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GESELLSCHAFT

Faire Bildungschancen alle?

Gerade ist die Schule für jugendliche Geflüchtete noch eine Sackgasse. Damit sich das ändert müssen Schulen, Arbeitsverwaltung und Jugendhilfe eng zusammen arbeiten. ​​​​​​(Symbolbild: BRIT)
12.11.2018 11:39 - Britta Rybicki

Wie soll das eigentlich funktionieren? Nach maximal zwei Jahren Deutschunterricht sollen jugendliche Geflüchtete in Berufsschulen Fachliteratur verstehen. Komplizierten Strukturen wie „Schule“ und „Arbeitsmarkt“ gerecht werden, obwohl sie viele andere Sorgen haben. Wie zum Beispiel ihren Aufenthaltsstatus. Die Wissenschaftlerinnen Karola Köhling und Sybille Stöbe-Blossey haben sich das in einer Studie vom Institut für Arbeit und Qualifikation mal genauer angesehen.

Wir kennen und fürchten sie alle: Lebensabschnitte. Übergänge von der Jugendlichkeit ins anstrengende Erwachsensein. Von der Schule in den Beruf. Plötzlich landen wir in einer für uns unübersichtlichen Situation. Wir müssen mehr Entscheidungen treffen: Will ich weiterstudieren oder direkt eine Ausbildung beginnen? Kann ich mir das überhaupt leisten? Welche Themenfelder interessieren mich eigentlich? Da es stärker um uns geht, brauchen wir mehr Motivation. Diese verpufft, sobald wir uns überfordert fühlen. „Jugendliche Flüchtlinge brauchen eine gewisse Stabilität, bei der die Unterstützung verschiedener Institutionen helfen kann“, sagt Karola Köhling. 

Die Lebenslage dieser Jugendlichen ist belastend. Abhängig von zig Einflüssen: Ob sie allein oder mit ihren Familien nach Deutschland geflüchtet sind, ob sie auf dem Land oder in der Stadt, im betreuten Wohnen, alleine oder immer noch in einer Unterkunft leben. „Oder wie gut ihre Deutschkenntnisse nach der Internationalen Förderklasse sind“, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Nur wenige landen direkt in einer Regelklasse. In der Internationalen Förderklasse sollen sie Deutsch lernen. Laut pädagogischen Befunden braucht ein Mensch im Schnitt sieben Jahre Sprachförderung, um Fachliteratur verstehen zu können. Geflüchtete haben dafür allerdings nur zwei Jahre Zeit. „Ebenso wichtig ist, wie es ihnen geht – ob sie bereits Hilfe bekommen und eine Therapie angefangen haben“, sagt Köhling.

Noch bevor sie überhaupt nur an einen Ausbildungsplatz denken können, geht es um ihren aufenthaltsrechtlichen Status. Hier herrscht Unsicherheit und Angst. Nur eine sogenannte Ausbildungsduldung befreit sie für die drei Jahre von ihrer Befürchtung, plötzlich ausreisen zu müssen. „Arbeitsverwaltung oder Schulen und Betreuer können vor Beginn der Ausbildung dann gemeinsam dafür sorgen, dass jugendliche Flüchtlinge ein Praktikum machen können“, so Köhling. Was jedoch hauptsächlich von der Eigeninitiative der Lehrer*innen abhängt.

Spielt Bildung eine Schlüsselrolle in Sachen fairer Integration?

Dass hier eine faire Bildungschance besteht, ist äußerst fraglich. Denn nur die Berufsberatungsangebote in Schulen der Arbeitsagentur sind für alle zugänglich. Das Jobcenter richtet sich damit hingegen nur an Menschen, die Sozialleistungen beziehen. „Dabei werden auch Wünsche von Teilnehmern, Fähigkeiten und Erfahrungen in die Berufswahl einbezogen“, sagt Köhling. In den häufigsten Fällen landen jugendliche Geflüchtete allerdings in kleinen Handwerksbetrieben. Wenn sie auf dem Land leben, haben sie noch deutlich weniger Auswahl als in der Stadt. „In Städten gibt es zwar mehr Auswahl, aber viele Großunternehmen lassen sich trotzdem nur auf Praktika ein“, sagt Köhling. Sind sie einmal auf einem handwerklichen Berufskolleg, müssen sie dort auch vorerst bleiben. Ganz egal, ob sie vielleicht ganz andere Berufswünsche verfolgen. „Unsere Befragungen haben außerdem ergeben, dass viele die Ausbildung insgesamt nicht erfolgreich absolvieren.“ Während sie sich in der Praxis nämlich vorbildlich schlagen würden, scheitern sie aufgrund der nicht ausreichenden Sprachkenntnisse in der Theorie.

Sozialarbeiter*innen müssen sich privat fortbilden

Da es aber nicht nur darum geht, sie beruflich zu unterstützen, hängt viel von engagierten Sozialarbeiter*innen ab. Sie übernehmen neue Aufgaben: „Sie helfen jungen Flüchtlingen, die Regelungen im Schulsystem zu verstehen und zu akzeptieren, wie pünktlich im Unterricht zu sein, an ihr Arbeitsmaterial zu denken und Hausarbeiten zu machen. Wie auch, dass sie nicht automatisch im Betrieb entschuldigt sind, wenn sie ihre Mutter zum Arzt begleiten.“ Viele Jugendliche sind außerdem traumatisiert, weshalb einige Sozialarbeiter*innen private Fortbildungen besuchen. Auch damit sei es nicht getan. Damit Integration gelingen könne, müssten sie Freund*innen fernab ihrer Unterkunft finden. Nur dadurch lasse sich der soziale Ausschluss verhindern. „Zum Beispiel über einen Sportverein oder kulturelle Angebote.“ Dass solche Aktivitäten oft mit hohen Kosten verbunden sind, ist kein Geheimnis.

Zukunftsvisionen: Workshops

Was sich festhalten lässt: Es gibt noch viel zu tun. „Manche Kooperationsansätze sind in der Zeit der großen Flüchtlingszahlen im sogenannten Krisenmodus entstanden. Jetzt geht es darum, diese Ansätze zu verstetigen“, sagt Köhling und plädiert für Workshops an denen Arbeitsverwaltung, Schulen und Jugendhilfe teilnehmen und eine Bestandsaufnahme vornehmen. Außerdem gebe es derzeit noch zu viele Probleme, die aus schlechter Kooperation resultieren: „Jede Kommune hat unterschiedliche Vorgehensweisen zur Bewältigung der neuen Herausforderungen. Wenn beispielsweise eine Arbeitsverwaltung empfiehlt, dass Jugendliche Sprachangebote bei Bildungsträgern wahrnehmen und nicht weiter die Schule besuchen, führt das dazu, dass sie keine Möglichkeit zu weiteren Bildungsabschlüssen erhalten, die die Schule anbietet.“ Ein Mitspracherecht der Jugendlichen scheint gerade noch Meilen entfernt.

Mehr Infos

 

Bei den empirischen Erhebungen wurden insgesamt 68 Experteninterviews mit Personen aus Arbeitsverwaltung und Schulen geführt. Bei den Befragungen wurden außerdem Akteure aus unterschiedlich strukturierten Kommunen in NRW einbezogen. Teils mit längerfristigen Erfahrungen, teils mit solchen, die neu mit den Aufgaben der Integration konfrontiert sind.

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