Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Die Maske als Instrument der Unsichtbarkeit

„Undercover” mit der Maske. [Illustration: Caroline Beck]

27.07.2022 08:5427.07.2022 08:54 - Caroline Beck

Sie bietet nicht nur Schutz vor Viren, sondern auch vor der Betrachtung von außen – die Maske. Was sich Ungeahntes hinter dem neuen Alltagsgegenstand verbirgt und warum es manchmal bequemer ist, es im Ungewissen zu lassen. 

Seit über zwei Jahren steht die viel diskutierte Maske als Sinnbild für die anhaltende Corona-Pandemie. Besonders in der Eingewöhnungsphase hat sich bemerkbar gemacht, wie stark die verdeckte Mimik die Einschätzung des Gegenübers und damit auch die Kommunikation an sich erschweren kann. Doch gerade indem die Pandemie das soziale Miteinander vor Hindernisse stellt, bietet sie auch die Möglichkeit, sich diesem immer bequemer zu entziehen. Denn hinter einer nichtssagenden, schwarzen Kachel lässt sich das Online-Seminar bekanntermaßen ganz gemütlich noch im Schlafanzug vom Sofa aus verfolgen, ohne auch nur aufmerksam mitnicken, geschweige denn etwas sagen zu müssen – ein applaudierendes Emoji am Ende der Sitzung reicht.

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Die Vermutung liegt nahe, dass auch die Maske dafür genutzt werden kann, sich zumindest teilweise unsichtbar zu machen, wenn einem danach ist. Sie kann den Anschein erwecken, sich in der Öffentlichkeit von der Öffentlichkeit auszunehmen, und den Alltag gewissermaßen „undercover“ zu bestreiten. Inwiefern das zutrifft und warum gesehen zu werden manchmal lästiger als das Tragen einer Maske sein kann, wissen der Psychologe Claus-Christian Carbon (Uni Bamberg) und der Soziologe und Kommunikationswissenschaftler Hannes Krämer (UDE).

Was zum freiwilligen Tragen der Maske bewegt

Die Maskenpflicht ist in NRW seit geraumer Zeit weitestgehend aufgehoben, die Entscheidung, ob man sie beim Einkaufen – oder inzwischen auch im Seminarraum – aufsetzt, einem selbst überlassen. Was dafür spricht, ist offensichtlich: Schutz vor einer Infektion sowie vor dem Infizieren anderer. Hinzu kommt, dass der neue Alltagsgegenstand für viele schlicht zur Gewohnheit geworden ist, bemerkt Krämer. Seiner Beobachtung nach wird die Maske darüber hinaus auch als Distinktionsmittel eingesetzt, um sich sichtbar von anderen abzuheben und nach außen zu tragen, dass man die pandemische Lage ernst nimmt. 

Carbon stellt fest, dass die Maske neben dieser Symbolkraft für Regelkonformität und als Ausdruck eines hohen Sicherheitsbedürfnisses auch dafür genutzt werden kann, „die eigenen Emotionen und mentalen Zustände besser zu verdecken“. „Aber da gab es vorher genauso andere Mittel: die Sonnenbrille, den Rollkragenpullover, den Kragen“, ergänzt Krämer. Die Zweckentfremdung von Gegenständen ist ja nichts Neues, findet auch Carbon: „Einen Hut kann ich ja auch aus stilistischen, aber auch aus rein medizinischen Gründen (z.B. als Sonnenschutz) tragen.“

Im Gegensatz zu Sonnenbrillen oder Hüten wird das Tragen eines Mundnasenschutzes in Innenräumen in der Regel weniger hinterfragt, geschweige denn als unhöflich empfunden. Das bietet eine Möglichkeit der Bedeckung, ohne sich erklären zu müssen. „Mit den Masken haben wir eine einfache Möglichkeit, unser Inneres etwas besser abzuschirmen“, so Carbon. „Was wir vor allem erforscht haben, ist, dass wir Emotionen deutlich schlechter im Gesicht lesen können, wenn das Gegenüber eine Maske trägt. Gleichzeitig können wir uns diesen Umstand zunutze machen, um eben unser Gegenüber auch im Ungewissen zu lassen.“ Das Tragen einer Maske kann uns so das Gefühl vermitteln, in der stillen Beobachterrolle verharren zu können, auch wenn wir uns mitten im Geschehen befinden – etwa im Supermarkt, in der Bahn oder auch im Seminarraum.

