Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Der blinde Fleck (der deutschen Geschichte)

Die Beziehung zwischen Deutschland und Namibia beruht auf Kolonialverbrechen. [Symbolbild: pixabay]

14.10.2020 19:58 - Canberk Köktürk

Mitte August 2020 wurde in den Medien von der Ablehnung der deutschen Entschädigungszahlungen der namibischen Regierung für die Genozide an den Herero und Nama berichtet. Die angeblichen 10 Millionen Euro wurden von der namibischen Regierung um Präsident Hage Geingob zurückgewiesen. Seit Jahrzehnten gibt es seitens der Bundesregierung keine offizielle Entschuldigung für die Kolonialverbrechen. Durch die Black Lives Matter-Bewegung rückt die Verarbeitung der Kolonialisierungsgeschichte in Europa weiter in den Vordergrund.

Auf der Homepage des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) kann man alle von der Bundesregierung geförderten Projekte in Namibia einsehen. Insgesamt wurden in Namibia seit 1995, mehrere Projekte mit 687,84 Millionen unterstützt. Damit liegt die Deutsch-Namibische Finanzierung auf dem 10. Platz aller Förderungen der Bundesregierung von Sub-Sahara-Nationen (Anm.d.Red.: Staaten südlich der Sahara). Die ehemalige deutsche Kolonie sticht also in der Zusammenarbeit nicht besonders hervor. Das BMZ weist jedoch auf seiner Internetseite explizit darauf hin, dass Deutschland eine besondere Verantwortung für Namibia trägt.

Eine grausame gemeinsame Geschichte

Nach der Berliner Konferenz 1884 wurde der afrikanische Kontinent zwischen den Kolonialmächten aufgeteilt. Das heutige Namibia, damals Südwestafrika, wurde eine deutsche Kolonie. Zwischen 1884 und 1915 wurden von deutschen Kolonialherrschern mehrere Völkermorde an verschiedenen Bevölkerungsgruppen begangen. Laut der UN-Völkermordkonvention wurden dabei 35.000 bis 60.000 Herero und 10.000 Nama ermordet. Über die Morde an den Völkern Damara und San gibt es keine genauen Zahlen. Die Genozide sind international anerkannt und gelten als die ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts.

Dennoch werden sie in Deutschland nicht als solche bezeichnet. Die „besondere Verantwortung“ wird auf der Internetseite des BMZ wie folgt begründet: „In dieser Zeit kam es zu einem Aufstand der Herero, Nama und Damara gegen die Kolonialherrschaft. Er wurde von deutschen Truppen gewaltsam niedergeschlagen. Wie viele Tote es gab, ist historisch umstritten: Je nach Quelle variieren die Angaben zwischen 30 und 80 Prozent des Herero-Volkes.“

Nach der namibischen Unabhängigkeit von Südafrika 1990 wurde viel über die Entwicklungszusammenarbeit und die deutsche Namibia-Politik im Bundestag debattiert. Die Beschlussempfehlung zur Entwicklungszusammenarbeit mit Namibia vom 15. März 1989 gilt als Richtlinie der deutschen Namibia-Politik. Diese besagt ebenfalls, dass Deutschland eine „besondere Verantwortung“ gegenüber Namibia habe, die sich jedoch auf die in Namibia lebende, deutsche Minderheit bezieht. Ein Bezug auf die deutschen Kolonialverbrechen wird nicht hergestellt.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung gab 2012 folgende Antwort auf eine Anfrage der linken Fraktion auf Anerkennung der Völkermorde: „Die Bundesregierung hat sich wiederholt zu der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia bekannt. Entschädigungsverpflichtungen Deutschlands bestehen nicht. (...) Die Bundesregierung teilt diese Auffassung nicht. Die deutsche Kolonialherrschaft endete im Jahr 1916. (...)“
Der aktuellste Antrag vom 12. Oktober 2018, ebenfalls von der linken Fraktion, wurde von allen anderen Fraktionen abgelehnt.

Entwicklungszusammenarbeit als Wiedergutmachung?

Vertreter:innen der Herero und Nama haben 2017 die Bundesrepublik Deutschland vor dem Court for the Southern District of New York angeklagt, um Entschädigungszahlungen und direkte Beteiligung an Regierungsgesprächen zwischen Deutschland und Namibia zu erhalten. Die Klage wurde 2019 abgewiesen. Das Auswärtige Amt konnte bei einer Pressekonferenz am 12. August 2020 keine genauen Aussagen zu den diesjährigen Regierungsgesprächen und den angebotenen 10 Millionen Euro machen. Es würden weiterhin Verhandlungen stattfinden.

