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GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Eine Beziehung, die über die Grenzen von DDR und BRD hinaus ging

22.07.2019 10:45 - Erik Körner

Im getrennten Deutschland der 80er Jahre war es schwer, wenn nicht fast unmöglich, eine erfolgreiche Beziehung über die Grenze hinweg zu führen. Das bedeutet jedoch nicht, dass einige wenige ihr Glück nicht trotz dessen versucht hätten.

Dana* ist 48 Jahre alt und arbeitet bei einem Optiker in Göttingen. Letzten Dezember betrat ein in schwarz gekleideter, bärtiger Mann das Geschäft. Dana schildert die Begegnung wie folgt: „Ich habe seine Brille repariert und ihn beraten.“ Er schaut ihr am Ende der Beratung in die Augen: „Wenn ich fragen darf, heißen Sie zufällig Dana?“ Leicht schockiert wusste Dana zunächst nicht, wie sie reagieren sollte, antwortete zögerlich mit: „Ja, warum?“. Er erwidert: „Ich bin Mark*.“ Erst nach ein paar Sekunden des Nachdenkens, fällt es ihr schlagartig auf: Der Mann, der da vor ihr steht, ist ihre Jugendliebe.

Die in Ostdeutschland aufgewachsene Optikerin weiß noch genau, wie der erste Kontakt mit Mark zustande kam: „Irgendwann lockerte die DDR die Besuchsbestimmungen für die BRD etwas. Das hieß der kleine Grenzverkehr und man konnte in bestimmten Zonen mit einem Bus von A nach B fahren.“ Ihr Vater hatte eine Cousine, die im Westen lebte. Sie fährt fort: „Er hat dann beantragt, dass er dort mal hinfahren und sie besuchen konnte“. Die Cousine hatte einen Sohn Namens Mark. Als Danas Vater wiederkam, erzählte er ihr von Mark und riet ihr, Kontakt zu ihm aufzunehmen.

Der erste Briefwechsel erfolgte im März 1987. Nur wenige Wochen später haben sie sich zum ersten Mal gesehen, wenn auch nur für wenige Stunden. Sowohl Dana als auch Mark waren damals 17 Jahre alt. „Seine Eltern waren auf der Durchreise zu Verwandten und haben Mark nur kurz bei mir abgesetzt“, berichtet Dana. Trotz der geringen Dauer des Treffens sorgte Mark dafür, dass dieser Tag Dana in Erinnerung blieb. „Er hatte mir damals eine Depeche Mode-Kassette mitgebracht. Seine Eltern fielen fast aus allen Wolken. Wären sie damit an der Grenze erwischt worden, die hätten denen das ganze Auto auseinandergenommen“, sagt sie lachend.

Nichts währt ewig

Glücklicherweise sahen sie sich vier Monate später, während Danas Sommerferien, für ganze sechs Tage. Wie schon zuvor hinterließ Mark erneut einen bleibenden Eindruck – nicht nur bei Dana. „Er war natürlich für DDR-Verhältnisse schon ziemlich auffällig. Alleine seine Klamotten. Hosen mit Schnallen unten an den Beinen oder Knöchelturnschuhe, die bei uns als Luxusgut durchgingen“, beschreibt Dana ihn. „Ich will nicht sagen, man konnte mit ihm angeben, aber da gab es schon einige neidische Blicke von den anderen Mädels. Das war echt ein Hübscher“, scherzt sie.

„Er hatte mir damals eine Depeche Mode-Kassette mitgebracht.“

Während des Aufenthalts suchte Mark in einem Sportgeschäft nach Schnürschuhen. Dana sagt, dass eine solche Anschaffung für sie undenkbar gewesen wäre: „Die müssten so um die 100 Ostmark gekostet haben. Das war für mich später ein ganzes Lehrlingsgehalt.“ Nach dem Kauf hatte Mark eine relativ große Menge Geld übrig, mit der er im Westen nichts anfangen konnte. Die Währung besaß außerhalb der DDR kaum Wert. Ein Rückumtausch war nicht möglich. „Bevor er gefahren ist, hat er mir noch 120 Ostmark dagelassen, wenn nicht sogar noch mehr. Das werde ich auch nie vergessen“, meint Dana gerührt.

Dieses zweite Treffen war für die nächsten 31 Jahre das letzte Mal, an dem sich die beiden sahen. Kurze Zeit nach den Sommerferien begann Dana ihre Lehre. Der Kontakt nahm unter anderem aufgrund der politisch bedingt nur mühselig überbrückbaren Distanz, dem Mangel an bezahlbaren privaten Telefonen in der DDR und dem Start eines neuen Abschnitts in Danas Leben stetig ab.

Als Mark dann plötzlich während seines Optikerbesuchs vor Dana stand, sagte er zu ihr: „Das hätte ich mir nie träumen lassen. Ich komme hier hin und dann steht meine Jugendliebe vor mir.“ Wenige Sekunden nach diesen Worten entschuldigte er sich dafür bei ihr. Dana fand es schmeichelhaft: „Ich habe ihm hinterher eine Nachricht geschickt, dass ich es absolut nicht schlimm fand. Es war nach so langer Zeit irgendwie schön zu hören, dass dich so ein Mensch, obwohl wir uns nur zwei Mal gesehen haben, nicht vergessen hat.“    

*Namen von der Redaktion geändert

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