Essener Tafel hat ein Problem. Seit dem 8. Dezember 2017 nimmt die gemeinnützige Einrichtung keine neuen Bedürftigen ohne deutschen Pass auf. Schuld an der verhängten Sippenhaft soll laut Tafel der Zuzug von Geflüchteten und vermeintliches Fehlverhalten einzelner Migrant*innen sein. Die Essener Künstlerin Anabel Jujol demonstrierte am Samstag, 3. März, gegen diese Maßnahme und kritisierte die Kommunalpolitik. Zeitgleich besuchte NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) die Tafel und bestritt, dass in der Tafel Ausländer*innen ausgeschlossen würden.">
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GESELLSCHAFT

Hier kommt Rassismus auf den Tisch

Drei weiße Männer diskutieren die Probleme der Tafel. Ein Problem mit Rassismus sehen sie nicht. (Foto: dpe)

07.03.2018 08:44 - Dennis Pesch



Die hat ein Problem. Seit dem 8. Dezember 2017 nimmt die gemeinnützige Einrichtung keine neuen Bedürftigen ohne deutschen Pass auf. Schuld an der verhängten Sippenhaft soll laut Tafel der Zuzug von Geflüchteten und vermeintliches Fehlverhalten einzelner Migrant*innen sein. Die Essener Künstlerin Anabel Jujol demonstrierte am Samstag, 3. März, gegen diese Maßnahme und kritisierte die Kommunalpolitik. Zeitgleich besuchte NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) die Tafel und bestritt, dass in der Tafel Ausländer*innen ausgeschlossen würden.

Mehr als ein Symbol war die kleine Kundgebung auf der Steeler Straße, unmittelbar vor der Essener Tafel, nicht. Nur 20 Menschen waren gekommen, hielten Refugees-Welcome-Banner hoch. Einige Schilder appellierten an den Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU): „Schützen Sie unser Grundgesetz“, forderten die Demonstrant*innen mit Verweis auf Paragraph drei, in dem es unter anderem heißt, dass niemand wegen seiner Herkunft benachteiligt oder bevorzugt werden dürfe.

initiierte die Kundgebung, sie selbst war drei Jahre für die Fraktion Schöner Links im Essener Stadtrat aktiv, erzählt sie der akduell. „Es ist erschreckend, wie sich der Rassismus ausbreitet, die Menschen das Vorgehen der Tafel verteidigen und wie wenige sich berufen fühlen, die Ausländer*innen zu verteidigen“, resümiert sie.

In völkischer Rhetorik hatte attestiert. Es habe Schubsereien in der Schlange gegeben, ein „ausgewogenes Verhältnis“ zwischen Deutschen und Ausländer*innen müsse hergestellt werden, so Sartor. Zur Seite sprangen ihm neben rechtsextremen Parteien von AfD bis NPD auch große Teile der Kommunalpolitik. Allen voran Oberbürgermeister Kufen und Essens Sozialdezernent Peter Renzel (CDU), der in einer Pressekonferenz kurzerhand die Zielgruppe der Tafeln von Bedürftigen in Rentner*innen und alleinerziehende Mütter änderte.



Wie einem Kleinkind müsse man den Menschen die rassistische Praxis erklären, meint Anabel Jujol: „Es gibt 7.000 alleinerziehende Mütter in Essen, Ausländerinnen inbegriffen. Wenn eine ausländische Mutter zur Tafel geht und einen Schein braucht, bekommt sie keinen, weil sie Ausländerin ist. Dann erlebt diese Frau eine rassistische Diskriminierung.“

Sie selbst habe in den vergangenen Wochen mehrfach das Gespräch zu Mitarbeiter*innen der Essener Tafel gesucht, sagt sie. Teilweise hätten Menschen ihr vorgeworfen, sie wolle die Tafel mit ihrer Kritik in die Insolvenz treiben.

„Hier sind keine Ausländer ausgeschlossen worden“

Solche Vorwürfe musste sich NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) nicht anhören. Unter großem Medienrummel stattete er der Essener Tafel einen zweistündigen Besuch ab, schaute den Ehrenamtlichen über die Schulter und informierte sich bei Tafel-Chef Sartor über die Lage.

„Die entscheidende Frage ist nicht deutsch oder nicht-deutsch, sondern anständig oder unanständig“, erklärte Stamp in einer Pressekonferenz nach dem Gespräch. „Wirklich irre“, nannte er die Debatte, die sich an der Entscheidung entzündet habe. Kein Wort war mehr über vermeintliches Fehlverhalten von Migrant*innen zu hören.

Stattdessen habe es „Missverständnisse innerhalb der migrantischen Community“ gegeben, die die Tafel als „Teil der sozialstaatlichen Versorgungen“ verstanden hätten – ein Informationsdefizit, so Stamp. Dass es Rassismus an der Essener Tafel gibt, wies der Integrationsminister zurück: „Hier sind keine Ausländer ausgeschlossen worden“, erklärte er. Auf der Homepage der Essener Tafel heißt es allerdings eindeutig, dass „zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis“ aufgenommen würden. Dennoch sei es „wirklich absolut blödsinnig, der Essener Tafel Rassismus zu unterstellen“, sagte Stamp der akduell.



Anabel Jujol hingegen will das Problem nicht von der Hand weisen und sieht in den politischen Handlungen kapitale Fehler: „Gerade die Kommunalpolitiker*innen sind es, die die Stimmung mit ihren Handlungen, mit ihren Entscheidungen aktiv beeinflussen können.“ Aus fast allen Parteien habe die Künstlerin in ihrer Zeit im Stadtrat schon diskriminierende Statements vernommen.

„Fast alle sind an rassistischen Entscheidungsprozessen beteiligt und die prägen die Atmosphäre der Stadt von oben nach unten“, so Jujol. Genau da liege das Problem, denn unten würden die Menschen diese Stimmung aufgreifen. „Wir müssen darüber reden, warum man sich lieber mit privilegierten Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, solidarisiert, als mit denen, die die Privilegien fehlen und deshalb ausgegrenzt werden.“

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