Entschädigungs-zahlungen könnten einen Präzedenzfall schaffen.

„Es geht darum, eine gemeinsame Basis des Umgangs mit dieser schmerzlichen Vergangenheit zu finden, aber auch eine gemeinsame Basis, um in die Zukunft zu kommen. Wir setzen uns für Versöhnung ein; wir setzen uns für eine würdige Gedenkkultur, für eine Kultur des Gedenkens und Erinnerns an die Gräueltaten und an das Leid der Menschen während des deutschen Kolonialkriegs im damaligen Südwestafrika, dem heutigen Namibia, ein.“ so Steffen Seibert, Pressesprecher der Bundesregierung. Warum die Gespräche erst nach 30 Jahren Entwicklungszusammenarbeit und 105 Jahre nach den Kolonialverbrechen geführt werden, wurde vom Auswärtigen Amt nicht beantwortet.

Henning Melber, Afrikanist und Experte für die deutsch-namibische Beziehung, beurteilte die aktuellen Verhandlungen beider Nationen in einem Kommentar im Suedlink-Magazin wie folgt: „Der deutsche Sonderbeauftragte Ruprecht Polenz und das Auswärtige Amt nahmen unter Verweis auf die Verschwiegenheitspflicht keine Stellung, bestätigen jedoch, dass der Begriff Reparationen nicht akzeptiert würde."

Melber, der die Ignoranz der Bundesregierung gegenüber Namibia, seit Jahren kritisiert, sieht einen großen Grund für dieses Verhalten: Die Entschädigungszahlung könnte zum Präzedenzfall werden. „Schließlich würde dies ähnlichen Entschädigungsforderungen anderer Opfer des deutschen Kolonialismus sowie von deutschen Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg rechtlich Tür und Tor öffnen und könnte wirklich teuer werden”, so Melber. Er gehe auch davon aus, dass auch andere ehemalige europäische Kolonialmächte einen Einfluss auf die Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und der namibischen Regierung hätten.

Aufarbeitung an deutschen Schulen

Das NRW-Schulministerium gibt an, dass das Thema Kolonialismus, unter dem Motto „Neue Welten, neue Horizonte“ in der Sekundarstufe I aller Schulformen verpflichtend sei, in der beispielsweise die Entdeckungsreisen und die Eroberungen der Europäer auf anderen Kontinenten untersuche. Auf die explizite Frage der ak[due]ll , ob die Genozide an den namibischen Bevölkerungsgruppen behandelt würden, hieß es aus dem Schulministerium: „In dem obligatorischen Inhaltsfeld ‘Imperialismus und Erster Weltkrieg‘ werden die imperialistische Expansion und der Kolonialismus als Teil der Vorgeschichte des ersten Weltkrieges als inhaltliche Schwerpunkte bezeichnet.“

Während der deutschen Kolonialherrschaft wurden Praktiken und Diskurse aufgebaut, die im Nationalsozialismus übernommen wurden. In der Forschung wird der Zusammenhang zwischen den Arbeitslagern und den Völkermorden in Namibia und der NS-Ideologie ergründet. Auch die Apartheid wurde unter der deutschen Kolonialherrschaft entwickelt und eingeführt. Nach dem Ersten Weltkrieg fielen die deutschen Kolonien in den Zuständigkeitsbereich des Völkerbunds, der das heutige Namibia der Verwaltung der Südafrikanischen Union unterstellt hat. Trotz dieser Zusammenhänge findet auf politischer Ebene und in der Schulbildung keine Zusammenführung der Themen statt.

Lichtburg: Enteignung in Großaufnahme

Karl Wolffsohn muss seine Essener Lichtburg an die Nazis verkaufen. Nach dem Krieg kämpft er um Entschädigung. Wie geht das Kino damit um?
 

Erinnerung an eine halbe Million ermordeter Sinti:zze und Rom:nja

Die Ausstellung im Duisburger ZfE nimmt den Völkermord an den Sinti:zze und Rom:nja während des NS in den Blick.
 

Warum Deutsche nicht schuld sein wollen

Samuel Salzborn erklärt, warum viele Deutsche noch immer nichts mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu tun haben wollen.
 
Konversation wird geladen