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GESELLSCHAFT

„Feministin sein ist nicht immer lustig“

(Foto: Lars Mensel)

30.11.2018 14:23 - Mirjam Ratmann

Die Autorin und Journalistin Julia Korbik ist fasziniert von Simone de Beauvoir. Ihr Buch „Oh Simone – warum wir Simone de Beauvoir wiederentdecken sollten!“ liest sich wie eine Hommage an die bekannte Philosophin, Feministin und Schriftstellerin. Ein Gespräch über feministische Debatten, das Imageproblem des Feminismus und warum wir ihn trotzdem brauchen.  

Das Interview führte Gastautorin Mirjam Ratmann

ak[due]ll: Julia, warum sollten wir Simone de Beauvoir wiederentdecken?

Julia Korbik: Weil sie eine wahnsinnig spannende Frau ist. Ich habe es immer so empfunden, dass viele Menschen wissen, dass es sie gibt, aber niemand mehr so richtig weiß, was sie gemacht hat. Viele wissen, dass sie Feministin war, aber darauf wird sie dann auch reduziert – es geht immer nur um „Das andere Geschlecht“ (Anm. der Red.: de Beauvoirs bekanntes Werk über die Rolle der Frau und ihrer Unterdrückung im Patriarchat) und darum, dass sie diese berühmte Frauenrechtlerin war. Ich finde, dass es wichtig ist, sie in ihrer ganzen Vielfalt zu entdecken. Denn sie war nicht nur Feministin, sie war auch Schriftstellerin und vor allem Philosophin – auch, wenn sie das selber nie so über sich gesagt hätte. Was außerdem immer vergessen wird ist, wie relevant Simone de Beauvoir heute noch ist.

ak[due]ll: Warum wird „Das andere Geschlecht“ heute kaum noch gelesen? Und warum ist es essentiell für den feministischen Diskurs?

"Letztlich geht es darum, dass alles auf Männer ausgerichtet ist."

Korbik: Da gibt es mehrere Gründe. Erstmal ist es wahnsinnig dick, das schreckt sicherlich viele ab. Da es von 1949 ist, haben vor allem junge Frauen heute den Eindruck, dass es gar nicht mehr von Bedeutung ist für ihr Leben. Ich finde aber, dass ihre Grundanalyse immer noch aktuell ist: Dass die Welt eine männliche ist und von Regeln bestimmt ist, die von Männern gemacht werden. Dass Männer Frauen als das Andere sehen – wenn auch nicht unbedingt bewusst. Letztlich geht es darum, dass alles auf Männer ausgerichtet ist.

Es ist auch ein Buch, dass man lesen kann, um sich selbst zu motivieren. Feministin sein ist nicht immer lustig, meistens macht es nicht so viel Spaß. Man wird viel angefeindet und muss sich viel rechtfertigen. Leute sagen ständig, „ach du meine Güte, wir haben doch schon so viel erreicht, was wollt ihr noch“ – es wird stetig in Frage gestellt, dass Feminismus überhaupt noch notwendig ist. Ich finde, wenn man das Buch liest, dann merkt man, dass sich zwar viel verändert hat und viel erkämpft wurde, aber es noch so wahnsinnig viel gibt, für das wir kämpfen müssen.

ak[due]ll: Was entgegnet man solchen Kritiker*innen?

Korbik: Ich will nicht verleugnen, dass wir Fortschritte gemacht haben. Aber trotzdem heißt es eben nicht, dass Frauen gleichberechtigt sind. Frauen leisten immer noch den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit und verdienen auch immer noch weniger. Obwohl das Leute immer wieder kleinrechnen wollen: der Gender Pay-Gap ist da. Außerdem gibt es diese gesellschaftliche Machtstruktur, die sich in Sexismus und in sexualisierter Gewalt ausdrückt, das hat #MeToo unter anderem deutlich gezeigt. Ich glaube schon, dass, wenn man sich das Gesamtbild anschaut, Frauen immer noch benachteiligt sind. Deswegen ist Feminismus auch nicht überflüssig.

ak[due]ll: Welche der aktuellen feministischen Debatten empfindest du dabei als besonders relevant?

Korbik: Ich finde #MeToo wirklich wichtig. Die Diskussion hat gezeigt, wie tief das Problem von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch geht und wie groß da das Gesprächsbedürfnis ist. Ich finde es auch wichtig, dass wir über den Abtreibungsparagraphen 219a diskutieren. Es ist eine traurige Diskussion, die wir 2018 führen müssen: Dass Frauen ein Selbstbestimmungsrecht haben, wenn es um ihren eigenen Körper geht. Das ist furchtbar. Aber andererseits ist es gut, dass wir die Diskussion führen, weil nur so nochmal klar wird: Frauenkörper sind nicht irgendwas, worüber andere Menschen bestimmen können, sondern die Frauen sollen darüber bestimmen können. Das sind beides sehr schmerzhafte, aber notwendige Diskussionen. Auch weil sie in der Politik für Probleme sorgen – zu Recht. Da muss man sich dann halt positionieren.

ak[due]ll: Viele lehnen Feminismus ab, obwohl sie im Grunde feministische Überzeugungen vertreten. Wieso fällt es solchen Menschen schwer sich als Feminist*in zu bezeichnen?

