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GESELLSCHAFT

Es steht für Grün und hängt an Kleidung

Das Grüne in der Kleidung. [Symbolbild: pixabay]

05.10.2019 16:45 - Magdalena Kensy

Fashion-Labels wie G-Star behaupten, sie würden nachhaltige Mode produzieren. Converse wirbt dafür, Schuhe aus recyceltem Plastik herzustellen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat Anfang September 2019 den Grünen Knopf als Textilprüfsiegel eingeführt. Wir schauen genauer hin. 

Mode ist nicht länger gleich Mode – das hat auch die Bundesregierung mitbekommen. Der weltweit größte Marktplatz für Second Hand Kleidung ist mit über 21 Mio. Mitgliedern (Stand 2017) Kleiderkreisel. Es ist ein Treffpunkt für Menschen, die Wert auf Nachhaltigkeit bei Kleidung legen. Die Bundesregierung hat beschlossen, die Produktionskriterien für Kleidung transparenter zu machen. Käufer*innen sollen mit dem „Grünen Knopf“ auf einem Blick erkennen können, welche Kleidungsstücke eine ökologische und soziale Herkunft haben, so zumindest die Theorie. Damit will das BMZ kenntlich machen, dass die Arbeiter*innen mutmaßlich unter menschenwürdigen Arbeits- und Produktionsbedingungen arbeiten. 

„So’n Mädels Ding“

Mädelsflohmärkte unter dem Motto „So’n Mädels Ding“
 

Kriterien und Bedingungen des Grünen Knopfes

Das Prüfsiegel „Der Grüne Knopf“ soll zeigen, dass „sozial und ökologisch nachhaltig hergestellte Textilien von verantwortungsvoll handelnden Unternehmen in Verkehr gebracht wurden“, so das BMZ. Zur Kontrolle wurden Kriterien zur Überprüfung entwickelt. Die Kontrolle der Unternehmen soll von staatlich unabhängigen Prüfer*innen durchgeführt werden. Die unabhängige, staatliche Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) überwacht als „Prüfer der Prüfer“ zusätzlich die Kontrollen. „Das schafft Vertrauen für die Verbraucherinnen und Verbraucher“, so das BMZ. Das DAkkS ist eine privatwirtschaftliche Organisation, die jedoch mit staatlichen Mitteln gefördert wird. Somit kontrolliert sich der Staat mit den privatwirtschaftlichen Organisationen zusammen selbst.  

Insgesamt fordert der BMZ 46 Sozial- und Umweltkriterien, die Hersteller*innen erfüllen müssen. Diese setzen sich aus 26 sozialen und ökologischen Mindeststandards und 20 Kriterien für die Sorgfaltspflicht für Unternehmen zusammen. Unter Anderem werden Abwassergrenzwerte kontrolliert, wobei bei einem direkten Einleiten von Abwasser in ein Gewässer eine Abgabe gezahlt werden muss. Mindestlöhne und das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit werden von staatlich unabhängigen Prüfer*innen überwacht. Wer diese staatlichen unabhängigen Prüfer*innen sind, ist nicht bekannt. „Die Erfüllung der Produktkriterien wird über vorhandene, anerkannte und glaubwürdige Siegel nachgewiesen“, erklärt das BMZ. Private Siegel wie Fairtrade seien als Nachweis für die Erfüllung der Produktkriterien schon ausreichend.

Die soziale Verantwortung eines Unternehmens kann laut Uwe Wötzel, Verantwortlicher der ver.di. für die Bundesverwaltung Politik und Planung, nicht mithilfe eines privaten Siegels sichergestellt werden. Arbeitsrechtsverletzungen, wie die Diskriminierung von Frauen oder die Behinderung von Gewerkschaftsarbeit werden nicht von privaten Unternehmen, die diese Siegel ausstellen, erkannt. Darum fordert Wötzel einen staatlich unabhängigen und mit genügend Arbeitsplätzen ausgestatteten Kontrollmechanismus, um den gesamten Ablauf zu kontrollieren und nicht nur Teilbereiche. 

Green Washing

Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert Greenwashing als, „den Versuch von Unternehmen, durch Marketing- und PR-Maßnahmen ein „grünes Image“ zu erlangen.“

Zusätzlich möchte Wötzel wirksame Maßnahmen, um  Unternehmen bei Verstoß zu strafen. Unternehmen müssen ihre Sorgfaltspflichten anhand von 20 Kriterien dem BMZ nachweisen, die auf den Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen (VN) sowie sektorspezifische Empfehlungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aufgebaut sind. Die 20 Sorgfaltspflichten basieren auf der Ausrichtung der Unternehmenspolitik hinsichtlich Menschenrechte, der Verantwortung gegenüber der Umweltschutz und Einkaufspraktiken. Dabei werden die Risiken und Auswirkungen in der Lieferkette analysiert. Die Unternehmen berichten öffentlich mindestens einmal pro Jahr systematisch über den Umgang mit Risiken und Auswirkungen der eigenen Geschäftstätigkeit. Ein weiteres Element ist das Berücksichtigen der OECD-Empfehlungen, die eine Politik fördern, die das Leben der Menschen weltweit in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht verbessern soll. Diese Kriterien gelten jedoch nur für Unternehmen, die sich aus eigenem Antrieb auf das Prüfsiegel bewerben. 

