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GESELLSCHAFT

Forschung: Wie rassistisch ist die Polizei?

Wie rassistisch ist die deutsche Polizei? [Archivfoto: David Peters]
29.04.2021 19:28 - Sophie Schädel

Rassistische Polizeigewalt, Racial Profiling, Polizeibeamt:innen in aufgeflogenen rechten Terrornetzwerken und rassistischen Chats. Gegen eine lange Liste von Vorwürfen bringt die Polizei nun ein Instrument in Stellung: Sie wirbt gezielt Nachwuchs mit Migrationsgeschichte an. Ob das funktionieren kann und wie rassistisch die Polizei ist, hat eine Forschungsgruppe mit Beteiligung der Universität Duisburg-Essen erforscht.

Es ist ein gemischtes Bild, das der Report der Forschungsgruppe aus dem Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (UDE) zeichnet. Entstanden ist er in Kooperation mit der Deutschen Hochschule der Polizei und der Akademie der Polizei Hamburg, in der auch der bekannte Polizeiwissenschaftler Rafael Behr mitarbeitete. Im Report heißt es einerseits, Teile der Polizei seien „sehr an einem professionellen Umgang mit Migration“ interessiert. Dazu zählen insbesondere Polizist:innen entsprechend spezialisierter Stellen innerhalb der Polizei sowie einzelne Beamt:innen, die beispielsweise durch eigene Migrationserfahrungen für das Thema sensibilisiert sind. Andererseits beobachtet sie aber strukturellen und individuellen Rassismus gegen die eigenen Beamt:innen und die Bevölkerung.

Rassistisches Wir-Gefühl

Das häufige Argument, die Polizei sei ein Spiegel der Gesellschaft und deswegen sei es normal, dass dort Rassismus ähnlich häufig vorkomme, lässt der Report nicht gelten.  Die Polizei habe eine hohe Verantwortung, da sie das staatliche Gewaltmonopol durchsetzt, argumentiert die Forschungsgruppe. Darum dürfe sie gesellschaftliche Diskurse nicht unreflektiert überdenken und in ihr berufliches Handeln übernehmen.

Allein die Aufnahme von Menschen mit Migrationsgeschichte in die eigenen Reihen macht polizeilichen Rassismus nicht wett, warnt der Report. Stattdessen individualisiere sie das Problem. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass dieses Personal eher selbst unter Druck gerät, als dass die Polizeibeamt*innen in der Lage wären, die Polizei ‚von innen heraus‘ gezielt zu verändern“, bilanziert die Forschungsgruppe. Sie berichtet von rassistischen Sprüchen und Spitznamen gegenüber migrantischen Beamt:innen, die sich nicht trauen, sich dagegen zu wehren. Das alles führt der Bericht auf ein Wir-Gefühl zurück, das zu einer „kulturellen Betonung der Harmonie“ führe und in der Polizei Differenzen einebne.

„Südländer“ und Sprachbarrieren

Polizeilicher Rassismus wendet sich nicht nur gegen Kolleg:innen, sondern auch gegen die Bevölkerung. „Sowohl im mündlichen wie auch im schriftlichen polizeilichen Sprachgebrauch werden sehr häufig stereotype Begriffe wie ‚Südländer‘ verwendet, um äußere Merkmale von Verdächtigen zu beschreiben“, nennt die Forschungsgruppe beispielhaft. Das führe zur Pauschalisierung und Vorverurteilung und stehe dem Ziel entgegen, Sachverhalte detailliert und korrekt zu erfassen.

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Polizeilicher Rassismus betrifft Beamt:innen und die Bevölkerung. [Foto: pixabay]

 

Häufig scheitere im Einsatz die Kommunikation zwischen Polizei und Bevölkerung an Sprachbarrieren. Die Forschungsgruppe beschreibt Fälle, in denen Geschädigte, Zeug:innen oder Opfer einer Straftat kaum Deutsch sprechen und Beamt:innen „mitunter der Aufwand zu hoch scheint, eine*n Dolmentscher*in hinzuzuziehen“. Dabei sei eine gelungene Kommunikation zentral, weil Polizist:innen im Einsatz transparent machen sollten, was sie tun und warum sie jemanden beispielsweise in Gewahrsam nehmen.

Trotz vieler Beispiele für polizeilichen Rassismus fehlen bislang Daten, um zu verstehen, wie groß das Problem tatsächlich ist und wie man dagegen vorgehen könnte. Doch obwohl zwei der drei beteiligten Forschungsinstitutionen zur Polizei gehören, stießen sie bei der Datenerhebung auf Widerstände. Polizeibehörden und Innenministerien mehrerer Bundesländer hätten Kooperationsanfragen abgelehnt oder nach ihrer Zusage nicht den nötigen Kontakt zu ihren Beamt:innen hergestellt, kritisiert der Bericht. Das liege an Überlastung, aber auch an Misstrauen gegenüber Blicken von außen.

Zusammenhänge zwischen Rassismus und Polizeigewalt

People of Color sind in anderer Weise von als rechtswidrig bewerteter polizeilicher Gewalt betroffen, so die Forscher:innen.
 

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