Korbik: Ja das ist traurig aber wahr, Feminismus hat immer noch ein Imageproblem. In den letzten Jahren hat sich zwar viel getan, aber es ist eine ambivalente Entwicklung. Einerseits hast du auf einmal Hollywood-Stars, die sich als Feminist*innen bezeichnen und das ist natürlich toll, dass solche Menschen wie Emma Watson für junge Frauen als Vorbilder dienen können. Aber gleichzeitig hat man in Deutschland immer noch diesen ganzen Ballast. Feminismus ist für viele immer noch Alice Schwarzer und auch aufgeklärte junge Frauen sagen zu mir, „ach, wenn dieser Männerhass nicht wäre“.

Dann kommt dazu, dass man sich heutzutage ungern labeln möchte. Viele haben einfach Angst, dass, wenn sie eine harte politische Meinung vertreten – was Feminismus ja ist – es ihnen dann negativ ausgelegt wird. Ich glaube, dass viele damit auch so eine Radikalität verbinden oder denken, dass mit dem Label Feminist*in eine Verpflichtung einhergeht, nach der sie handeln müssen, was ihnen vielleicht zu viel ist oder was sie nicht erfüllen können. Aber ich stelle bei den Leuten, die dem Begriff gegenüber so skeptisch sind, auch fest, dass sie eigentlich falsche Vorstellungen davon haben, was es eigentlich ist und sie sich nicht einer Bewegung anschließen wollen.

ak[due]ll: Müssen wir Feminismus also anders, besser vermitteln, um solche Vorurteile abzubauen? Wie können feministische Kreise inklusiver werden?

Korbik: Ich habe festgestellt, dass gerade im Umgang mit den Leuten, die da etwas skeptisch sind und lauter Klischees im Kopf haben, Humor hilft sehr gut. Natürlich passt das nicht bei allen Themen, sexualisierte Gewalt ist nicht lustig. Aber wenn man es generell etwas lockerer macht und nicht mit dieser Keule – sondern stattdessen mit Menschen ins Gespräch kommt und ihnen zuhört. Das ist bei manchen natürlich schwierig, wenn man merkt, dass sie einfach sexistisch sind. Mit solchen lohnt sich der Austausch nicht. Ich glaube aber, dass die meisten Menschen schon Interesse daran haben, aber wenig Ahnung. Dann kann viel über Alltagsthemen vermittelt werden – sie da abholen wo sie sind und nicht immer diese hoch theoretischen Diskussionen führen. Auch wenn diese natürlich sein müssen, weil sie den Feminismus voranbringen. Also im Gespräch bleiben, auf die Menschen zugehen und nicht alle Sachen allzu ernst nehmen und nicht gleich beleidigt sein.

ak[due]ll: Ist das ein Problem vom Feminismus, dass ständig von allen zu allem eine Haltung gefordert wird? Erschwert das nicht den offenen Austausch?

Wenn wir über das Patriarchat reden – das ist eine Struktur, die allen schadet, auch Männern, die nicht einer bestimmten Version von Männlichkeit entsprechen.

Korbik: Ja absolut. Viele denken auch, sie müssen ein wahnsinniges Wissen haben, wenn sie Feminist*in sein wollen und sie müssen zu allem Bescheid wissen und das stimmt einfach nicht. Feminist*innen wissen auch nicht alles. Aber das ist nicht nur ein Problem im Feminismus, sondern überall, dass Leute sich nicht trauen zu sagen, wenn sie von etwas keine Ahnung haben. Dabei ist das gar nicht schlimm. Das kann man auch ruhig im Feminismus mal sagen. Da bekommt man schon manchmal das Gefühl, wenn man keine Haltung hat, ist das schlecht.  

ak[due]ll: Warum bist Du trotz des Negativimage heute Feministin?

Korbik: Weil wir immer noch keine Gleichberechtigung haben. Wenn Feminismus bedeutet, die Gleichberechtigung der Geschlechter, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, dann gucke ich mich um und stelle fest, dass es nicht so ist. Wenn man die feministische Brille aufhat, dann sieht man sofort, was alles falsch läuft, weil da immer noch diese Machtstrukturen sind. Feminismus wird auch gebraucht, weil er uns klar macht, dass nicht wir das Problem sind, wir Frauen oder wir, wer auch immer. Die Männer sind ja nicht die Bösen. Wenn wir über das Patriarchat reden – das ist ja eine Struktur, die allen schadet, auch Männern, die nicht einer bestimmten Version von Männlichkeit entsprechen. Daher ist es toxisch für ganz viele Menschen. Und deswegen sollten wir auch alle zusammen daran arbeiten, das zu verändern, unsere Strukturen da zu ändern.

 

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