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GESELLSCHAFT

Eintauchen in eine andere Welt

Mit Hilfe von Kopfhörern nimmt man ASMR-Trigger deutlicher wahr. [Foto: pixabay]
10.02.2022 14:32 - Lena Janßen

Regenprasseln, Meeresrauschen, leises Flüstern: ASMR kann durch Geräusche wie diese ausgelöst werden. Mina, alias ASMRMissMi, ist seit zwei Jahren ASMR-Artistin und dreht Videos für Social Media. Im Gespräch mit der akduell verrät sie, wie sie zur Artistin wurde, was ASMR so besonders macht und wie die Social-Media-Welt auf ihre Videos reagiert.  

Zum ersten Mal wird Mina 2018 durch einen Arbeitskollegen auf ASMR aufmerksam: „Er hatte auf seinem Bildschirm ein Video auf Youtube geöffnet und meinte: „Hör dir das mal an.” Sie ist sofort gebannt von den verschiedenen Sounds, die sie in dieser Form noch nicht gehört hatte. Nach dem Feierabend erzählt sie zu Hause ihrem Freund davon, googelt den Begriff auf eigene Faust. „Ab diesem Moment hat es mich nicht mehr losgelassen.” 

Autonomous Sensory Meridian Response – kurz ASMR – beschreibt ein kribbelndes und angenehmes Gefühl auf der Haut, dass sich vom Hinterkopf über den Nacken und die Schultern ausbreitet. Bei einigen Menschen führt dieses Gefühl zu Entspannung und Stressabbau. 

Mina spielt mit dem Gedanken, eigene ASMR-Videos auf Youtube hochzuladen. Eine Freundin ermutigt sie schließlich dazu, den entscheidenden Schritt zu wagen. Mittlerweile dreht sie seit zwei Jahren eigene Videos mit dem Fokus auf Roleplays und Personal Attention. Dabei geht sie explizit auf die Zuschauenden ein und schenkt ihnen individuelle Aufmerksamkeit. „Da ist man nicht nur stiller Zuhörer. ASMR-Roleplays sind wie eine Gute-Nacht-Geschichte, in die man miteinbezogen wird”, findet Mina. 

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Mina ist hauptberuflich ASMR-Artistin. [Foto: privat]
 

Sie selbst schaut Roleplay-Videos zur Entspannung. Dabei holt sie sich auch Inspiration für ihre eigenen Videos und für sogenannte Trigger, wie zum Beispiel Mouth-Sounds oder Brushing (Anm. d. Red.: mit dem Pinsel über ein Mikrofon streichen). Zudem produziert sie Tapping Videos, bei denen sie mit ihren Fingernägeln auf verschiedene Materialien klopft oder sogenannte Background-ASMRs, die die Konzentration beim Arbeiten fördern können.  

Das Besondere an ASMR, findet Mina, ist die Nähe zum:zur Artist:in: „Man hört nicht nur die Sounds, sondern es ist wie eine Interaktion miteinander. Eine kleine Verbindung zu dem ASMR-Artisten, der dich im Ohr begleitet.” Sie beschreibt ASMR als eine Art Flucht aus dem Alltag in eine andere Welt: „Man vergisst alles um sich herum. Man kann sich unterhalten lassen und auf andere Gedanken kommen.” Vor allem in der schnelllebigen Social-Media-Welt sei ASMR eine Art Entschleunigung: „Ich würde sagen, der Konsum von ASMR ist das komplette Gegenteil von diesen vielen Social-Media-Eindrücken, weil es langsam ist. Und obwohl ASMR auch auf Social Media stattfindet, bietet es eine ganz andere Möglichkeit, dem Stress zu entfliehen.”  

„Man kann sich unterhalten lassen und auf andere Gedanken kommen” 

Minas erstes Video entstand spontan: „Ich kam gerade aus der Dusche, habe eine Bürste genommen und meine Haare gekämmt. Danach habe ich sie dann geflochten.” Zu Beginn nimmt sie die Zuschauer:innen in ihrem Alltag mit, wie eine Art Vlog. „Dann ist es dazu gekommen, dass ich immer mehr Sounds entdeckt habe. Zum Beispiel habe ich mir morgens Müsli gemacht und auf die Schale getippt. Da dachte ich, sowas kann ich auch mal benutzen”, erzählt sie. Jede neue Idee notiert sie dann umgehend in ihrem Handy. 

Inzwischen hat Mina eine große Community aufgebaut. Ihr TikTok-Account zählt 1,2 Mio. Follower:innen. Darüber hinaus nutzt sie Youtube, Instagram und streamt auf Twitch. Das Feedback zu ihren Videos ist überwiegend positiv. Sie bekommt viele Nachrichten, in denen sich Menschen bedanken: „Sie schreiben dann, dass meine Videos zum Beispiel bei Panikattacken helfen. Einer schrieb mir, dass er Wutanfälle hat und ich ihn durch meine Videos beruhigen kann.” Auch Mütter würden ihr schreiben, dass sie Minas Videos beim Stillen anschauen und ihre Säuglinge durch ihre Sounds beruhigt würden: „Das ist eine riesige Ehre für mich. Da könnte ich vom Stuhl kippen, so süß finde ich diese Worte.”  

“Mir fällt absolut keine Perspektive ein, aus der Studierende nicht systemrelevant sein könnten.”

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Leider gehören auch Hassnachrichten zu Minas Alltags. Diese würden sich aber in Grenzen halten, sagt sie. „Auf TikTok werden meine Videos Personen vorgeschlagen, die ASMR gar nicht kennen und damit nichts anfangen können”, berichtet sie. Dort käme es häufiger zu bösen Kommentaren: „Die Leute schreiben dann zum Beispiel, dass sie durch meine Videos Aggressionen bekommen.” Mina nehme solche Worte aber nicht persönlich. Sie erklärt sich diese Kommentare mit Unwissenheit: „ASMR ist nicht nur vor dem Mikrofon sitzen und Schmatzen. Das ist nur ein Bruchteil von ASMR. Das Spektrum muss einem bewusst werden: Allein, wenn man gerne Regengeräusche hört, dann ist das ASMR Nature.”  

Vor allem ist es Mina aber wichtig, in ihren Videos authentisch und sie selbst zu sein: „Ich versuche mich nicht zu verstellen und das zu machen, was mir Spaß macht.” Dabei sei auch der Austausch mit ihrer Community wichtig: „Klar gibt es Videos von mir, die stärker und schwächer performen, aber dann weiß ich, woran ich noch arbeiten kann. Das ist ein stetiger Lernprozess.” 

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