Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Die Menschenrechte verteidigen

Foto: Dennis Pesch
03.09.2018 10:48 - Maren Wenzel

Wem die Straßen? In Chemnitz gingen am Samstag, 1. September, 8.000 Menschen gemeinsam mit Neonazis, AfD, Pegida und rechte Hooligans auf die Straße, 3.500 Menschen stellten sich dagegen. In Duisburg trugen derweil wiederum Tausende Orange, um bei der Aktion Seebrücke für Seenotrettung zu protestieren. akduell hat sich umgehört, was die Menschen auf die Straße treibt, die sonst nicht an Demonstrationen teilnehmen.

Auf dem Ludgeriplatz, wo die Auftaktkundgebung beginnt, stehen Dagmar aus Dortmund und Katharina aus Duisburg in der Menge. Die Demonstrant*innen tragen jeweils eine Warnweste und ein Pappschild auf dem „Flüchtlinge retten“ steht. Für Dagmar ist es die erste Demonstration, für Katharina eine ihrer bislang wenigen Proteste. Aber sie wollen Gesicht zeigen. „Es kann gar nicht sein, dass Flüchtlinge sterben gelassen werden. Das ist Beihilfe zum Mord. Deutschland ist mit das reichste Land in Europa, es hat zum Beispiel afrikanische Länder jahrhundertelang ausgebeutet“, sagt Katharina aufgeregt. Sie ist entsetzt, sagt sie, könne nicht verstehen, warum sie für Menschenrechte auf die Straße gehen müsse. Dagmar sieht das genauso. Sie würde sich keiner rechten Demonstration anschließen: „Ich wüsste nicht, warum ich so denken sollte.“

„Man möchte auch, dass einem selbst geholfen wird“

Wenige Meter weiter steht der Jugendliche Dennis. Es ist seine insgesamt dritte Demonstration, alle in diesem Jahr. Auch er hält ein Schild, hat sich ein orangefarbenes Stück Stoff um den Kopf gebunden. Fragt man ihn, sei es schlichtweg falsch, Menschen, die in Not seien, nicht zu retten. Deutsche, die für eine Schließung der europäischen Grenzen seien, kann auch er nicht verstehen: „Man möchte auch, dass einem selbst geholfen wird. Da habe ich kaum Verständnis für.“ Fast hilflos fühle er sich angesichts des derzeitigen Rechtsrucks, aber heute könne er zumindest hier sein.

Unter den 1.700 Menschen, die sich hier versammelt haben, sind auch Katrin und Katja. Katrin ist selbst in keinem Verein, Katja arbeitet in ihrer Freizeit mit geflohenen Kindern: „Man kann ein Zeichen setzen und sich gegen andere Positionen stellen. Aktuell bekommt man das ja auch in Ostdeutschland mit, dass sehr extreme Positionen gegen Flüchtlinge auf die Straße gehen und andere mitlaufen. Da will ich auch zeigen, dass ich dagegen bin“, betont sie. Katrin findet, dass es Pflicht sei, in einer Demokratie auf die Straße zu gehen.

„Jeder Mensch hat den gleichen Wert“

Beide wollen niemandem verbieten, friedlich zu demonstrieren, denn das sei auch ihre Freiheit. Aber: „Fremdenfeindlichkeit ist eine Mentalität, die bedenklich ist. Das muss man sich immer wieder vorhalten. Jeder Mensch hat den gleichen Wert“, so Katrin. Angst vor Zuwanderung hätten sie nicht, denn sie hätten auch zugewanderte Freund*innen, hätten den ersten Schritt gemacht, Berührungspunkte gefunden. Schade findet Katrin hingegen das derzeitige Lagerdenken, wie sie es nennt, das hemme viele Diskussionen. Und auch Katja fragt sich: „Wie geht man jetzt mit einer gespaltenen Gesellschaft um, damit das nicht weiter eskaliert?“

Über die Köpfe der Demonstrant*innen geht derweil erst eine symbolische Bahn Stoff, dann wird weiter durch die Innenstadt zur bunten Skulptur des sogenannten Livesaver der Künstler*innen Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely gezogen. Auf dem Weg entscheiden sich Gruppen von Menschen, spontan mitzulaufen. Dort angekommen, sprechen mitten in der Innenstadt geflohene Menschen vom Lautsprecherwagen, teilen ihre Erfahrungen öffentlich. Unter ihnen ist Menade aus Syrien: „33 Tage hat meine Fluchtreise gedauert. Ich habe auf der Straße übernachtet, in Angst vor Schleusern, Tieren, vor dem Ertrinken und vielem mehr. Aber ich habe auch viele Menschen kennengelernt.“ Die ganze Menschheit säße in einem Boot, sie bittet darum, es nicht ertrinken zu lassen.

