Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Dystopische Umkehr trifft auf rechte Hetze

An Namibias Küste sucht Familie Schneider nach ihrem Sohn – bis zum Ende des Films Aufbruch ins
Ungewisse ist nicht klar, ob er überlebt hat (Foto: WDR/Anika Molnár).

20.02.2018 07:04 - Mirjam Ratmann



Für knapp 90 Minuten war am 14. Februar im deutschen Fernsehen alles umgekehrt: In ganz Europa sind rechte Regime an der Macht, Andersdenkende werden verfolgt und eingesperrt. Viele Europäer*innen fliehen über das Meer nach Afrika, präferiertes Ziel: Südafrika. Der Film Aufbruch ins Ungewisse erzählt von dieser Dystopie Ende der 2020er Jahre. Während inhaltliche Schwächen in der WDR-Produktion überwiegen, nutzten Rechte den Film, um über Twitter ihrerseits Hetze zu betreiben. Bis zum 9. März ist der Film noch in der ARD-Mediathek verfügbar.

„Wir müssen hier weg“ – als Jan Schneider (gespielt von Fabian Busch) abends nach Hause kommt, ist er aufgelöst. Eine Platzwunde prangt an seiner Schläfe. Er blutet, sein Blick ist gehetzt. Seine Frau Sarah (Maria Simon), die gerade noch Klassenarbeiten korrigiert hat, schaut ihn entsetzt an. „Was ist passiert?“, fragt sie. „Sarah, ich bin denunziert worden. Ich stehe auf der Liste. Die Verhaftungen gehen heute Nacht noch los“. Das Ehepaar hat nicht viel Zeit zum Überlegen. Kurzerhand wecken sie ihre beiden Kinder, packen das Nötigste zusammen und dann fällt auch schon die Wohnungstür ins Schloss. Von nun an sind sie auf der Flucht. Es ist eine Situation, die laut einer Statistik der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2016 rund 65 Millionen Menschen weltweit betrifft. Circa 22,5 Millionen dieser Menschen sind Geflüchtete, die vor Konflikten, Verfolgung oder schweren Menschenrechtsverletzungen aus ihrer Heimat fliehen.

In dem ARD-Film Aufbruch ins Ungewisse erzählt Regisseur Kai Wessel die Fluchtgeschichte von Familie Schneider, die aus einem rechts-totalitären Deutschland fliehen muss. Das demokratische Südafrika verspricht eine bessere, sicherere Zukunft. Doch die Flucht über das Meer wird, wie viel zu oft in den vergangenen Jahren tatsächlich geschehen, zur Katastrophe: Das vollgepackte Schlauchboot kentert, die Familie strandet ohne den siebenjährigen Sohn Nick an der Küste von Namibia. Die Internationale Organisation für Migration zählte bis zum Dezember 2016 circa 5.362 dokumentierte Fluchtopfer – der Großteil von ihnen ertrank.

Gute Dramaturgie, zu viel Familiendrama

Vom ersten Aufnahmelager fliehen Jan und Sarah gemeinsam mit ihrer Tochter Nora (Athena Strates) weiter, zunächst per Schlepper, danach zu Fuß. Irgendwann erreichen sie schließlich Südafrika. Nick bleibt weiter verschwunden. Im Aufnahmelager Nummer zwei angekommen, beginnt dann das Warten: Asylstatus – ja oder nein? Der Film überbrückt diese Wartezeit mit einer rebellischen Teenagerin, die ihre Eltern „scheiße“ findet, weil die nicht wollen, dass sie mit anderen Jungs Party macht und einer Familienkonstellation, in der jede*r dem*der anderen die Schuld zuschiebt. Dass Flucht Menschen in stressige Grenzsituationen bringt, lässt sich nicht abstreiten. Im Film wirkt das Familiendrama aber zu sehr nach „Fernseh-Drama-Lehrbuch“. Obwohl dadurch Emotionen hervorgerufen werden und der Spannungsaufbau gut konzipiert ist, wirken einige Dialoge und Handlungsabläufe doch sehr gekünstelt.

Die rebellische Teenagerin Nora, die nach Aufmerksamkeit ihrer Eltern lechzt, mag zwar zeigen, dass jede*r anders mit Krisensituationen umgeht und dass man nicht einfach aufhört Teenager*in zu sein, doch nehmen die Szenen einen zu großen Teil des Films ein. Aussagen von Nora wie „Wenn die [Anm. d. Red.: Gemeint sind die jetztigen Geflüchteten] nicht früher alle zu uns gekommen wären, dann hätte es in Deutschland gar keine Probleme gegeben” sind schlicht fehl am Platz, auch wenn diese direkt von ihrer Mutter mit den Worten „Wir haben Europa schon selbst kaputt gemacht”, relativiert wird. Die reale Fluchtsituation vieler Millionen Menschen weltweit wird durch die filmische Auseinandersetzung so teilweise verharmlost.

