Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

„Befreit von Nazis, nicht von Antisemitismus“

(Foto: dap)

Britta Rybicki

13.11.2018 13:28 - David Peters

Die Novemberpogrome des Jahres 1938 sind ein einschneidendes Ereignis der deutschen Geschichte. Jüdische Menschen wurden zusammengeschlagen, ermordet, ihre Geschäfte verwüstet und Synagogen angezündet. Wir haben verschiedene Gedankenveranstaltungen besucht.

 

In Gedenken an die Pogromnacht organisierte die Linke Liste der Universität Duisburg-Essen (UDE) am 9. November einen Rundgang durch die Alte Synagoge in Essen. Im Anschluss rief das Bündnis Essen stellt sich quer zum Widerstand gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus auf. Unsere Redakteurin Britta Rybicki hat zwei Teilnehmer*innen gefragt, warum sie am Trauermarsch teilnehmen.

 

Protokoll, Johannes.JPG
Johannes, hat in Münster studiert (Foto: BRIT)

„Um ein sichtbares Zeichen zu setzen, dass das Gedenken aktiv ist. Besonders, weil es gerade Politiker gibt, die inzwischen sehr viel Verantwortung haben und sich sehr problematisch äußern. Björn Höcke, der sich eine gedenk-politische Wende um 180 Grad wünscht. Das Mahnmal als Denkmal der Schande bezeichnen kann und sogar von anderen konservativen Politikern verteidigt wird. Oder dass er wie heute die Gedenkstunde im Bundestag einfach ablehnt. Dabei brauchen wir genau solche Veranstaltungen, damit die schreckliche Reichspogromnacht nicht in Vergessenheit gerät. Auch, um Antisemitismus sichtbar zu machen. Ich bin sehr überrascht, dass heute so viele hier sind. 300 Menschen sind bisher in Essen noch nicht mitgelaufen.”

 

Prtotokoll, Catrin.JPG
Catrin, studiert noch an der UDE (Foto: BRIT)

„Entwicklungen wie der erstarkte europaweite Nationalismus zeigen ganz deutlich, dass man sich mehr für Demokratie einsetzen muss. Eine andere auch weitverbreitete Entwicklung ist Ausgrenzung. Wie durch junge Gruppen im Rahmen der Neuen Rechten, die Botschaften von männlichen, soldatischen und geistigen Eliten verbreiten und sich so vor einer vermeintlichen drohenden Gefahr beschützen wollen. Oder wie sie sich auch ganz deutlich in rechter und rassistischer Gewalt in zum Beispiel Unterkünften abzeichnet. Für mich persönlich nimmt Antisemitismus im Alltag gefühlt zu – wie auch die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ganz allgemein. Somit also auch Rassismus, Rechtsextremismus, Sozialdarwinismus, Sexismus und andere Diskriminierung. Weshalb Tage wie heute wichtig sind.”

 

 

Dem Ereignis der Novemberpogrome wird jährlich in Dortmund-Dorstfeld an einem Mahnmal gedacht – in direkter Nähe zur örtlichen Neonazi-Szene. Unser Redakteur David Peters war vor Ort. 

Dorstfeld zeigte ein positives Gesicht. Die Stadt hatte riesige Banner mit der Aufschrift „Gemeinsam gegen Antisemitismus“ angebracht. Auf dem Wilhelmplatz standen Pavillons, in denen Dortmunder Schulen und Organisationen unter anderem über die Erinnerungskultur informierten. Mehrere hundert Menschen fanden sich zum Gedenken ein. Am Jüdischen Mahnmal begann das Gedenken mit einer Rede von Bürgermeister Sauer. Er äußerte deutliche Kritik an der Alternative für Deutschland (AfD) und Äußerungen ihrer Politiker*innen, besonders an den Äußerungen über die Nazi-Zeit als „Vogelschiss der Geschichte“. Die AfD sei „ein Katalysator für Gruppen mit antisemitischen Tendenzen“. Damit bezog er sich auf die rechte Gruppe Revolution Chemnitz. Sauer wies auf den alltäglichen Kampf gegen Antisemitismus hin und mahnte an: „Bleiben sie wach und werden sie aktiv.“

Eine sehr bewegende Rede hielt der Dortmunder Rabbiner Baruch Babaev. Allen Zuhörer*innen war Bedrückung und Trauer anzusehen, als Babaev mit ruhiger Stimme über Beweggründe der Pogrome sprach: „Man musste etwas auslöschen: Synagogen – dort wo die Moral gepredigt wird –, damit man unmenschlich werden kann, damit man sich erlauben kann, sowas Furchtbares zu machen. Deswegen brannten alle Synagogen im größten Pogrom der jüdischen Geschichte.“ 1945 sei „Deutschland befreit von den Nazis, aber nicht von Antisemitismus.“ Wie Sauer sprach Babaev auch gegenwärtige Probleme an: „Es gibt auch heute so viele Menschen, die Schutz bedürfen. Das Problem ist nur: Wir erlauben uns genauso zu schweigen wie auch 80 Jahre zuvor.“

Dortmunder Neonazis „feierten“ während des Gedenkens den 90. Geburtstag der inhaftierten Shoa-Leugnerin Ursula Haverbeck mit Partyhüten und Alkohol. Die Polizei sorgte für ausreichend Abstand, damit die Gedenkveranstaltung nicht durch solche Pietätlosigkeiten gestört wird. Babaev griff das Thema Haverbeck im Verlauf seiner Rede auf: „Wir müssen die Namen der Täter auch erwähnen. Täter wie Frau Haverbeck, Täter im Sinne, dass sie sich erlauben zu sagen, ’es war nicht gewesen’“. Auch in unserer Gemeinde gibt es noch Menschen, die das erlebt haben. Frau Haverbeck war damals zehn Jahre alt, und wenn sie sich nicht erinnert, dann ist das eine kranke Frau.“

Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung wurde gemeinsam ein Kranz am Mahnmal niedergelegt. Auf diesem stand: „Erinnerung leben - Verantwortung übernehmen”.

Mehr als nur Posen: Stories, Selfies, Videos, Instagram

Kunst auf Insta: Was passiert, wenn man jungen Künstler*innen neue multimodale Funktionen an die Hand gibt, lest ihr hier.
 

Perfekte Profs: Hohe Expertise nicht Erstwunsch von Studierenden

Fair, respektvoll, zuverlässig oder schon 1.000 Paper veröffentlicht – worauf kommt es Studierenden an wenn sie sich eine*n perfekte*n Professor*in vorstellen sollen?
 

Transplantationsskandal: Senatsvorsitzender verteidigt Kollegen

Auf der Senatssitzung in Essen äußerte sich Vorsitzender Ulf Dittmer, der selbst am Uniklinikum tätig ist, zum Transplantationsskandal.
 
Konversation wird geladen