Die Maske als Maskierung

Die Maske kennt man abseits von ihrem medizinischen Kontext in erster Linie buchstäblich als Mittel der Maskierung. Sie dient der Verhüllung der eigenen Identität – sei es auf dem Maskenball, als Superheld:in, Bösewicht:in oder beim Banküberfall. Ziel ist es dabei, unerkannt zu bleiben. Laut Krämer werden Masken häufig mit deviantem Verhalten assoziiert – eigentlich sie sind etwas Außergewöhnliches, nichts Alltägliches. Im Zuge der Pandemie wurde es dann möglich, sich nicht sofort zu erkennen zu geben. Gerade zu Beginn war die Maske noch nicht als Alltagsgegenstand etabliert. Als man sich da provisorisch die mehr oder weniger gekonnt zusammengeschusterte Stoffmaske umgebunden hat, konnte sich der ein oder die andere – neben der Sorge und Ungewissheit um die bevorstehende Zeit – vielleicht sogar ein wenig verbrecherisch fühlen. 

Durch die Veralltäglichung der Maske wurde einem vor Augen geführt, dass es eben ab und zu auch ganz praktisch sein kann, die unteren Gesichtszüge unentdeckt entgleisen zu lassen, sich nicht zu einem höflichen Lächeln zwingen zu müssen oder genießerisch zu gähnen, ganz nach dem Motto: Was unter der Maske geschieht, bleibt unter der Maske. Die antrainierte gesellschaftliche Maske der Höflichkeit, die die inneren Zustände gekonnt zu überspielen weiß, konnte so im Schutz der tatsächlichen, physischen Maske fallen gelassen werden - zumindest in der unteren Gesichtshälfte. Und nicht umsonst hört man inzwischen immer öfter, man fühle sich ohne die Maske plötzlich nackt. „Der typische Voyeursblick schaut sich gerne etwas an, ohne selbst enttarnt zu werden“, erklärt Carbon. 

Adaption sozialer Interaktion

Die verdeckte Mimik kann zwar möglicherweise ein gewisses Anonymisierungsgefühl auslösen, was einem gefallen mag, räumt Krämer ein, aber dafür wird man auch „sensibler für andere Dimensionen der Interaktionssteuerung“. So achtet man mehr auf die Augen oder das Runzeln der Stirn und analysiert die Mikropraktiken des Gegenüber womöglich ausführlicher als man es ohne Maske getan hätte: „Dann muss ich mich auf andere Sinn- und Steuerungsdimensionen stärker verlassen können, um herauszufinden, ist das gerade ironisch oder ernst gemeint, wie lustig oder bedrohlich ist eine Situation vielleicht sogar?“ Außerdem ist für die Einschätzung von Interaktionssituationen nicht nur die Mimik, sondern auch die Gestik von Bedeutung – und in manchen Situationen sogar relevanter. Wie etwa bei der Koordination einer entgegenkommenden Menschenmenge beim Überqueren der Straße, bringt Krämer als Beispiel an.

Entgegen dem Gefühl, hinter der Maske weniger wahrgenommen zu werden, wird man also vielleicht sogar eingehender vom Gegenüber betrachtet. Die Vorstellung eines vollständigen Rückzugs aus dem sozialen Raum hinter die Maske ist trügerisch. „Wir können uns ja nicht einfach wieder in unseren privaten Raum zurückziehen, nur weil wir die Maske aufsetzen“, meint Krämer. Der Vergleich zum Verfolgen des Online-Seminars in der Vertrautheit des eigenen Wohnzimmers greift hier zu kurz. Anders als in digitalen, sind wir in physischen Situationen trotz Maske „mit Haut und Haar involviert, mit dem ganzen Körper vor Ort“, so Krämer, – und damit immer noch wahrnehmbarer Teil der Begegnung mit dem Anderen.

