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GESELLSCHAFT

Hebammenkunde: Ein neues Studium gegen den Hebammenmangel?

Barbara Blomeier ist Vorsitzende des Hebammenverbands NRW und praktizierende Hebamme in Bielefeld. [Foto: Hebammenverband NRW]

08.08.2019 14:31 - Sophie Schädel

Die Geburtenzahlen steigen, doch immer wieder schließen Kliniken ihre Kreißsäle, und Schwangere stehen allein da. Es fehlt an Hebammen – und das seit Jahren. Politisch wird das schon lange diskutiert, aber es kommt kaum Bewegung in das Problem. Nun soll Hebammenkunde vom Ausbildungsberuf zum Studium werden. Warum das eine gute Idee, aber eine faule Lösung ist, erklärt uns Barbara Blomeier, Vorsitzende des Landesverbands der Hebammen in NRW.
 
ak[due]ll: Warum mangelt es an Hebammen?

Blomeier: In den Kreißsälen fehlen angestellte Hebammen, weil sie sich in den letzten Jahren zunehmend verweigern. Es gibt unzumutbare Arbeitsbedingungen. Arbeitgeber, die nicht alle Stellen besetzen wollen und zusätzlich Hebammen auch anderswo einsetzen, zum Beispiel als Assistenz in der Chefarztsprechstunde oder als Putzhilfe. Nachts sind Hebammen oft allein und müssen mehrere Frauen gleichzeitig betreuen. Die Hebammen, die noch nicht aufgegeben haben, verwalten den Mangel, bis sie selbst in die Knie gehen. Dann muss die Klinik irgendwann den Kreißsaal schließen. Dazu kommt: Geburtshilfe wird über Fallpauschalen bezahlt. An einer natürlichen Geburt verdienen die Kliniken immer dieselbe Summe, auch wenn sie sich manchmal tagelang hinziehen kann und viel Material und Personal verbraucht. Sie machen mit Geburtshilfe ein Minusgeschäft. Das Bezahlungssystem müsste sich ändern. Und dann mangelt es auch an freiberuflichen Hebammen, die die in Geburtshäusern arbeiten oder Hausgeburten, Geburtsvorbereitung und Wochenbettbetreuung machen. Die arbeiten meistens unter der Minijob-Grenze, weil sie sonst die ganzen Sozialabgaben leisten müssten, Rentenversicherungsbeiträge zahlen und so weiter.

 
ak[due]ll: Welche Nachteile bringt der Hebammenmangel für die Menschen in NRW?


Blomeier: Ganz klar ein absolutes Alleingelassensein. Die Versorgung von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen [Anm. d. Red: Frauen im Wochenbett, die also frisch entbunden haben]  ist quasi nicht gegeben. Die Frauen haben ein Recht auf Bezahlung von Hebammenleistungen durch ihre Krankenkasse. Dafür muss es aber Hebammen geben. Bei der Geburt hat man vielleicht das Pech, in einer Klinik zu landen, wo gerade viele Frauen gleichzeitig ihr Kind bekommen. Da wird man dann lange mit Wehen allein gelassen. Teilweise liegt man auch ewig auf einer anderen Station, weil der Kreißsaal voll ist. Und auch danach im Wochenbett ist so wichtig, dass zuhause jemand schaut, ob alles gut abheilt, ob das Kind gut zunimmt, die Brust sich entzündet und so weiter.
 
ak[due]ll: Die Bundesregierung plant aktuell, Hebammen nur noch über ein Studium auszubilden. Wie weit sind diese Pläne?


Blomeier: Das wurde schon im Koalitionsvertrag festgelegt. Jetzt ist der Gesetzesentwurf da und geht nach der Sommerpause in die zweite und dritte Lesung. Ab dem 1. Januar 2020 wird das Gesetz Geltung haben. Dann wird die Umsetzung aber spannend. Bei uns in NRW hat sich das Gesundheitsministerium sehr schwer getan, überhaupt etwas an den Start zu bringen. Wir arbeiten seit zwei Jahren mühsam daran, dass die sich mal bewegen. Wir wissen, dass etliche Hochschulen ihr Interesse bekundet haben. Aber das Ganze steht und fällt mit der Finanzierung, da spielen sich Bund und Land gegenseitig den Ball zu. Und die Hochschulen, die das konzipieren wollen, hängen in der Luft.
akduell: Die EU hat Hebammenstudiengänge als Richtlinie bis zum Januar 2020 vorgeschrieben. Schafft Deutschland die Umstellung also noch rechtzeitig?


Blomeier: Das Gesetz ist dann gültig, aber noch nicht umgesetzt. Darum kann es sein, dass Deutschland trotz allem Konventionalstrafe [Anm. d. Red.: Strafe bei Nichteinhaltung von Verträgen, hier der vereinbarten Deadline] zahlen muss, darüber redet aktuell niemand. Die EU-Richtlinie gibt es seit 2005. Überraschenderweise steht 2020 jetzt plötzlich vor der Tür, da kann man wirklich polemisch werden. Jetzt entstehen lange Übergangszeiten. Es dürfen jetzt laut Plan bis zu zehn Jahre vergehen, bis das Gesetz auch an den Hochschulen umgesetzt wird.

