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GESELLSCHAFT

Die Sache mit dem Aberglauben

Die Tomatendose im falschen Regal kann für unsere Redakteurin vermeintlich über ihre Zukunft bestimmten.

[Foto: Mona Belinskiy]

18.06.2021 14:06 - Mona Belinskiy

Schwarze Katzen, zerbrochene Spiegel und übernatürliche Kräfte. Dinge, die vermeintlich über Glück oder Unglück entscheiden können. Unsere Redakteurin erzählt über ihre Beziehung mit den vermeintlichen Unheilsbringern.

Eine Kolumne von Mona Belinskiy

Es ist Freitagabend und ich habe Stress. Meine Festplatte scheint tot zu sein. Auf ihr liegen die wichtigsten Dateien meines Lebens. Einzigartige Videoaufnahmen von meiner Schwester und mir, in denen wir die besten Szene aus deutschen Castingshows nachstellen oder seltenes und nicht für die Öffentlichkeit gedachtes Fotomaterial von Klassenfahrten und Übernachtungspartys. Dinge, die mich in schlechten Zeiten immer wieder aufmuntern.

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Als ich am Vormittag dem Mann im Computerladen, mit Tränen in den Augen mein Problem schilderte, schaute er mich an und sagte: „Festplatten leben auch nicht ewig, junge Dame.” Da sei wohl nichts zu machen. Weil ich sowas grundsätzlich nie glauben kann, sitze ich jetzt mit schweißnassen Händen auf dem Sofa und starte den elften Versuch, um meine Festplatte wieder zu reparieren. Ich halte die Luft an, irgendwas tut sich. Ein Ladebalken erscheint. Zwei Prozent von 100. Erleichtert greife ich zu meinem Wasserglas, um mich kurz abzukühlen. Es scheint zu funktionieren.

Doch zehn Minuten vergehen und der Balken bewegt sich nicht. Ich fange nervös an mit dem Bein zu wippen – Vier Prozent. Der Balken füllt sich weiter. Ein Zufall? Das Update schließe ich erfolgreich ab. Ich weiß nicht, ob die Festplatte dank meines durchgehend wippenden Beines weiterlebt. Es ist auch egal. Dass sie überhaupt noch lebt, reicht für den Moment.

Eine von vielen solchen Momenten aus meinem Leben. Ähnliche Gedanken hatte ich bereits während der Schulzeit. War die Klausur gut, wurde derselbe Stift für die nächste Klausur zur Seite gelegt – war sie schlecht, sofort aussortiert. Jedesmal dachte ich dann, dass ich doch auf mein eigenes Können vertrauen sollte. Aber das Risiko eingehen und die Klausur mit einem anderen Stift schreiben, traute ich mich am Ende doch nicht.

Je wichtiger die Sache, desto stärker mein Aberglaube

Selbst im Supermarkt bleibe ich nicht von meinem Aberglauben verschont. Es ist 18 Uhr und der Laden platzt aus allen Nähten. Alle wollen nach dem Feierabend noch schnell ihren Einkauf erledigen und dann so schnell es geht nach Hause, so wie ich. Ich habe fast alles was ich brauche, suche nur noch eine Dose Bohnen, finde sie nicht und werfe stattdessen eine Dose Tomaten in den Einkaufswagen.

Auf dem Weg zur Kasse fallen mir dann doch die gesuchten Bohnen in die Hände. Daraufhin stelle ich die andere Konserve einfach wieder in das nächstgelegene Nuss-Regal und eile zur überfüllten Kasse. Dort drängt sich der Gedanke auf: „Die Dose steht im falschen Regal und du hast nächste Woche ein wichtiges Bewerbungsgespräch. Willst du deine Zukunft wirklich so leichtfertig aufs Spiel setzten?” Natürlich nicht. Also renne ich zurück, geben meinen begehrten Platz vorne in der Schlange auf, hole die Dose aus dem falschen Regal und räume sie ins richtige. Vor so einem wichtigen Tag erlaube ich mir sicherlich keinen Fehltritt.

Dass ich den Ausgang eines Bewerbungsgespräches von einer Tomatendose im Nüsseregal abhängig mache, klingt selbst für mich lächerlich. Trotzdem würde ich es wieder so machen. Je wichtiger die Sache, desto stärker mein Aberglaube. Und was gibt es Wichtigeres als mein eigenes Glück? Also trug ich die letzten sieben Jahre ein Armband, das mir nicht gefallen hat. Es war ein Geschenk meiner Mutter zu meinem achtzehnten Geburtstag – ein Glücksbringer.

Aberglaube trotz Selbstbestimmtheit

Damals habe ich mich noch gefreut. Da wusste ich auch nicht, dass ich im Jahr 2021 kein Fan mehr von kleinen silbernen Kleeblättern sein werde. Die letzten Jahre liefen bis dahin ganz gut. Für eine Katastrophe hatte ich keine Zeit. Anfang des Jahres musste ich das Armband – zum Glück – für eine Operation ablegen. Passiert ist natürlich nichts. Seitdem sind meine Handgelenke leer geblieben, aus der Geschichte habe ich gelernt.

Dass mein Aberglaube mein Verhalten in manchen Momenten derart beeinflusst, nervt. Ich weiß, dass meine Zukunft nicht von einem Armband abhängt. Ich laufe sorglos unter einer Leiter her, zerbricht ein Spiegel, zucke ich gleichgültig mit den Schultern und fällt der Freitag auf einen Dreizehnten, lebe ich unbesorgt in den Tag hinein.

Trotzdem kann ich mich von solchen, fast schon zwanghaften Gedanken, nicht lösen. Zumindest in schwachen und unsicheren Momenten. Eigentlich passt es gar nicht zu mir. Ich entscheide meist rational und finde, ich führe ein ziemlich selbstbestimmtes Leben. Doch trotzdem gehe ich manchmal eben lieber auf Nummer sicher und stelle die Tomatendose wieder ins richtige Regal.

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