Fehlende Aspekte im Prüfprozess 

Durch das Prüfsiegel auf dem Kleidungsstück könnten Endverbraucher*innen denken, die gesamte Liefer- und Produktionskette wurde in einzelnen Schritten geprüft und überwacht. Die Produktionskette wird jedoch nicht vollständig untersucht, sondern nur das „Nähen und Zuschneiden“ und „Färben und Bleichen“ in Entwicklungsländern. „In den kommenden Jahren wird der Grüne Knopf auf die Arbeitsschritte ‚Weben und Spinnen‘ ausgeweitet“, äußert sich die Bundesregierung zu den Verfahren. Ein weiteres Kriterium ist der existenzsichernde Mindeslohn. Dieser ist noch nicht im Prüfungsprozess enthalten, wird aber vom Staat angestrebt.

In der Bekanntgabe zur Einführung des Siegels, wird im Prüfschema ein Punkt vernachlässigt. Spiegel Online stellte in einem Interview mit Jan Thelen, Gründer des nachhaltigen Modelabels Recolution, dar, dass Kleidung, die in Europa fertiggestellt wird, gar nicht kontrolliert wird. „Das heißt, ein normales Baumwoll-T-Shirt, das hoch und runter mit Pestiziden begossen und unter unschönen Bedingungen in Rumänien produziert wurde, würde den Grünen Knopf bekommen. Das ist absolute Verbraucherverwirrung. Das Siegel ist bis zur Hälfte gedacht, und selbst die Hälfte ist nicht fertig gedacht.” Der Grüne Knopf legt die Kriterien, für die Herstellungskette in Entwicklungsländern in denen Unternehmen produzieren, fest. In Europa werden diese Prüfschemata vernachlässigt. 

Die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) schließt sich dieser Aussage an. Laut CCC würde den Unternehmen in der EU ein Blankoscheck erteilt. „Sie müssen für die Produktzertifizierung keinen Nachweis erbringen, da die sozialen Standards aufgrund effektiv durchgesetzter gesetzlicher Vorgaben in der EU bereits gewährleistet seien.“ Beispielsweise wären das eine Beschränkung zur Verwendung von gefährlichen Chemikalien. Thelen bewertet das wie folgt: „Hier spielt Greenwashing eine Rolle, dafür hat das Siegel hohes Potenzial“, da sich Unternehmen in Europa leichter von den Kriterien befreien können. 

Preiserhöhung für Kund*innen

Im Schreiben „Orientierung für nachhaltiges Einkaufen“ der Bundesregierung wird der Verkaufspreis für eine Jeans in Deutschland auf zwischen 25,50 und 100 Euro gesetzt. Wie kann ein so niedriger Preis für eine Jeans zustande kommen? „Die Herstellung eines Produkts macht nur einen geringen Anteil am Verkaufspreis aus. Eine Jeans wird beispielsweise in Bangladesch für zirka fünf Euro eingekauft“, sagt die Bundesregierung und führt weiter aus: „Im ersten Schritt wäre eine Verdopplung der Stundenlöhne nötig.“ Laut dem Schreiben der Bundesregierung liegt der Lohn in Äthiopien derzeit bei 18 Cent pro Stunde. Dort gibt es keinen gesetzlichen Mindestlohn. Die Auftraggeber*innen entscheiden, wie viel die Arbeiter*innen pro Stunde verdienen. In Deutschland würde die Produktion einer Jeans bei einer Verdopplung des Lohns auf 36 Cent pro Stunde nur einen Euro mehr kosten, berichtet die Bundesregierung. 

Insgesamt fordert der BMZ 46 Sozial- und Umweltkriterien

Tchibo und die Otto Group sind zwei der ersten 27 Unternehmen, die seit dem Start des Grünen Knopfes dabei sind. Laut der Bundesregierung wird „die Weiterentwicklung der Ausarbeitung und der Kontrollprozesse noch Zeit in Anspruch nehmen. Die in der Einführungsphase gesammelten Erkenntnisse werden genutzt, um Erfahrungswerte zu ermöglichen und das Verfahren des Grünen Knopf weiter zu optimieren.” Alle Erfahrungsberichte der Unternehmen werden im Laufe der Zeit für die Öffentlichkeit bereitgestellt. Ob Unternehmen ihren Grünen Knopf behalten können, wenn sie ihn mit einem Teil-Prüfprozess erhalten haben, ist fraglich. Wird der Prüfungsprozess auf weitere Arbeitsschritte, wie ‚Weben und Spinnen‘, ausgeweitet, könnte es den Verlust ihres Siegels bedeuten, wenn die Kriterien in diesen Bereich nicht erfüllt sind. 

Lizenzfreies Bild von pixabay

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