiche der Gesellschaft, ließ die Arbeitgeber:innen jedoch außen vor.

Privat müssen sich alle einschränken

Was sie hörten, war nur eine freundliche Bitte: „Zur weiteren Vermeidung von Kontakten werden die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gebeten, unbürokratisch Home-Office für ihre Beschäftigten zu ermöglichen.“ Das war der Appell nach der Videoschaltkonferenz der Bundeskanzlerin mit den Länderchef:innen am 25. November 2020. Keine Spur von einem Katalog mit Regularien und zugehörigen Strafen bei Nichteinhaltung, wie er für alle von uns im Privaten für nötig befunden wurde.
Im Hinblick auf Weihnachten war man bei dieser Konferenz schon äußerst besorgt – eine Sorge, die sich aktuell in den Statistiken offenbar bestätigt. Für die Zeit zwischen dem 23. Dezember und Neujahr wurden die Arbeitgeber:innen wieder „dringend gebeten“. Und zwar darum, zu prüfen, ob eine Schließung oder Home-Office-Lösung möglich ist. 

Es ist unverantwort-lich Angestellte zur Arbeit vor Ort zu verpflichten.

Am 16. Dezember war eine Verschärfung der Maßnahmen unabwendbar, die zweite Welle hat Deutschland im Griff und aus dem Lockdown Light heraus sollten alle noch einmal auf die Kontaktbremse treten. Zumindest in ihrer Freizeit. Wieder harte und mit Strafen verhängte Einschränkungen. An die Unternehmen hingegen ging wieder eine Bitte. „Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber werden dringend gebeten zu prüfen, ob die Betriebsstätten entweder durch Betriebsferien oder großzügige Home-Office-Lösungen vom 16. Dezember 2020 bis 10. Januar 2021 geschlossen werden können.“

Zwang zum Schutz der Angestellten

Am 5. Januar wurden die Maßnahmen erneuert, verlängert und verschärft. Zumindest bezogen auf unsere Freizeit. Denn abseits von Bitten war nichts zu Home Office Regelungen zu vernehmen. Insbesondere die Todeszahlen durch Corona sind aktuell auf einem Rekordhoch, die Infiziertenzahlen nach einem durch die Feiertage bedingten Test- und Meldetief weiterhin alarmierend und die Stellschrauben zur weiteren Kontaktminimierung sind gering. Weite Teile des gesellschaftlichen Lebens sind so weit es möglich ist zum Erliegen gekommen. Die Deutschen halten gerade viel aus – aus Solidarität miteinander, aber auch, weil die Maßnahmen es ihnen auferlegen. 

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Volle Bürogebäude – einer der gefährlichsten Orte in der Pandemie. [Symbolfoto: pixabay]

Es ist unverantwortlich, dass Unternehmen weiterhin gestattet wird, ihre Angestellten zur Arbeit vor Ort zu verpflichten. Natürlich geht es an vielen Stellen nicht anders. Dort, wo sie körperlich oder mit Menschen arbeiten. Aber weshalb müssen sich so viele auf den Weg zur Arbeit machen, wo es nicht nötig ist, wie der hohe Anteil an Heimarbeit im Frühjahr zeigt? Die Unternehmen trauen ihren Mitarbeitenden ganz offensichtlich nicht zu, zuhause so gut und effizient wie vor Ort zu arbeiten. Und die Regierung lässt ihnen dabei freie Hand.

Diese Kolumne verlangt nicht, dass niemand mehr zur Arbeit gehen muss, ungeachtet seiner:ihrer Aufgabe. Aber wenn alle sich in ihrer Freizeit rechtfertigen müssen, mit wie vielen Menschen aus wie vielen Hausständen sie spazieren gehen, dann müssen sich Unternehmen rechtfertigen, warum sie weiterhin Menschen zur Arbeit ins Büro zwingen. Und wo sie das nicht können, muss es ihnen schlicht untersagt werden. Denn ganz offensichtlich sind die Arbeitgeber:innen nicht gewillt, diesen Beitrag zum Schutz aller vor der Pandemie freiwillig zu leisten. Und es ist alarmierend, dass der Gesetzgeber darum seit elf Monaten nur nett bittet.
 

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