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GESELLSCHAFT

Fahrschulen-Rant: „Deutschlands Zukunft ist verloren“

In manchen Regionen ist man auf einen Führerschein geradezu angewiesen.
[Foto: pixabay]

28.07.2021 11:24 - Helena Wagner

Fahrschulen-Rant: „Deutschlands Zukunft ist verloren“
Durch einen blöden Zufall bin ich in einem Aufbauseminar für meinen Autoführerschein gelandet. Bis auf die Aussage des Fahrlehrers „Deutschlands Zukunft ist verloren!“ und einer anschließenden Diskussion über mentale Gesundheit, war das Seminar gar nicht so schlecht. Trotzdem komme ich an einem kleinen Rant über diese Diskussion nicht vorbei.

Eine Kolumne von Helena Wagner

Es ist Mittwochabend, 21:15 Uhr. Die vorletzte Sitzung meines Aufbauseminars ist vorbei und ich will gerade aufstehen, da fängt der Fahrlehrer an, sich lautstark zu beschweren: „Deutschlands Zukunft ist verloren!“ Er erklärt, wie sehr es ihn stört, wenn Fahrschüler:innen bei einem rauen Ton in der Fahrstunde anfangen zu weinen, weil „die jungen Leute von heute ja nichts mehr aushalten.“ Generell seien Erkrankungen wie Burnout oder Depressionen eine „Modeerscheinung“, die erst in den letzten fünf bis zehn Jahren aufgetaucht wären, weil niemand in der Gesellschaft noch etwas abkönne.

Mir ist die Kinnlade runtergeklappt. Ein Mann Mitte 40, der so herablassend über Emotionalität und Gefühle lästert und dann auch noch mit Jugendlichen arbeitet, ließ meine Wut hochkochen. Ich wusste zwar, dass mentale Gesundheit nicht für alle ein so normales Thema ist, wie es in meiner eigenen Freundes- oder Altersgruppe der Fall ist, aber an dem Abend wurde mir das besonders bewusst.

„Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben!“

Trotzdem finde ich diese Aussage gerade im Umgang mit jungen Menschen sehr bedenklich. Die Fahrschule und der Autoführerschein sind für viele der erste Schritt in die Selbstständigkeit. Der Führerschein ist mit viel Verantwortung, Zeit und besonders Geld verbunden. Oftmals ist der Druck vom Elternhaus, den Führerschein schnell und möglichst günstig zu bestehen, groß. Ganz zu schweigen von den eigenen Erwartungen an sich selbst, nicht zu scheitern. Wenn man in einer solchen Stresssituation jemanden neben sich sitzen hat, der es nicht akzeptiert, wenn dabei manchmal Tränen fließen, ist das kein gutes Zeichen.

Weil „Deutschlands Zukunft“, wie er es so schön nennt, Gefühle zeigt, soll sie nicht in der Lage sein, ein erfolgreiches Leben zu führen? Ich habe ihm daraufhin widersprochen und gefragt, wo er die Verbindung zwischen „leistungsunfähig“ und „überemotional“ zieht. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Seine Antwort hat mich nicht überrascht: „Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben, man kann doch nicht bei allem direkt anfangen zu heulen, man muss auch einfach mal etwas durchziehen.“ Ok, Boomer.

Anspruch auf eine allzeit leistungsfähige Gesellschaft?

Dass der Fahrlehrer aus einer anderen Generation kommt und vielleicht mit anderen Werten und in einer anderen Leistungsgesellschaft aufgewachsen ist, verstehe ich. Sich Hilfe bei mentalen Problemen, wie Burnout oder Depressionen zu suchen, sehe ich jedoch keineswegs als Schwäche. Im Gegenteil: Wer sich bei kleineren Beschwerden bereits Hilfe sucht, verhindert schlimmere Folgen.

Dass besonders junge Männer heute eher bereit sind, sich Hilfe zu suchen, ist eine Entwicklung, die man nur befürworten kann. Außerdem sagt das rein gar nichts über die Leistungsfähigkeit einer Person aus. Menschen mit mentalen Erkrankungen als unbrauchbar für die Gesellschaft darzustellen, oder Emotionalität als Schwäche zu betiteln, ist meiner Meinung nach Quatsch. Genau wie der Anspruch an die Allgemeinheit, immer leistungsfähig und auf Stand-by-Modus bereitzustehen.

Die anschließende Diskussion wurde leider seinerseits mit dem Satz beendet: „Naja, das sehe ich eben anders als du. Ihr könnt jetzt nach Hause gehen.“ Ihn wird man also höchstwahrscheinlich nicht mehr umstimmen können. Man kann nur hoffen, dass besonders seine männlichen Fahrschüler weiter Gefühle offen zeigen, wenn ihnen etwas über den Kopf wächst. Naja, z umindest habe ich endlich meinen Führerschein wieder.

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