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GESELLSCHAFT

Frauenarztwahl: Irgendwo muss man ja Abstriche machen (lassen)?

Von Vielen gefürchtet: Der Besuch und die damit verbundenen Untersuchungen in einer gynäkologischen Praxis. (Fotos: lenz)

09.12.2017 08:06 - Lorenza Kaib



Alle sechs Monate sollte frau* eine gynäkologische Praxis für die Routineuntersuchung aufsuchen – einmal im Jahr steht die Krebsvorsorge an. Für viele ein sensibles Thema, manche empfinden den Besuch als unangenehm – und einige mussten bereits negative Erfahrungen im Behandlungsraum machen. So auch Studierende der Universität Duisburg-Essen, Technischen Universität Dortmund und der Folkwang Universität der Künste. Ihre Beschwerden reichen von fehlender Aufklärung, einem rauen Ton in der Praxis und mangelhafter Betreuung bis hin zu verbalen Übergriffen und mangelhafte Hilfestellung in Notsituationen.

Kein Termin der Freude, aber für viele Alltag: der Besuch beim Frauenarzt oder der Frauenärztin. Krebsvorsorge und das Erkennen sexuell übertragbarer Krankheiten stehen dabei im Vordergrund. Auch das gewählte Verhütungsmittel – wie etwa Kupferkette oder Spirale – wird kontrolliert und Rezepte für die Pille erneuert. Und eigentlich sollte auch noch Zeit für das Fragenstellen und Beratung da sein. Pia* ist mit 14 Jahren wegen Regelschmerzen zur Frauenärztin gegangen. „Daraufhin hat die Ärztin mir die Pille verschrieben, ohne mich über Nebenwirkungen wie Thrombose aufzuklären“, erzählt sie. Damals empfand sie das nicht als problematisch, aus heutiger Sicht allerdings schon: „Die Pille wird bei kleinen Wehwehchen verschrieben oder zum Beispiel für reinere Haut und schönere Haare. Dazu kommt, dass die Patientinnen meist sehr jung sind – diese sollten besser aufgeklärt werden.“

Pillenproblematik

Aslı* hat vor zwei Jahren auf eigene Faust die Pille abgesetzt, die sie aufgrund von Zysten zehn Jahre lang einnahm. Als sie mit Menstruationsbeschwerden und Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiver Verstimmung, die durch das Absetzen ausgelöst wurden, ihre Ärztin aufsuchte, reagierte diese wenig hilfreich. „Auf meine Frage bezüglich der hormonellen Auswirkungen hat sie nur erwidert, dass dieser Test etwas komplizierter sei, ich ihn aus eigener Tasche bezahlen müsste und wenn ich wirklich ein Problem habe, dann hätte ich die Pille nicht absetzen sollen, denn das wäre die Lösung dafür“, berichtet Aslı. Erst durch Gespräche mit Bekannten habe sie davon erfahren, dass die hormonelle Umstellung nach so einer langen Zeit der Pilleneinnahme einfach länger dauern könne. „Nach zwei Jahren hat sich das Ganze nämlich sehr gut eingependelt und die Probleme, die das tägliche Einnehmen einer Pille mit sich brachte – Magenprobleme, trockene Haut – sind verschwunden. Hätte ich auf meine Ärztin gehört, würde ich noch immer die Pille nehmen“, kann sie jetzt aus eigener Erfahrung berichten.

Nicht nur bei der Pille scheint es Beratungsprobleme zu geben. „Außerdem komme ich aus einer Familie, in der über Geschlechtsverkehr nicht viel geredet wurde. Heißt, ich hatte hier und da doch ein paar Fragen offen“, erzählt Aslı. Auf ihre Fragen sei ihr meist humorvoll begegnet worden. Sie hatte das Gefühl, dass sie als dumm oder naiv abgestempelt wurde. „Wenn ich in Betracht ziehe, dass es sehr viele Familien gibt, die dies zuhause nicht besprechen und viele junge Mädchen nicht informiert sind, ist das ein großes Problem“, stellt sie fest. Als Konsequenz aus ihren bisherigen Erfahrungen geht sie jetzt nur noch selten zur Frauenärztin: „Wenn etwas Wichtiges ist oder ich starke Beschwerden habe. Die Kontrolle habe ich mittlerweile stark reduziert, dabei sollte dies öfters stattfinden“.

