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GESELLSCHAFT

„Dick, dumm und traurig“: Fernsehen und die Vorurteile

Mit dem Fernsehen sind zahlreiche Vorurteile verbunden. [Symbolfoto: pixabay]15.02.2021 17:49 - Erik Körner

„Hartz-IV-TV“ hat sich als Bezeichnung für diverse Doku-Soaps und Reality-TV-Formate durchgesetzt. Ein auf diskriminierenden Stereotypen basierender Begriff, der sich nicht nur gegen die gefilmten Personen richtet – sondern auch das vermeintliche Publikum.

„Hartz und herzlich“ gehört zu den beliebtesten Formaten von RTL2. Neue Folgen der Doku-Soap, die sich selbst als Sozialreportage versteht, ziehen fast zwei Millionen Zuschauer:innen an. Ähnlich beliebt ist die dokumentarische Serie „Armes Deutschland“, die ebenfalls auf RTL2 läuft. Beide vereint dasselbe Thema, und zwar die Lebenswelten von Arbeitssuchenden und finanziell Schwachen. Schon vor Jahren hat sich ein Begriff für solche und ähnliche Formate eingebürgert: Hartz-IV-TV.

Grundsätzlich ist diese Bezeichnung verallgemeinernd. Sie suggeriert: Hartz IV, das beziehen nur Arbeitssuchende. Das trifft aber nicht auf alle Empfänger:innen der Grundsicherung für Arbeitssuchende – auch Arbeitslosengeld II (ALGII) genannt – zu. Zum Beispiel können auch Schüler:innen oder Studierende in finanziell prekären Situationen die Hilfe beantragen. Dasselbe gilt für Personen, deren Einkommen nicht für den Lebensunterhalt reicht.

Eine Frage des Geschmacks

Die Anspielung auf die gefilmten Menschen ist nicht die einzige Lesart von „Hartz-IV-TV“. „Solch eine Bezeichnung bezieht sich oft auch auf die vermeintlichen Kernzuschauer:innen. Bei der Annahme, dass Hartz-IV-Beziehende besonders viel fernsehen und gerade bestimmte Sendungen auf RTL2, schwingen diskriminierende Stereotype mit“, erklärt Dr. Florian Krauß. Er ist Medienwissenschaftler an der Universität Siegen und Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen. Dieses vermeintliche Publikum stellt er infrage: Ungebildete Menschen in Jogginghose, vor denen ein überquellender Aschenbecher sowie Bierflaschen thronen und die den ganzen Tag vor der Glotze verbringen. Denn einen einzigen Sendeslot haben solche Serien nicht. Die Doku-Soaps und Reality-Formate laufen auf verschiedenen Sendern mit Unterbrechungen vom frühen Mittag bis in die späten Nachtstunden.

Dazu verweist Krauß auf das Buch „Die feinen Unterschiede“ des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Darin argumentiert Bourdieu, dass Geschmack keine individuelle Frage ist, sondern eine der Sozialisierung. Kurz gesagt: Wir konsumieren unserer gesellschaftlichen Zugehörigkeit entsprechend. „Klassenunterschiede werden ein Stück weit durch solche Geschmacksfragen mitkonstruiert und verstärkt“, erläutert der Medienwissenschaftler. Wenn jemand diskriminierende Ansichten über ein vermeintliches Publikum reproduziert und diesem einen bestimmten ‚schlechten‘ Geschmack zuschreibt, geht es, so Krauß, um „Distinktion“, also Abgrenzung. Eine Abgrenzung von den finanziell schwächeren Menschen, die in diesen Serien vorkommen oder die diese Serien vermeintlich schauen.

Kein neues Problem

Dass allein einzelne Doku-Soaps die Abneigung gegenüber arbeitssuchenden oder finanziell schwachen Personen verstärken könnte, hält Krauß für eher unwahrscheinlich. Einerseits hinge es massiv von individuellen Zuschauer:innen ab, wie sie Sendungen interpretieren. Andererseits sind die Sendungen laut Krauß nur ein Teil des gesellschaftlichen Diskurses. Deshalb müsse der Blick weitergefasst werden, zum Beispiel auf „die Äußerungen von Politiker:innen, politische Maßnahmen oder die mediale Berichterstattung, etwa in der BILD-Zeitung.“

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Diskriminierung als Unterhaltungsprogramm [Foto: pixabay]
 

Letztere traf in der Vergangenheit mehrmals armenfeindliche Aussagen. So fragte etwa eine Titelseite der Berliner Bild im Januar 2010, ob Hartz IV faul mache. Darunter die Behauptung: „Für immer mehr Menschen lohnt es sich nicht mehr zu arbeiten.“ Und die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte 2006, fast als wäre es selbstverständlich: „Wir wissen alle, dass Fernsehen dick, dumm, traurig und gewalttätig macht.“

Zwar entstanden Bezeichnungen wie „Hartz-IV-TV“ erst als Reaktion auf Sendungen wie „Hartz und herzlich“, der Gedanke dahinter ist aber nicht neu. „Harald Schmidt hatte in den 2000er Jahren den Begriff ‚Unterschichtenfernsehen‘ geprägt und dafür, wie ich finde zurecht, viel Kritik geerntet“, merkt Krauß an. Zum ersten Mal verwendete das Satiremagazin Titanic den Begriff 1996. Damals bezog sich Titanic jedoch auf das gesamte Programm privater Sender, nicht auf einzelne Dokusoaps im Stil von „Hartz oder herzlich“ – schließlich sind sie ein jüngeres Phänomen. Rund zehn Jahre später spottete Schmidt damit ebenfalls über Sat.1.

2017 fiel auch Tomas Ebeling, Vorstandsvorsitzender von ProSieben, negativ durch einen ähnlichen Kommentar auf. Über das Publikum des Senders meinte er während einer Telefonkonferenz: „Sie sind Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen. Das ist eine Kernzielgruppe, die sich nicht verändert.“ Das Feedback der Medien darauf war ein durchweg Negatives. Ein kleiner Versuch, die Reproduktion von Vorurteilen und Stereotypen durch die Unterhaltungslandschaft künftig einzudämmen.

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