Er kann die Kliniken ja nicht zwangsverpflichten, einen Kreißsaal vorzuhalten, das sind freie Wirtschafts-unternehmen.


ak[due]ll: Wo wird es diesen Studiengang geben?


Blomeier: Die Hochschule für Gesundheit in Bochum gilt als gesetzt. Hebammenkunde war da schon als Modellstudiengang, der soll zum Regelstudiengang umgewandelt werden. In Köln überlegen die Universität und die Katholische Hochschule. Außerdem unter anderem die Hochschule Niederrhein. Für uns ist egal, wer den Studiengang letztlich anbietet, Hauptsache, es gibt eine gute Verteilung im Bundesland. Das ist ein duales Studium, also muss es parallel viele Kooperationsorte für die Praxis geben. Viele Hebammen bleiben dort, wo sie ihre praktischen Einsätze hatten. Das Sauerland, Münsterland und Westfalen beim Studium allein zu lassen, können wir uns also nicht leisten. Die Landesregierung spricht ja immer von flächendeckender Versorgung und kurzen Anfahrtswegen.


ak[due]ll: Der Studiengang ist der einzige konkrete Schritt, der von der Politik angegangen wird, und den müsste man ja wegen der EU-Richtlinie sowieso umsetzen. Fehlt es da nicht an eigenen Lösungen?


Blomeier: Absolut, ja. Wir sehen da wenig Begeisterung, konkret zu werden, um dem Hebammenmangel entgegenzuwirken. Es gibt immer wieder vollmundige Versprechen. Gesundheitsminister Laumann will sicherstellen, dass keine Frau länger als 40 Minuten unterwegs sein soll zur nächsten geburtshilflichen Einheit. Aber wie will er das hinkriegen? Er kann die Kliniken ja nicht zwangsverpflichten, einen Kreißsaal vorzuhalten, das sind freie Wirtschaftsunternehmen.
 
ak[due]ll: Auf organisatorischer Ebene gab es in NRW doch schon einige Schritte. Bis 2015 hatten wir einen Runden Tisch zum Thema Hebammenmangel, und es gibt seit 2017 die Projektgruppe „Strukturelle Entwicklung der Geburtshilfe in NRW“ vom Gesundheitsministerium. Was hat das gebracht?


Blomeier: Vom Runden Tisch wurde umgesetzt, dass unsere Berufsordnung neu geschrieben wurde. Das hätte aber sowieso passieren müssen. Die Projektgruppe vom Gesundheitsministerium hat bisher nicht ein einziges Ergebnis zustande gebracht. Und darüber hinaus ist auch nichts passiert. Wir reden uns seit Jahren den Mund fusselig und bieten unsere Expertise an, aber die Politik muss die Umsetzung machen. Es wäre ein Leichtes, die Geburtshilfe aus dem Fallpauschalensystem rauszunehmen. Dafür müssten sich aber die Länder beim Bund stark machen.

 
ak[due]ll: Ihr Verband sieht den Hebammenstudiengang positiv. Kritiker*innen sagen aber, dass es an Dozierenden fehlen könnte. Und gibt es dann nicht weniger Hebammen, weil für ein Studium ja ein Abi nötig ist, wo vorher ein Realschulabschluss gereicht hat?


Blomeier: Nein. Zu 98 Prozent bewerben sich bisher ohnehin Abiturient*innen an den Fachschulen. Wir haben andersherum seit Jahrzehnten Potential verschenkt, weil Viele nicht auf einen akademischen Abschluss verzichten wollten. Wer unbedingt Hebammenkunde studieren will und kein Abi hat, findet auf anderen Wegen Möglichkeiten, zum Beispiel über eine Krankenpflegeausbildung. Und zu den Dozierenden: Aktuell unterrichten an den zwölf Hebammenschulen in NRW fast ausschließlich Leute mit Hochschulabschluss und Viele sind an einer Promotion interessiert. Die Leute sind also da.


ak[due]ll: Bund und Länder schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu. NRW wartet gerade ja auf die Umsetzung des Hebammenstudiengangs und auf die Ergebnisse Ihrer Umfrage zur Hebammenversorgung in NRW im Herbst. Welche Schritte erhoffen Sie sich danach für das Bundesland?


Blomeier: Wir brauchen die klare Ansage, wie viel Geld im Haushalt 2020 für den Studiengang da ist, wo die Studienorte sein sollen, und dann müssen wir uns zusammensetzen und die Strategie planen. Wir fordern schon ewig eine Taskforce. Die hat uns das Ministerium zugesichert, das hat aber noch nicht stattgefunden. Die soll sich zusammensetzen aus den beteiligten Ministerien und Vertretern der Hebammen- und Hochschulen und des Berufsverbandes, um die ganz konkreten Schritte zur Umsetzung zu planen.

 

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