Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Heimatsucher e.V. bildet Zweitzeug*innen aus

(Bildungsprojekte an Schulen. Symbolbild: BRIT)

05.01.2019 11:54 - Britta Rybicki

Was passiert, wenn Holocaustüberlebende ihre Geschichten nicht mehr weitergeben können? Gibt es dann keinen emotionalen Anknüpfungspunkt mehr, für vor allem Kinder und Jugendliche? Eine neue Perspektive von Erinnerungskultur bietet der Verein Heimatsucher e. V. an, der Schulen in einem Bildungsprojekt zu „Zweitzeug*innen Schulen” ernennt. Ein Einblick:

„Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst zum Zeugen”, sagte Elie Wiesel. Der Holocaustüberlebende veröffentlichte als einer der Ersten seine Geschichte. Mit seiner Aussage legte er zudem den Grundbaustein eines neuen Konzeptes von Erinnerungskultur.
„Dabei geht es also nicht darum, stellvertretend eine Geschichte zu erzählen, sondern um die ganz individuelle Weitergabe”, sagt Vanessa Eisenhardt, die Bildungsleiterin von Heimatsucher e.V.. Schließlich kommt eine neue Perspektive dazu: Die erzählende Person vermittelt auch, was die Überlebensgeschichte mit ihr gemacht hat. Wie sie sich danach gefühlt und was das letztlich in ihrem Leben verändert hat. Welche ganz individuelle Bedeutung sie erlangt.

In dem Projekt „Zweitzeug*innen Schulen” benutzt Heimatsucher e.V. genau dieses Konzept. „Oft entsteht der falsche Eindruck, dass wir dabei Zweitzeug*innen an Schulen vermitteln”, sagt Eisenhardt. Ihr Auftrag sei hingegen ein ganz anderer. Schließlich ginge es auch darum, Zeitzeug*innen künftig zu entlasten. Sie werden älter, ihnen fehlt zunehmend die Kraft und wollen ihre Ruhe haben. „Abgesehen davon können sie den Ansprüchen an so ein Gespräch nicht gerecht”, sagt Eisenhardt. Denn oft müssten sie Kämpfer*innen und zugleich politische Gegner*innen sein, was sehr belastend sein kann. Ein solches Gespräch kann auch schnell schief gehen. „Wenn Schüler*innen total erschlagen und betroffen nachher in der Fragerunde sitzen, kein Wort sagen und es so auch zu keinem Austausch kommt.”

Auch was für die vierte Klasse?

Allein dadurch, dass das Bildungsteam oft an aktuelle Ereignisse anknüpft, seien Diskussionen laut Eisenhardt schon vorprogrammiert. Zum Beispiel an eine Aktionswoche oder Unterrichtseinheit gegen Rassismus. „Es gab auch mal einen Lehrer, der auf uns zugekommen ist, weil er den Trend unter den Schüler*innen entdeckte, sich mit dem Hitlergruß zu begrüßen.” Die Dauer ihrer Aufenthalte an den Schulen ist ganz unterschiedlich. Mal sind es mehrere Schulstunden und mal eine ganze Woche. Einen einfachen Zugang ermöglichen Eisenhardt und ihre Kolleg*innen durch niederschwellige Methoden wie Ich-Erzählungen. „Dadurch wird für Kinder erst begreifbar, was da eigentlich passiert ist.”

Selbst Viertklässler*innen lassen sich so einbeziehen. „Natürlich verwenden wir dafür keine Horrorgeschichten aus Auschwitz, sondern solche, die vom Verstecken oder der Flucht handeln.” Eine entspannte Atmosphäre soll den Schüler*innen dann ihre Angst vor Bewertungen nehmen. „Trotzdem lassen wir selbstverständlich keine unreflektierten oder verletzenden Kommentare zu.” Was in der Regel auch nicht passiert: In vier Jahren hat Eisenhardt erst eine antisemitische Aussage erlebt.

Was ihr stattdessen aber immer wieder auffallen würde: Kinder und Jugendliche erzählen eine Geschichte ganz anders als Erwachsene. „Für sie sind andere Episoden wichtig als zum Beispiel für mich. Das hab ich zuletzt bei einer Erzählung von einer vierjährigen Holocaustüberlebenden gemerkt, deren schwer kranke Mutter gestorben ist. Das war für die Schüler*innen fast die stärkste Stelle in ihrer Biografie, anders als für mich.” Ihre Aufgabe in dem Bildungsprojekt ist es nämlich, die Geschichten der Zeitzeug*innen zu erzählen. „Frei in einem Vortrag zu schildern oder zum Beispiel Ausstellungen mit Porträts und Stellwänden zu entwickeln, in denen die Schüler*innen selbst recherchierte Begleittexte schreiben.”

Wie sich Erinnerung verändert

Wodurch sie Erinnerung verändern würde - um genau zu sein: verjüngt, meint Eisenhardt. Zuletzt an einer Gedenkfeier habe sie genau das beobachten können. „Der Zeitzeuge, der immer da war, fehlte die Kraft, weshalb Schüler*innen übernommen haben.” Statt ihm erzählten also neun Schüler*innen ganz frei, die Geschichte einer anderen Zeitzeugin.. Heimatsucher e. V. erreichte damit im Jahr 2017 2.300 Schüler*innen, hauptsächlich in Nordrhein-Westfalen und Großstädten wie Berlin.

Eine Schule kann das Projekt sogar langfristig platzieren. „Dann sind sie drei Jahre verpflichtet, mindestens einmal im Jahr einen Workshop durchzuführen.” Viele machen daraus eine Geschichts-AG, in der sie zum Beispiel zwei Jahre im Stadtarchiv nachforschen und Erlebnisse wie den Besuch der Grabstätte dokumentieren. „Insgesamt bewegt sie unsere Projekt so sehr, dass sie den Zeitzeug*innen meistens einen persönlichen Brief schreiben.”

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