Gefürchteter gynäkologischer Stuhl

Auch abseits von Verhütungsfragen und Sexualaufklärung kann es zu Kommunikationsproblemen und einem von Patientinnenseite bemängelten Umgang kommen, etwa während der von vielen gefürchteten Untersuchung auf dem gynäkologischen Stuhl – darauf freut sich fast niemand. Vanessas* erster Besuch beim Frauenarzt endete dort und war für sie so traumatisierend, dass sie seitdem keine Untersuchung mehr hat vornehmen lassen. „Ich wurde dann total damit überrumpelt, dass mich die Ärztin untersuchen wollte, damit hatte ich nicht beim ersten Mal gerechnet, hatte mir aber auch keine Gedanken darüber gemacht“, berichtet sie. Die Untersuchung empfand sie als sehr unangenehm und extrem schmerzhaft, ihr wurde schwindelig und sie hätte fast das Bewusstsein verloren. Vanessas Beschwerde richtet sich auch gegen das weitere Vorgehen: „Die Ärztin ist damit meiner Meinung nach überhaupt nicht sensibel umgegangen, hat mir einfach nur gesagt, dass ich mich doch entspannen sollte. Als ob das dann so einfach gehen würde. Und obwohl sie gesehen hat, wie schlecht es mir geht, hat sie sich nicht entsprechend um mich gekümmert. Ich habe dann um ein Glas Wasser gebeten, aber das war’s dann auch.“ Das Erlebnis hatte weitere Folgen für sie: „Die Untersuchung damals hat auch dazu geführt, dass ich sehr lange wirklich Angst vor Sex hatte.“ Ihre Ärztin hatte ihr zusätzlich noch gesagt, würde sie keine Tampons benutzen – was sie bis zu dem Zeitpunkt nicht tat – wäre Sex auf jeden Fall schmerzhaft.

Ebenso wie Pia und Aslı fühlte sich auch Vanessa schlecht beraten, was Verhütungsmittel angeht. Dass sie sich nie gut bei einer Frauenärztin aufgehoben gefühlt hat, sieht sie auch als einen Grund dafür, dass sie jetzt ganz auf hormonelle Verhütung verzichtet – und auch nicht mehr zu Untersuchungen geht. „Ich habe mir bis heute keine neue Frauenärztin gesucht, weil ich mich, aufgrund meiner ersten Erfahrung, nicht mehr zu Untersuchungen traue. Ich weiß, dass ich das eigentlich machen muss, aber ich bekomme Panik, wenn ich nur an die Situation denke“, erzählt Vanessa.

Laras* erster Termin bei der Frauenärztin war hingegen sehr angenehm. Bei einem Kennenlerngespräch erzählt die Ärztin der damals 14-Jährigen, wie die Untersuchung beim nächsten Termin ablaufen würde und dass die meisten Patientinnen* danach erleichtert wären. „Bei mir war es aber anders. Ich hatte Probleme damit, mich überhaupt untersuchen zu lassen – ich habe einfach ein krasses Problem damit, gefühlt so ‚ausgeliefert‘ zu sein“, erzählt Lara. Nachdem die Untersuchung nicht richtig stattfinden konnte, wäre die Ärztin nicht mehr nett, sondern ziemlich beleidigt und unfreundlich gewesen: „So als hätte ich ihr die Untersuchung verweigert, um sie zu bestrafen oder zu ärgern.“ Ähnlich zu Vanessas Erfahrung wurden ihr Probleme beim Sex vorhergesagt – weshalb es „auf diese Art schwer sein wird, für mich einen Freund zu finden – und ja, es war nur in hetero-Form formuliert“ berichtet sie. Zurück blieb bei Lara die feste Überzeugung, nicht normal zu sein.

Auch Unterleibsschmerzen, die sie auf die begonnene Pilleneinnahme zurückführte, ignorierte die Ärztin: „Als ich ihr das mit den Schmerzen erzählt hatte, meinte sie nur ‚Das kann nicht sein‘. Damit war das Thema erledigt und ich habe es nie mehr erwähnt. Es kann ja tatsächlich ein Zufall gewesen sein, aber trotzdem habe ich nur berichtet, was mir aufgefallen ist.“ Lara wechselte ihre Frauenärztin, doch leider erlebte sie die Situation in abgeänderten Formen immer wieder: Sie wurde nicht ernst genommen, es wurde mit Ärger oder Unverständnis auf ihr Problem reagiert. Eine Ärztin verweigerte ihr sogar aufgrund der nicht stattfinden könnenden Untersuchung das Rezept für die Pille. „Es ging nicht eine Sekunde darum, wie es mir mit der Situation geht, wir haben auch nicht besprochen, ob ich überhaupt die Pille absetzen will, was das dann bedeutet und so weiter. Sie hat nicht gefragt, was mir helfen könnte“, so Lara. Sie stand kurz vor einem Urlaub ohne Pille dar, musste in eine andere Praxis. Nach einer langen Praxen-Odyssee hat sie inzwischen eine Ärztin gefunden, bei der sie sich gut behandelt fühlt. „Sie lässt mir Zeit. Sie ist geduldig. Jedes Mal vor der Untersuchung sagt sie, dass sie Bescheid weiß und dass wir alles ganz in Ruhe machen. Es ist trotzdem super unangenehm, aber es ist möglich“, so Lara.

