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GESELLSCHAFT

Gentrifizierung: Aufwertung und Verdrängung

Viertel mit preiswerten Mieten sind empfänglich für Gentrifizierung.
[Foto: pixabay]​​​​​​​
16.06.2021 10:25 - Özgün Ozan Karabulut

Der Begriff Gentrifizierung polarisiert. Seit einigen Jahren spricht man vom Zuzug wohlhabender Bevölkerungsgruppen in ehemals preiswerte Wohngegenden. Was verbirgt sich hinter der Gentrifizierung und wie läuft so ein Verdrängungsprozess ab?

Der Wohnraum in dicht besiedelten Großstädten und Ballungsräumen ist gefragt. Hierbei ist seit einiger Zeit das Phänomen der Gentrifizierung zu beobachten. Der Begriff kommt ursprünglich aus der Wissenschaft und hat seinen Weg in die Alltagssprache gefunden. In Deutschland ist dieser Prozess seit ungefähr den 1980er Jahren zu beobachten, vermehrt in innerstädtischen Siedlungen.

„Gentrifizierung ist die Aufwertung von bestimmten Stadtteilen und Quartieren. Diese Aufwertung ist in der Regel verbunden mit der Verdrängung von Bevölkerung, die einkommensschwächer ist und die sich die Mieten in diesen Quartieren nicht mehr leisten können“, erklärt Claus-Christian Wiegandt, Professor für Stadt- und Regionalforschung von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Aufwertung in zwei Schritten

Gentrifizierung ist ein dynamischer Prozess, der sich grob in zwei Stufen einteilen lässt. In der ersten Phase ziehen sogenannte Pioniere – wie Studierende oder Kreative – in Quartiere, die preiswerten Raum zum Wohnen oder für Gewerbe bieten. Die Pioniere erschließen das Stadtviertel, sie verdrängen Teile der alten Bevölkerung und läuten so die Gentrifizierung ein. Die Nachfrage steigt, was wiederum die Mieten in den Vierteln steigen lässt.

„Dies führt dazu, dass sich nur noch jene Kreative oder Studierende mit günstigeren Einkommensperspektiven die neuen Mieten leisten wollen oder können. Dadurch wird ein neues Klientel mit höheren Einkommen angezogen“, erläutert Professor Tobias Just, Lehrstuhlinhaber für Immobilienwirtschaft an der International Real Estate Business School der Universität Regensburg. Für Eigentümer:innen ergeben sich folglich mehr Anreize, die Immobilien aufzuwerten. Die einkommensstärkeren Bevölkerungsgruppen verdrängen durch den Anstieg der Mieten wiederum teilweise die Pioniere.

Weinbar statt Eckkneipe

Die Aufwertung lässt sich laut dem Bonner Stadt- und Regionalforscher in verschiedene Kategorien unterteilen: Neben symbolischer, sozialer und funktionaler Aufwertung besteht eine bauliche Aufbesserung. Letztere macht sich im jeweiligen Stadtteil sichtbar. „Das, was früher vielleicht etwas verfallen oder wenig gepflegt aussah, ist heute renoviert und aufgehübscht“, so Wiegandt. Wohlhabendere Bevölkerungsgruppen ziehen in die sanierten und nun teureren Quartiere ein. In Teilen der öffentlichen Wahrnehmung sind es eben jene Verdrängungsprozesse, die im Kontext der Gentrifizierung kritisch gesehen werden.

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Pioniere wie Künstler:innen finden in den Quartieren günstige Flächen. [Foto: pixabay]
 

Mit den neuen Bewohner:innen der Stadtquartiere ändert sich auch das Angebot an Dienstleistungen und Geschäften, um sich den Bedürfnissen der Zugezogenen anzupassen. Das können beispielsweise Ateliers oder höherpreisige Gastronomiebetriebe sein. Dadurch erhalten die Stadtteile ein anderes Image und werden symbolisch aufgewertet. „Die werden hip und interessant, sie werden in den Medien thematisiert. Die Quartiere werden vielleicht auch in den Reiseführern auftauchen“, erläutert Wiegandt. In Berlin seien solche Gegenden etwa Prenzlauer Berg oder Friedrichshain.

Gentrifizierung könne abgefedert werden, wenn genügend kommunale Wohnungsunternehmen involviert sind, die einen sozial ausgewogenen Wohnungsmarkt in diesen Quartieren schaffen, meint Wiegandt. Gentrifizierung sei nicht gänzlich zu verhindern, da die Stadt immer im Wandel ist. „Entscheidend ist, dass dieser Wandel nicht dazu führen darf, dass Mieten für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht mehr erschwinglich sind. Das ist das, was verhindert werden sollte und müsste.“

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