Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Du bist meine Frau, ich töte dich, wenn ich das will

Renata Soares Santiago lebt in einem Vorort von Rio De Janeiro und erzählt uns ihre Geschichte. (Foto: privat)
​​​​​​​05.11.2018 10:25 - Britta Rybicki

 

Der rechtsradikale Politiker Jair Bolsonaro gewinnt die Präsidentschaftswahl in Brasilien. Gerade Frauen und die LGBTQ-Community fürchten Repressionen. Sein Versprechen vor Gott, die Demokratie zu wahren, scheint nichts wert, wenn man sich an seine menschenverachtenden Aussagen in der Vergangenheit erinnert. Wie es ist in dieser Gesellschaft zu (über-)leben, erzählt Renata Soares Santiago. Ein Portrait.

*Die Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.

„Ich bin eine schwarze Frau, Feministin und in der studentischen Bewegung aktiv. Ich bin davon überzeugt, dass Widerstand, Bildung und auch Kunst Verhältnisse zum Bröckeln bringen können*”, lautet Renatas Antwort als ich sie frage, was ich unbedingt über sie wissen sollte. Ihr Wesen ist aufgeweckt, ungeniert, sie scherzt und lacht viel. Ihr Alltag wirkt ziemlich durchgetaktet: Unter der Woche fährt sie anderthalb Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln von dem kleinen Vorort von Rio in die Stadt zur Universität, an der sie Soziologie und Politikwissenschaft studiert. Nachts arbeitet die 21-Jährige in einem Hostel. 

Jedesmal bevor sie das Haus verlässt, betrachtet sie sich kritisch im Spiegel. Nicht etwa, um zu kontrollieren, ob die Frisur sitzt oder Shirt und Rock sich farblich nicht beißen. „Ich frage mich, ob ich zu stark geschminkt bin oder freizügig gekleidet. Was mein Aussehen Männern signalisieren könnte.” Nur am hellichten Tag traut sie sich allein vor die Tür. Ab 21 Uhr kann sie nicht auf männliche Begleitung verzichten, weil das Risiko zu hoch sei, ausgeraubt, angegriffen oder vergewaltigt zu werden. „Oft bleibe ich einfach zuhause. Schließlich ist jeder Clubbesuch mit teuren Taxi- oder Uberfahrten verbunden. Auch zu zweit ist eine Heimfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln noch viel zu gefährlich.”

Feminicidio: Ein Hassverbrechen von Männern gegen Frauen

Als Außenstehende muss ich ihren Alltag nicht mal selbst erleben, um ihre Bedenken und Angst nachvollziehen zu können. Schließlich hat Brasilien mit 135 bekannten Fällen am Tag die weltweit höchste Vergewaltigungsstatistik. Durchschnittlich zwölf Frauen werden täglich von Männern ermordet. „Feminicidio” (auf Deutsch Femizid) ist der Name für die Hassverbrechen. „Die Taten richten sich hauptsächlich gegen das weibliche Geschlecht und gegen die LGBTQ-Community. In der Regel sind die Täter Partner und ihre Motive Meinungsverschiedenheiten, Eifersucht oder das Liebesaus”, erklärt Renata.

Seit 2015 ist „feminicidio” als Straftat fest im brasilianischen Gesetz verankert. Ein Jahr zuvor erstellten Spezialist*innen bereits ein sogenanntes „Modell-Protokoll”, das der Polizei, Forensik und den Gerichten dabei helfen sollte, „feminicidio” besser einordnen zu können. Neben Straf- werden dort auch Präventions- und Entschädigungsmaßnahmen aufgeführt. „Gesamtgesellschaftlich soll feminicidio nicht nur als eine Straftat begriffen werden, sondern, dass unsere Sicherheit ein grundlegendes Menschenrecht ist”, so Renata. Denn nur darin würde eine Chance bestehen, das Problem bei der Wurzel zu packen. Nämlich patriarchalen Einstellungen wie Sexismus, Misogynie und der Objektifizierung von Frauen langfristig entgegenzuwirken.