Das Gesicht als Tor zum Anderen

Der Philosoph Emmanuel Lévinas beispielsweise hat dem Gesicht eine besondere Bedeutung zugesprochen. Er war der Ansicht, dass das Gesicht, oder auch das Antlitz (frz. = le visage), des Anderen uns zur (ethischen) Verantwortung für ebendiesen aufruft. Das wirft die Frage auf, ob das „nackte“ Gesicht unverzichtbar ist, um an die Verletzlichkeit und Andersartigkeit des Anderen erinnert zu werden. Gerät etwa die Sorge um den Anderen durch den eingeschränkten und seltener gewordenen Blick auf den Anderen und das Erblickt-Werden vom Anderen in den Hintergrund?

Krämer bezweifelt, dass man bloß aufgrund der verschleierten Sicht auf das Gesicht den Menschen dahinter weniger wahrnimmt. „Es handelt sich dabei vielleicht auch um eine abendländische Verirrung zu glauben, dass gerade das offene Gesicht das ist, was den Anderen zeigt“, argumentiert er. „Diese Entlarvungsgeste, die dahinter steckt – man nimmt den Schleier ab und dann sieht man das wahre Ich –, gilt es kulturanthropologisch zu hinterfragen.“ Vielmehr hat er den Eindruck, dass die Möglichkeiten, den anderen Menschen als Menschen wahrzunehmen, sich in Interaktionssituationen schlechthin reduziert haben – „und das ist kein Maskenproblem, das ist ein allgemeines gesellschaftliches Problem“.

Wege des Nahekommens und Distanzierens

Ob uns durch die Maske eine Nähe abhandenkommt, die anders nicht ausgeglichen werden kann, bezweifelt er: „Wir finden andere Wege des Nahekommens und auch andere Wege des Distanzierens voneinander.“ Das zeigt sich daran, wie sich das soziale Miteinander um die Maske herum zu organisieren wusste und Kommunikationsroutinen sich angepasst haben. „Leute haben lauter gesprochen, mehr gestikuliert, sich neue Steuerungsimpulse gesucht“, zählt Krämer auf. „Wie schnell das ging, finde ich immer wieder verblüffend.“ Das äußert sich auch in den zahlreichen Begrüßungsalternativen, die sich aufgrund des Aufrufs zur Distanz ergeben haben. Krämer berichtet von der Beobachtung eines Wiedersehens, bei dem zwei Menschen begeistert aufeinander zustürmten, um dann abrupt voreinander stehen zu bleiben und statt den anderen sich selbst in die Arme zu schließen. „Ich fand Corona wirklich ein wahnsinnig beeindruckendes Beispiel dafür, wie erfindungsreich Praxis ist, wenn Menschen zusammenkommen“, hält er fest.

Und doch ist vieles auf der Strecke geblieben – und bleibt es noch immer. Das lässt sich nicht allein auf die Maske zuspitzen, und ob sie mitunter aktiv dafür eingesetzt wird, sich ins zuweilen gemütliche Eigenbrötlertum zurückzuziehen, bleibt zu erforschen. Doch dass neben schwarz bleibenden Kacheln und stummgestellten Mikrofonen die Maske eine weitere Option der Einigelung bietet, ist womöglich nicht leichtfertig abzuweisen. „Wenn jeder versteckt, was doch meist besser an der Oberfläche angesiedelt ist, geraten wir schnell in eine Gesellschaft, die keiner will”, überlegt Carbon. „Denn in einer intakten Gesellschaft sollten wir über unsere mentalen und emotionalen Zustände gegenseitig reflektieren und kommunizieren, um sie adäquat aufgreifen und moderieren zu können.”

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