Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Eine Beziehung über ein Wörterbuch

19.01.2021 12:04 - Redaktion

Wenn ein Elternteil in einem anderen Land lebt, ist die Entfernung manchmal nicht die einzige Hürde, die eine Beziehung belasten und verändern kann. Wenn dann noch eine Sprachbarriere dazu kommt, erschwert das die Kommunikation und man kann das Gefühl bekommen, der eigene Vater kennt einen kaum.

Ich war früher ein typisches Papa-Kind, dass nie genug von väterlicher Zuneigung bekommen konnte. Gerade als kleines Mädchen sagten viele Menschen über mich, ich würde meinem Vater unglaublich ähnlich sehen. Das fand ich schön, denn mein Vater war mein Held. Wir sprechen miteinander nie Deutsch, denn er kommt aus einem anderen Land und meine Eltern wollten, dass ich zweisprachig aufwachse. Deshalb habe ich zu dieser Sprache eine besondere Verbindung, denn sie ist nicht nur Mittel und Weg, um zu kommunizieren, sondern sie ist das Bindeglied zu meiner anderen Hälfte, zu einer anderen Kultur, einer anderen Lebensweise, einer anderen Mentalität – und zu meinem Vater. Es geht nicht einfach nur darum, nicht Deutsch zu sprechen, sondern darum, was alles an dieser Sprache hängt. Schöne Erinnerungen an eine Kindheit, die ich auch zu Teilen außerhalb von Deutschland verbracht habe; das Lebensgefühl, das in den Worten steckt.

Aber wie jede:r, der:die schon mal eine Fremdsprache gelernt hat, weiß: Eine Sprache, die man selten spricht, vergisst man nur allzu schnell. Das passiert auch, wenn man bilingual aufwächst. Als meine Eltern sich trennten, kehrte mein Vater in seine Heimat zurück und wir sahen uns immer seltener. Er ist nicht gut darin, Kontakte aufrecht zu erhalten. In Deutschland hatte ich sonst niemanden, mit dem ich in Übung bleiben konnte, also vergaß ich mehr und mehr Worte. Heute ist es anstrengend, mit meinem Vater zu kommunizieren. Ich schaue jedes zweite Wort nach, selbst wenn ich es eigentlich kenne. Ich habe Angst, Fehler zu machen. Das liegt daran, dass ich früher Ärger von meinem Vater bekam, wenn ich Fehler beim Sprechen machte.

Unsicherheiten, Druck und Selbstzweifel

Obwohl das lange zurückliegt, ist der Druck immer noch da. Meine Aussprache ist fehlerfrei und Alltagsgespräche funktionieren. Trotzdem mache ich Fehler, vor allem in der Grammatik und im Tempus. Jedes Mal, wenn er mich darauf hinweist, fühle ich mich schlecht und es ist mir peinlich, auch wenn er nicht mehr so streng ist wie früher. Es fällt mir schwer, von meinen Interessen zu erzählen, weil mir die Vokabeln fehlen. Der Druck, dem ich mich ausgesetzt fühle, führt dazu, dass ich noch unsicherer mit den Worten bin. Das ist nicht mit einer Fremdsprache zu vergleichen, die man in der Schule gelernt hat. Der Druck entsteht durch die Angst Fehler zu machen und in seinen Augen ungenügend zu erscheinen und durch die emotionale Verbindung zu der Kultur, die sich in der Sprache manifestiert. Ich habe das Gefühl, ich muss fehlerfrei, oder zumindest besser sein, am besten so wie als Kind.Beziehungsweise1_pixabay.jpg

Früher ganz nah, heute weit entfernt [Foto: pixabay]

Weil es diese Sprachbarriere und Unsicherheiten gibt, ist unsere Beziehung eine völlig andere als früher. Er behauptet immer noch gern, wir seien uns ähnlich. Er geht dabei immer noch von dem siebenjährigen Mädchen aus, das er gut kannte. Die Frau, die ich jetzt bin, kennt er eigentlich nicht. Denn meine eingerosteten Sprachkenntnisse halten mich davon ab zu erzählen, was in meinem Leben wirklich wichtig ist. Dinge wie grob über das Studium oder die Arbeit zu reden funktionieren. Aber meine Ansichten über Gesellschaft und Politik kann ich nicht teilen. So bleibt ihm der größte Teil meiner Persönlichkeit verborgen. Wenn er rassistische oder sexistische Aussagen tätigt – was nicht selten passiert – kann ich ihn darauf hinweisen. Aber ich kann es nicht ausführen oder gar eine Diskussion führen. Im Endeffekt ist es schwierig zu sagen, was für eine Beziehung wir haben, weil wir beide von verschiedenen Prämissen ausgehen. Auf Deutsch umschwenken können wir nicht. Er kann es zwar noch einigermaßen, aber ich will diese Verbindung zu meiner anderen Hälfte nicht verlieren. Und ich glaube, er würde es fast als Verrat empfinden.

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