Straftäter in der Familie

Renata ist zum Glück bisher nie selbst Opfer dieser Taten geworden. Näher gekommen als über eine Meldung in den Nachrichten ist ihr der Femizid schon öfter. „Mit zwölf Jahren erfuhr ich von den Gewalttaten meines Urgroßvaters mütterlicherseits gegenüber meiner Urgroßmutter Nair.” Würgeangriffe, Ohrfeigen, Schläge mit harten Gegenständen wie einem Stück Holz führen zum Tod von Nair als sie 26 Jahre alt war. „Wodurch meine Oma im Alter von neun Jahren zur Waise wurde.” In der Hoffnung, dadurch ihren eigenen Frieden finden zu können, versucht Renata lange ihrem Urgroßvater zu verzeihen. Vergeblich. Bis zu seinem Tod vor sechs Jahren empfindet sie ihm gegenüber nur Wut und Abscheu.

Als sie fünfzehn Jahre alt ist, packt dann auch ihr Vater aus. „Meine Oma litt unter Asthma. Mein Opa rauchte – sogar im Bett. Er deutete ihren Husten als eine Schwäche, weshalb er ihr als Strafe immer heftig ins Gesicht schlug.” Die tragischen Geschichten bringen sie zum Nachdenken. Die schlimme Gewalt gegenüber Frauen in beiden Familien konnten kein Zufall sein. „Ich glaube in dieser Zeit ist dann mein kritisches Bewusstsein gewachsen.” Als ihr ein Buch von der US-amerikanischen Bürgerrechtler*in Angela Davis in die Hände fällt, ändert sich plötzlich alles. Die männliche Vorherrschaft gegenüber Frauen ist eine Struktur, hat eine Ursache und einen festen Titel, der überall auf der Welt Gültigkeit findet: Das Patriarchat. Ihre Lebensweise ist schon lange davor feministisch. „Nachdem ich diese Machtverhältnisse aber auf analytischer Ebene begriffen habe, labelte ich mich als Feministin.”

Die folgenden Jahre werden schwer für sie. Immer wieder gerät sie in Diskussionen – macht erschreckende Entdeckungen. „Letztens habe ich einen Song aus meiner Kindheit gehört”, sagt sie. Gesungen wird er von einem bekannten Kinder-Duo aus den Neunzigern und handelt von ihrer Liebe zueinander. Eine Liebe, die von der Machtposition des Mannes aufgefressen werden würde und dadurch reine Heuchelei sei, findet Renata. Schließlich drohe der Junge seiner Freundin, sie zu enthaupten, für den Fall, dass sie ihn mal betrügen würde. „Die Kinder waren damals ungefähr sechs Jahre alt. Der Song wird bis heute als lustig und fröhliches Kinderlied verkauft.” Nicht selten würde in der Hochkultur vermittelt werden, dass Mädchen es verdient hätten, vergewaltigt und getötet zu werden, wenn sie sich aufreizend verhalten würden. 

Widerstand gegen Bolsonaro

Ihr kritisches Bewusstsein hat sie bis heute nicht abgelegt. Gerade in diesen Tagen braucht sie es. Denn noch vor wenigen Tage gewann der Rechtspopulist Jair Bolsonaro mit 56 Prozent aller gültigen Stimmen die Präsidentschaftswahl. „Er fordert niedrigere Gehälter für Frauen in ihrer Schwangerschaft, wünscht sich lieber einen toten als einen schwulen Sohn und weist eine Kollegin im Parlament darauf hin, dass er sie nur nicht vergewaltigen würde, weil sie zu hässlich sei”, sagt Renata. Darüber hinaus möchte Bolsonaro das Gesetz gegen Femizid entschärfen: Künftig sollen solche Fälle wieder als normale Tötungsdelikte behandelt werden. Was neben einem gemilderten Strafmaß, auch die Statistik ungenauer werden lassen würde. „Die Gesellschaft ist noch nicht so weit. Wir brauchen die bekannten Fallzahlen, um uns das hohe Gewaltpotenzial gegenüber Frauen immer und immer wieder bewusst zu machen”, sagt Renata. Insbesondere als Frauenrechtlerin seien die blanken Zahlen nicht selten eine Grundlage für Forderungen oder Diskussionen mit politischen Gegnern. Schweigend nimmt sie Bolsonaros Wahl nicht hin: „Wir haben hier viele Sorgen. Leiden unter einer starken sozialen Ungleichheiten, Korruption und der Drogenmafia. Wir müssen für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen und dürfen nicht zulassen, dass wir wegen Bolsonaro diesen Schritt zurücksetzen.”
 

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