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Beziehungsweise

Habt Liebeskummer! Ein Plädoyer für den Schmerz - egal nach welcher Trennung

08.10.2018 11:41 - Britta Rybicki

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Lasst euch bei Liebeskummer mit der Aufmerksamkeit eurer Freunde überschütten. (flickr/ Greg Tsai/ CC-BY-NC-ND-2.0)


Ein Plädoyer darüber, warum Liebeskummer auch ohne das Label „Beziehung“ erlaubt ist.

Ich sitze mit meiner Freundin Alia* auf einer Parkbank. Sie umklammert einen Kaffeebecher und versucht ihre Tränen runterzuschlucken. Der Auslöser: Schlimmer Liebeskummer. Anstatt jetzt ausgiebig darüber zu sprechen, ist ihr etwas anderes viel wichtiger: „Erzähl bitte niemandem davon, die halten mich doch alle für bescheuert und drücken mir einen blöden Spruch.” Denn nicht mal eine Handvoll Menschen wussten von ihrem Liebesprovisorium mit Tareq*. Ganz anders als geplant, ergeben sich aus einem One-Night-Stand viele weitere Treffen, jedes Mal unter dem Deal, dass es unverbindlich bleibt. Wochen später verpasst sie dann wohl den Klick-Moment, in dem sie ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hat.

Nicht-Beziehungen im 21 Jahrhundert geheim zu halten, scheint in Zeiten von Dating-Apps fast normal.

Jetzt wo Tareq* sich vorerst verabschiedete, musste Alia* sich nicht nur mit Liebeskummer rumquälen, sondern auch damit, ihn vor ihren engsten Vertrauten zu verstecken. Nicht-Beziehungen im 21 Jahrhundert geheim zu halten, scheint in Zeiten von Dating-Apps fast normal. Man will erst mal abwarten und schauen, was sich aus der zwischenmenschlichen Unverbindlichkeit entwickelt. Wodurch nicht automatisch keine Herzen gebrochen werden. Warum sind uns unsere Gefühle peinlich, wenn wir nicht das Label Beziehung draufkleben können? Warum verheimlichen wir die schöne Zeit sogar vor unserer Familie und Freund*innen?

Vorurteile gegen Unverbindlichkeit

Vielleicht, weil alles was sich nicht „Beziehungen“ nennt, immer noch ein verdammt schlechtes Image hat und mit vielen bösen Vorurteilen verbunden ist. So heißt es zum Beispiel, dass die zwischenmenschliche Unverbindlichkeit nur dafür da sei, nicht allein zu sein, solange man sich nach etwas Besserem umschaut. Ein bisschen wie ein befristeter Job. Denn seine Miete muss man ja trotzdem bezahlen – und Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Nähe stillen.

Für andere ist sie was für Menschen, die nur gemocht werden wollen. So etwas wie eine Harmonieversicherung. Schließlich braucht man nicht Schluss machen, wenn man nicht zusammen ist – man kann jeder Zeit einfach abhauen. Wie wenn ich die Vase meiner Tante zerstöre, mache ich mich noch bevor sie es merkt, aus dem Staub. Drücke mich vor Verantwortung und Verpflichtung. Kuschel zwar gerne, aber sorge mich nicht um die andere Person. Schließlich gebe ich kein Versprechen ab wie „ich bin für dich da, wenn es dir schlecht geht”. Nach zwei Tagen nicht zurückrufen macht eine*n also nicht direkt zum rücksichtlosen Arschloch, man hatte einfach nur wahnsinnig viel zu tun.

Monogamie ist kein heiliger Gral

Dieses Bild in den Köpfen der Mehrheitsgesellschaft weckt in Frauen wie Alia* die Angst davor, in der Rolle des „Naivchen“ gedrängt zu werden. Öffentlich traurig zu sein und vielleicht auch in den Arm genommen zu werden, aber immer mit dem spöttischen Vorwurf: „Das hättest du doch wissen können, warum verliebst du dich denn auch?!”

Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach: Weil Gefühle nicht mit dem vermeintlichen Ideal Partner*innenschaft verknüpft sind. Und weil eine monogame Beziehung auch nicht sowas wie der heilige Gral für romantische Zweisamkeit ist. Alles ohne Label ist deswegen auch nicht direkt ein eingedötschter Plastikbecher. Vor allem ist es aber eine ziemlich billige Ausrede dafür, ein gebrochenes Herz zu ignorieren; das fiese Gefühl eines Anderen einfach zu relativieren

Liebeskummer kann jede*n treffen. Schämt euch also nicht und zeigt, dass ihr traurig seid! Lasst euch mit der Aufmerksamkeit eurer Freund*innen überschütten. Vergrabt euch im Bett, solange ihr wollt. Geht erst wieder duschen, wenn ihr bereit dafür seid. Versteckt euren Liebeskummer nicht und verabschiedet euch endlich von der Vorstellung, dass es da draußen nur eine Lebensrealität namens „monogame und Jahre andauernde Paarbeziehung“ gibt.

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