Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Der Mensch ist mehr, als sein Gewicht

Es gibt wichtigeres über einen Menschen zu wissen, als die Zahl auf einer Waage. [Symbolbild: pixabay]

20.01.2020 12:25 - Lena Janßen

„Du siehst jetzt aber toll aus“ oder „Wie hast du es denn geschafft, so toll abzunehmen?“. Solche Aussagen und Fragen hat unsere Redakteurin nach einer Gewichtsabnahme im Jahr 2012 ständig gehört. Doch der Gewichtsverlust war Folge einer depressiven Phase. Was Komplimente zu ihrem Aussehen in ihr ausgelöst haben und warum sie Menschen heute nicht mehr auf ihr Gewicht anspricht.

Eine Kolumne 

Triggerwarnung: Depression und Essstörung

Mit meiner ersten depressiven Phase 2012 ging auch ein Gewichtsverlust von beinah 40 Kilogramm einher. Als Teenagerin aß ich aus emotionalem Stress, den ich nicht anders zu verpacken wusste. Und weil ich mich schämte, aus emotionalem Stress zu essen und es nicht unter Kontrolle zu haben, aß ich meistens heimlich nachts in meinem Zimmer oder wenn niemand zu Hause war und mich dabei erwischen konnte. Doch ich sah das Ergebnis  ständig auf der Waage und schämte mich noch mehr dafür. In der Schule rechneten die Jungs im Bio Unterricht meinen BMI aus und lachten darüber laut in meine Richtung. Was zu noch mehr emotionalem Stress führte. Zu Beginn meines Studiums wog ich beinah 100 Kilo.

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Als sich dann die Depression langsam anschlich, verließ mich mein Appetit und ich aß höchstens ein Mal am Tag. In sehr kurzer Zeit nahm ich sehr viel ab. Was damit einher ging? Ein Meer von Komplimenten. „Toll siehst du jetzt aus“ und „Wie hast du das denn gemacht? Hast du ein paar Tipps für mich?“ hörte ich am häufigsten. Ich fühlte mich bestätigt in dem was ich tat, denn Komplimente zu meinem Äußeren kannte ich bis zu dem Zeitpunkt nicht. Auch das Interesse von Männern wuchs und ich genoss die Aufmerksamkeit. Ich aß weiterhin nur einmal am Tag und ignorierte die Nebeneffekte: Ich war ständig müde und kraftlos, meine Periode blieb zum Teil aus oder kam nur sehr unregelmäßig undich hatte Probleme, mich zu konzentrieren. Ich entwickelte eine waschechte Essstörung, die 2018 in einem weiteren Klinikaufenthalt endete.

Hört auf, Menschen auf ihr Gewicht zu reduzieren

Heute habe ich einen anderen Blick auf meinen Gewichtsverlust und auch auf das emotionale Essen entwickelt. Ich kann mich zwar noch nicht komplett von der Problematik freisprechen, allerdings nervte es mich, von Zeit zu Zeit immer wieder auf mein Gewicht und mein Aussehen angesprochen zu werden. Denn darüber definiere ich weder mich, noch andere Menschen. Wenn mich jemand fragt, wie ich es geschafft habe, abzunehmen und mir Komplimente macht, versuche ich ehrlich zu erklären, dass es an meiner Krankheit liegt und Ausdruck dessen ist. Jahrelang haben diese Äußerungen mich nur weiter angespornt dem gesellschaftlichen Schönheitsideal zu entsprechen und meinem Körper zu schaden. Wohlgefühlt habe ich mich auch mit weniger Gewicht nicht.. Stattdessen habe ich stetig versucht, mich besser zu machen.

Der Satz „Jetzt siehst du toll aus“ verletzt mich heute. Mein optisches Erscheinungsbild mag sich verändert haben, doch ich bin derselbe Mensch geblieben. Für diesen Menschen, der ich bin, und für nichts anderes möchte ich gesehen werden. Deswegen spreche ich heute auch andere Menschen nicht mehr auf ihr Gewicht an, sondern mache Komplimente, die nichts damit zu tun haben. „Du siehst zufrieden aus“ oder „Ich mag dein Outfit“ sind Komplimente, die nichts mit dem Gewicht zu tun haben und dem Gegenüber gut tun. Ich kann nie wissen, was hinter dem Gewichtsverlust oder einer Gewichtszunahme einer anderen Person steckt und was ich gegebenenfalls damit bei diesem Menschen auslöse. Mein Appell ist hiermit: Hört auf, Menschen auf ihr Gewicht anzusprechen!

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