„Ich hatte keine Hoffnung mehr“

Als nächstes spricht Hamni A., ehemals syrischer Offizier. Er wollte nicht auf unbewaffnete Demonstranten schießen, erzählt, wie er deshalb zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, und im militärischen Foltergefängnis Saidnaya landete. Dort wurden zwischen 2011 und 2015 laut Amnesty International bis zu 13.000 Menschen hingerichtet. Als er davon erzählt, wird es still in der Masse. „Ich hatte keine Hoffnung mehr, ich musste nach Europa fliehen“, sagt Hamni. Er könne mit Worten nicht beschreiben, was er und seine Familie auf der Reise durchlitten hätten.

Auf dem Weg zum Rathaus, wo regionale Politiker von SPD, Grünen und Linken sprechen, treffen wir Zehra aus Bochum. Sie entschuldigt sich, ihr Mascara sei verlaufen, sie habe gerade geweint. Reden wolle sie aber trotzdem. „Ich musste nie fliehen, bin hier aufgewachsen. Aber mich betrifft das alles doch persönlich.“ Der Rassismus, die Angst. Das alles sei gerade sehr viel. Trotzdem will sie auch zeigen, dass sie gegen Neonazis ist. „Wie gesagt wurde: Ich will nicht bereuen, nichts getan zu haben.“ Wenn sie auf die Straße gehe, tue sie das auch für sich. „Was ich nicht verstehe ist, dass Menschen denken, sie würden tatsächlich für sich etwas tun, wenn sie gegen Zuwanderung demonstrieren. Das stimmt doch so nicht. Sie demonstrieren gegen die Freiheit aller und ultimativ doch auch gegen die eigene.“

„Wir sind drei Mal so alt wie Sie, aber wir laufen hier mit“

Bevor es Richtung Garten der Erinnerung, einem von Dani Karavan geplanten Park im Innenhafen, geht, zieht jemand von hinten an meinem Hemd. Es ist eine Frau, Elisabeth heiße sie. Ihr Mann, Eduard, stellt sich neben sie. Auch sie wollen etwas sagen. Sie fragen, ob ich Journalistin sei und er fragt: „Wir sind drei Mal so alt wie Sie, aber wir laufen hier mit. Begreifen Sie das?“ Auch sie wollten fliehen, hier in den Westen, vor dem SED-Regime damals in der DDR. Aber das sei nicht möglich gewesen. Als die Mauer fiel, seien sie gekommen und wären beinahe wieder zurück – so viel Hass sei da gewesen. „Es wiederholt sich alles. Der Hass, die Angst um das Stück Brot und Kriminalität. Die Menschen müssen wieder Geschichtsbücher lesen und zuhören“, so Elisabeth. „Es geht doch um uns alle. Bitte schreiben sie, dass die Menschen jetzt handeln müssen“, sagt sie.

Im Hafen löst sich die Menge auf. Dass 1.700 Menschen in Duisburg auf der Straße sind, ist ungewöhnlich. Obwohl das Thema Flucht seit Jahren immer wieder die Titelseiten und Talkshows dominiert, haben viele bislang nicht protestiert. Doch die Blockade ziviler Seenotrettung sowie die Pogrome und Demonstrationen in Chemnitz haben einige Menschen umgestimmt. Am Montag, 3. September, versuchen auch die Rechten von Pegida NRW, in Duisburg wieder populärer zu werden. Ob die Seebrücke jetzt der Anfang einer aktiveren Zivilgesellschaft für universelle Menschenrechte und gegen rechtes Gedankengut ist, lässt sich aber noch nicht sagen.

Geringe Einschreibezahlen und Ersti-Experimente

Bei der letzten Fachschaftenkonferenz haben wir besonders bei den zurückgehenden Einschreibezahlen und unschaffbaren Ersti-Tests hingehört.
 

?Studifrage!

Warum wird das WLAN nicht vernünftig ausgebaut?

Derzeit besitzt die UDE den besten W-LAN-Standard. Warum wir davon nicht ganz so viel merken, könnt ihr hier lesen:
 

Fachschaftenkonferenz: Kritik am Gebäudemanagement

Die FSK übt Kritik am Gebäudemanagement. Zudem will sie Seecontainer, Bierbänke und Musikanlagen anschaffen.
 
Konversation wird geladen