Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Der beste Freund des Coronavirus ist die Lohnarbeit

Die Fahrer*innen von Lieferdiensten sind derzeit ebenfalls voll im Einsatz, oftmals ohne Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel. [Archivfoto: Dennis Pesch]
30.03.2020 15:48 - Dennis Pesch

Seit über einer Woche gilt bundesweit ein Kontaktverbot. Es greift vor allem in unser Privatleben ein: Der Lohnarbeit sollen wir weiter nachgehen, ob in Großraumbüros, Fabriken, oder Lagerhallen. Die Konsequenzen tragen wie immer Menschen in prekären Lebenslagen.

Eine Kolumne von Dennis Pesch

Was die Konsumkritik für die Klimakrise ist, ist das private Kontaktverbot für die Corona-Krise. Wie bei einer magischen Formel wird uns seit Wochen gesagt, dass wir unser Privatleben einschränken müssen, um die Auswirkungen der Corona-Krise aufzuhalten. Das Mantra erinnert an die vielen Appelle in der Klimakrise, nach denen wir vor allem unseren privaten Konsum anpassen sollen, um den Klimawandel aufzuhalten.

Was Kontaktverbot und Konsumkritik gemeinsam haben? Beides muss man sich leisten können. Klar, das Kontaktverbot trägt dazu bei, dass die Kurve der Infektionen abflacht und weniger Menschen sterben. Das ist ein wichtiger Unterschied zur Konsumkritik. Doch systemische Fragen werden aus der Debatte ausgeklammert: Mit den Einschränkungen unseres Privatlebens sollen wir die Corona-Krise bewältigen, während Menschen massenhaft weiter zur Arbeit gehen müssen, um ihre prekäre Existenz zu sichern.

Infektionsketten unterbrechen, aber zur Arbeit gehen?

Als wäre es nicht ohnehin so, dass wir im Kapitalismus nichts anderes tun, als uns auf Arbeit vorzubereiten, um uns danach wieder davon zu erholen, setzen wir uns nun dem Risiko aus, uns dort mit einem möglicherweise tödlichen Virus anzustecken. Physisch zur Arbeit gehen zu müssen ist derzeit das wohl größte Risiko in der Corona-Krise. Denn so kann die Infektionskette nicht wirksam unterbrochen werden.

Die „Amazon Workers International“ berichteten Anfang der vergangenen Woche wie gefährlich die Situation für sie ist: „LKW-FahrerInnen und Kuriere, die meist für Subunternehmen tätig sind, transportieren das Corona-Virus zwischen den Lagern. Nicht nur riskiert Amazon, dass wir, die ArbeiterInnen, selbst angesteckt werden, sondern auch dass unsere Familien sich infizieren. Auf diese Weise verbreitet sich das Virus immer weiter in die Gesellschaft.“ 

...dann ist die Arbeit gerade der gefährlichste Ort, um sich zu infizieren.

Wo stecken wir uns also am ehesten mit dem Coronavirus an? Was wir wissen ist, dass wir uns da anstecken, wo Menschen sich körperlich näher kommen. Wenn wir uns privat nicht treffen dürfen, Viele aber weiterhin zur Arbeit müssen, dann ist die Arbeit gerade der gefährlichste Ort, um sich zu infizieren. Die meisten Erwerbstätigen kommen aus der selben Gruppe, die die größten Infektionszahlen aufweist. Die Zahlen des Robert-Koch-Institutes und des statistischen Bundesamtes untermauern die These: Die größte Gruppe der Erwerbstätigen sind rund 40 Millionen Menschen aus der Altersgruppe der 15- bis 59-Jährigen. Die selbe Gruppe weist die größten Infektionszahlen auf: 40.000 Fälle (Situationsbericht vom 28. März).

Und das Virus verbreitet sich rasant: Epidemiolog*innen schätzen derzeit, dass jede*r Infizierte durchschnittlich drei bis fünf Menschen ansteckt. Dazu kommt, dass viele Infektionen symptomfrei verlaufen. Menschen merken gar nicht, dass sie infiziert sind. Wenn eine Person das Coronavirus hat, die in einer Lagerhalle mit 20 anderen arbeitet, ist die Gefahr groß, dass sie mehr als fünf Menschen ansteckt. Wenn sich alle anstecken, nehmen 20 Menschen das Virus mit nach Hause, in die Familie oder in die WG, in der ebenfalls andere zur Lohnarbeit gehen müssen. Und es wiederum weiter verteilen.

Her mit der Existenzsicherung

Und wenn wir uns angesteckt haben? Dann kommt die häusliche Quarantäne: Wir müssen uns um das meiste selbst kümmern. Der Nachschub an Lebensmitteln hängt an der Selbstorganisation und Solidarität unserer Mitmenschen. Diese Daseinsvorsorge gewährleistet nicht der Staat, sondern unser soziales Umfeld. Das wir eigentlich von uns abschirmen sollten. Dass wir bei einem Verstoß gegen das Kontaktverbot bestraft werden könnten, ist dann schwer nachvollziehbar.

Die Strafen von bis zu 25.000 Euro bei Verstößen treffen auch wieder nur die, die sich das meistens schon nicht leisten können. Die, die noch mehr auf ihre Freund*innen angewiesen sind, die keine Lohnarbeit haben, die einsam oder depressiv sind, die häusliche Gewalt erfahren oder ihre Rente mit Hartz 4 aufstocken, die, die sich anhören müssen, dass der Gender-Pay-Gap ein Ergebnis schlechter Gehaltsverhandlungen sei.

Viele Aspekte werden nicht mitgedacht. Und da sind wir wieder am Anfang: Wo wir bei der Klimakrise aufgehört haben, machen wir in der Corona-Krise weiter. Der Schutz der Wirtschaft steht vor der Gesundheit der Menschheit. Wie wollen wir aber wirksam Infektionsketten unterbrechen, wenn systematische Fragen unbeantwortet bleiben und Lohnarbeit teilweise unreguliert bleibt? Wer das Coronavirus aufhalten will, kann das nicht nur auf dem Rücken unseres Privatlebens austragen.
 

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