Koloniale Weltsicht begünstigt rechte Hetze

Gleichzeitig fragt man sich, warum alle Hauptdarsteller*innen auf „Fluchtseite“ weiß sein mussten und alle relevanten Personen auf der afrikanischen Seite schwarz. Wieso unterstützt die ARD mit dieser Besetzung die klassisch koloniale Weltsicht von weißen Europäer*innen und schwarzen „Anderen“? Die Intention des Films war klar: Empathie für Geflüchtete erwecken und gleichzeitig davor warnen, was uns, den Europäer*innen, oder genauer gesagt den Deutschen droht, sollte die AfD irgendwann einmal die Mehrheit im Bundestag haben.

Der Twitter-Shitstorm ließ dementsprechend nicht lange auf sich warten. „Der Film #AufbruchInsUngewisse ist eine Ansammlung all dessen, was den deutschen Film so schlecht macht. Ideologen versuchen, ihre Weltsicht in die Hirne der Zuschauer zu hämmern, Haltung ist wichtiger als Kunst“, hieß es beispielsweise von einem User. Deutlicher wurde der Twitter-User Theodoretiker mit dem Post „Hat euch der „Film“ auch an die Durchhalte-Filme von 1944 erinnert? Wir schaffen das!”. Darunter ist ein Bild des Films zu sehen, mit den Worten „Wir schaffen das! Für Merkel‘s Endsieg“. Von Staatsfunk ist die Rede, von Propaganda, von Beeinflussung der Fernsehzuschauer*innen.Unter dem Hashtag #AufbruchInsUngewisse finden sich aber auch solche Posts wie dieser: „Rassismus funktioniert in der linken Welt ja nur in die eine Richtung. Derweil werden in Südafrika echte Menschenjagden veranstaltet“, der sich auf Morde an weißen Farmern in Südafrika seit Ende der Apartheid 1990 bezieht. Dass die Kriminalität unter schwarzen Südafrikaner*innen sehr hoch ist, liegt mitunter aber auch daran, dass ein Großteil der schwarzen Bevölkerung immer noch viel ärmer ist als eine Minderheit der Weißen im Land. Besonders Landbesitz ist, laut Recherchen der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2015, hauptsächlich in weißer Hand. Südafrikanische Kriminologen äußerten zudem 2012 in der Zeit, dass nur zwei Prozent der sogenannten „Farmer-Morde” rassistisch orientiert wären. Umso mehr hätte der Film diese Schwarz-Weiß-Dichotomie aufbrechen müssen.

Aber allen voran ist nicht ersichtlich, warum die ARD die Gedankenstruktur „Erst, wenn ich selbst dran bin, ist es richtig schlimm“ durch diesen Film unterstützt. Die meisten Menschen wissen wie viele tagtäglich ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen und welchen Schwierigkeiten sie auf diesem Weg und im Ankunftsland ausgesetzt sind. Es ist jetzt schon schlimm, nicht erst, wenn wir, wenn die weißen Europäer*innen, in die gleiche Situation kommen sollten und auch nicht erst seit gestern. Ein ehrlicherer, realerer Film hätte eben diese Message rüberbringen sollen. Somit bleibt von dem Film lediglich ein schüchterner Warnruf zurück: Passt auf diese AfD auf, sonst geht es uns bald genauso schlecht wie „denen“.

Geld weg und Roboter bauen!

 

Ein halbes Jahr Dauerbelastung für Lehramtsstudierende

Ein komplettes Master-Semester verbringen Lehramtsstudierende in der Schule. Im Praxissemester sollen die angehenden Lehrer*innen Berührungspunkte mit dem Schulalltag erhalten und theoretische Konzepte vor Ort reflektieren. Das Praktikum wird von Studierenden insgesamt als sinnvoll betrachtet – doch verlangt es ihnen auch vieles ab.
 

Organspendeausweis: Eine wichtige und persönliche Entscheidung

Ich tippe „Organspendeausweis“ in die Google-Suchleiste ein und drücke Enter. 140.000 Ergebnisse in 0,23 Sekunden. Ein Klick auf das dritte Suchergebnis der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) lässt mich staunen: „Der Organspendeausweis – Sagen Sie Ja oder Nein“. Ich gehöre zu den 81 Prozent der Bevölkerung, die einer BZgA-Befragung aus dem Jahr 2016 nach eine positive Einstellung gegenüber dem Organspendeausweis haben, aber immer noch keinen im Portemonnaie haben. Vielleicht, weil ich mich bisher nicht ausreichend darüber informiert habe. Denn einen Organspendeausweis zu besitzen muss nicht heißen, auch Spender*in zu sein.
 
Konversation wird geladen