Marta* erlebte vor 14 Jahren einen verbalen Übergriff: „Ich war zur Routineuntersuchung. Er äußerte sich, da ich im Intimbereich rasiert bin, mit den Worten: ‚Frauen wie Sie sind dafür verantwortlich, dass Männer pädophil sind.’” Ihr fehlten daraufhin die Worte. „Zum einen geht es den Arzt nichts an, wie ich meinen Körper pflege, zum anderen sollte er meiner Meinung nach seiner Arbeit nachgehen und nicht mich als Person und meine doch eher private Angelegenheit beurteilen”, stellt sie fest. Sie suchte sich eine neue Frauenärztin – dieses Mal eine Frau – und nahm dafür eine 30 Kilometer lange Anfahrt in Kauf. „Ich hab das ganze damals nicht weiter angesprochen. Zum einen war ich sehr perplex und ich hatte nicht den Eindruck, es würde was bringen”, sagt sie.

Eine geplante Schwangerschaft ist ein freudiges Ereignis, bringt aber auch neue Herausforderungen, Sorgen und Ängste mit sich. Stefanie* befindet sich am Anfang ihrer Schwangerschaft. Bisher hatte sie zwei Termine bei der Frauenärztin und will nun wechseln, da sie sich dort nicht wohl fühlt. „Vorher war alles super, aber jetzt fühle ich mich so als wäre ich ‚nur‘ eine von vielen. Beim ersten Termin gab es null Aufklärung, ich musste mir alles selbst raussuchen und mir Informationen beschaffen“, erläutert sie ihre Situation. Auch sind ihr Versäumnisse der Praxis aufgefallen, wie etwa ein nicht vollständig ausgefüllter Mutterpass oder dass ihr die Herztöne des Embryos beim Ultraschall nur gezeigt wurden und sie sie nicht hören konnte, wie es in anderen Praxen üblich sei. „Fragen werden eher kalt beantwortet und man wird so behandelt, als müsse man wissen, wie so eine Schwangerschaft abläuft. Für die ist es Tagesgeschäft, für mich leider nicht“, so Stefanie.

Fehlendes Einfühlungsvermögen

Nina* ist das passiert, wovor sich Schwangere und werdende Eltern fürchten: Ihr Kind ist vor der Geburt im Uterus verstorben. „Mir ging es aufgrund dessen körperlich und seelisch sehr schlecht, auf meine Fragen und Ängste wurde in der Situation kaum oder sehr unsensibel reagiert“, erzählt sie von dieser schwierigen Zeit. Es fielen Sätze wie „Es wird alles wieder gut“ oder „Das ist eine Laune der Natur“ – für sie „unheimlich verletzende Aussagen, nachdem wir gerade erfahren hatten, dass unser Kind verstorben ist und ich in Lebensgefahr bin“. Zudem seien ihre Schmerzen nicht behandelt worden. Ihr Partner wurde ohne Vorwarnung von der Arzthelferin informiert. „Problematisch war nicht, dass es schnell gehen musste, sondern dass der Arzt wenig Geduld gezeigt hat für unsere Zweifel und den Wunsch, unser Kind natürlich zu gebären, um uns irgendwie verabschieden zu können”, so Nina. Mehr Mitgefühl, Verständnis für ihre Unsicherheit und ausführlichere Informationen hätte sie sich statt des Drucks gewünscht. „Fachlich ist an dem Verhalten kaum etwas auszusetzen gewesen, menschlich aber schon”, fasst Nina ihre Erlebnisse zusammen. Sie führte danach ein Gespräch mit der Ärztin. Die Kritik sei auch aufgenommen worden, „aber das unsensible Verhalten durch die Notfallsituation relativiert”.

Beschwerdewesen und Beratung



Mehr Empathie, mehr Zeit, mehr Beratung. An manchen dieser Stellschrauben ist im auf Gewinn ausgelegten Gesundheitssystem schwer zu drehen. An anderen Stellen lässt sich besser ansetzen. Die Ärztekammern bieten etwa Ärzt*innen Schulungen und Informationen zu Themen wie dem Umgang mit Patient*innen an. Sie nehmen auch Beschwerden bei Behandlungsfehlern und Kommunikationsproblemen an und vermitteln zwischen Arztpraxen und Patient*innen, die sich dort nicht richtig behandelt fühlen. Den Mut für eine Aussprache oder sogar eine Beschwerde aufzubringen, ist jedoch keine einfache Aufgabe – und die Lösung der Probleme kann auch nicht allein auf den Schultern der Patientinnen* liegen.

Eine Anlaufstelle für Betroffene im Ruhrgebiet ist die  vor Ort beraten lassen.

*Namen von der Redaktion geändert
 

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