Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Früher nach Kohle gegraben – heute Kunst geschaffen

[Symbolbild: David Peters]

01.04.2019 11:03 - Laura Lindemann

Erst stirbt die Zeche, dann stirbt die Stadt. Das sang die Band Virus D 1989. Dass Zechen jedoch als Kulturstätten weiterleben können, zeigen unter anderem der Essener Norden und Gelsenkirchen Bismarck.

„Ey Tim, soll ich den Knaller zünden?“ Die Akustik-Sängerin sieht ihren Duettpartner fragend an. „Ja, mach mal“, ruft er und schlägt die Saiten  seiner Gitarre an. Die Zuschauer*innen starren gebannt auf die kleine Bühne. Theatralisch breitet die Sängerin ihre Arme aus, holt tief Luft und sagt „Puff“. Die Akustik-Musiker*innen treten bei „Open Carl“ im Essener Stadtteil Altenessen auf. Eine der vielen Kulturveranstaltungen des 1978 gegründeten Vereins „Initiative Zentrum Zeche Carl e.V.“. Eigentlich sollte die Zeche, wie so viele andere im Ruhrgebiet, nach ihrer Schließung abgerissen werden. Verschiedenste Initiativen kämpften für ihren Erhalt und gewannen.

Von 1861 bis 1929 wurde auf der Zeche Carl Kohle gefördert.

Nach Beendigung des Kohleabbaus nutzte man sie weiterhin zur Seilfahrt, Materialbeförderung und Bewetterung. Mit der Schließung im Jahr 1970 ist Carl eine der ersten Zechen, die den Beginn des Strukturwandels im Ruhrgebiet markierten. Viele Arbeitsplätze gingen daraufhin verloren, das Viertel war ausgebrannt und ausgebeutet. Der städtebauliche und ökologische Strukturwandel musste begleitet werden, unter anderem von der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park, die auch das Gasometer in Oberhausen oder die Zeche Zollverein in Essen am Leben erhielten.

Applaus auf Zeche Carl

Das Publikum applaudiert. Die ausgelassenen Stimmen hallen bis zu den hohen Decken hinauf. Dort hängen futuristische Lampen, die die gigantischen Mauern in warmes Licht tauchen. Überall kleben Poster, die in ihrer Vielfalt ein Gesamtkunstwerk ergeben. „Unser Haus besteht quasi aus drei Säulen“, erklärt Tonja Wiebracht, Verantwortliche für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. „Das künstlerische Programm, die Projektarbeit und die Stadtteilarbeit.“ Im regelmäßigen Programm stehen unter anderem Konzerte, Poetryslams und Kinderveranstaltungen. „Uns ist es wichtig, die Eintrittsgelder für unsere Angebote klein zu halten, damit wirklich Jede*r Zugang zur Kultur bekommen kann,“ betont Wiebracht.

Zu den Projekten zählen künstlerische Aktivitäten mit Geflüchteten, Deutschkurse und Aktionen wie „Der Essener Norden ist bunt“ für das Miteinander gegen Ausländerfeindlichkeit (2017). „Wir versuchen immer mit der Zeit zu gehen, politische Ereignisse zu thematisieren und uns entsprechend zu positionieren“, beschreibt Wiebracht die Philosophie der Kulturstätte. „An unserem Haus gefällt mir, dass es sich immer verändert und nie fertig ist.“

Neben der Zeche Zollverein ist die Zeche Carl die einzige (industrie-)kulturelle Einrichtung im Essener Norden. So arbeitet Carl bewusst mit vielen Institutionen und Ehrenamtler*innen zusammen. Die Veranstaltungen bieten eine hohe Identifikationsmöglichkeit mit dem Stadtteil und sind wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens. „Wir möchten die Teilnehmer*innen untereinander und mit der Umwelt in Kontakt bringen.“

Das Motto ist Vielfalt

Ein weiteres Beispiel dafür, dass aus einer alten, kurz vor dem Abriss stehenden Zeche Kultur entstehen kann, ist das Consol Theater im ehemaligen Lüftungsmaschinenhaus der Zeche Consolidation in Gelsenkirchen Bismarck.

Zeche Carl
Kultur in der Zeche Carl

[Foto: lra]

Wenn man abends zu einer Veranstaltung geht, scheint das alte Industriegelände in einer längst vergangenen Zeit stehen geblieben zu sein, fernab vom hektischen Leben ringsherum in der Stadt. Die alten, rötlich schimmernden Backsteinmauern wirken in ihrer Höhe und Konstanz ruhig und friedlich. Nur die erleuchteten Fenster verraten, dass sich hier mehr verbirgt als die Erinnerung an die malochenden Bergleute, die sich tagtäglich den Kohlenstaub aus den Augen wischten.

Das Bergwerk gründete sich 1862, ein paar Jahre später wurde Kohle abgebaut. Nachdem die Zeche Ende der 90er Jahre schloss, hatte der Stadtteil aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und sozialer Brennpunkte einen hohen Förderbedarf. Insbesondere durch die IBA Emscher Park entstanden deshalb viele Baukonzepte, unter anderem das Consol Theater.

Seitdem werden hier regelmäßig Kinder- und Jugendtheaterstücke gespielt. „Unser Haus hat einen Theaterbereich und eine Volksbühne“, erklärt Christiane Freudig, Geschäftsleiterin des Consol Theaters. „Im Theaterbereich finden zwei bis drei Produktionen mit professionellen Künstler*innen im Jahr statt, während auf der Volksbühne Theaterkurse vor allem für Kinder und Jugendliche angeboten werden.“ Zudem gibt es regelmäßige Projekte wie das „Europefiction– Kultur schafft Zukunft”, das in Zusammenarbeit mit Partner-Theatern steht. Ansonsten gibt es noch Gesangs- und Grafittiprojekte, Vorlesungsgruppen und Veranstaltungen, bei denen Senior*innen für Kinder Theater spielen. „Wir arbeiten generationsübergreifend, eine große Vielfalt ist uns wichtig. Das ist unser Motto“, sagt Freudig über die Arbeit im Haus.

Eine Besucherin des Consol Theaters schwärmt: „Es ist großartig, wenn etwas nicht einfach wegstirbt, sondern eine neue individuelle Funktion bekommt. Vor allem wenn etwas in Kunst verwandelt wird, ist das ein großes Geschenk für die Gesellschaft.“

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