Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Das Projekt „Junge Muslime in Auschwitz“

Burak Yilmaz [Foto: Pascal Bruns]

09.03.2021 17:42 - Canberk Köktürk

Burak Yilmaz arbeitet als selbstständiger Pädagoge in Duisburg. Im Projekt „Junge Muslime in Auschwitz“ klärt er Jugendliche über Antisemitismus, Erinnerungskultur und Rassismus auf. Im Interview mit Canberk Köktürk erzählt er von seinem Projekt und ordnet aktuelle Diskurse und Ereignisse über Antisemitismus und Rassismus ein.

ak[due]ll: In ihrem Projekt „Junge Muslime in Auschwitz“ klären sie Jugendliche über Antisemitismus und Rassismus auf. Was war Ihre Motivation, solch ein Projekt aufzubauen?

Burak Yilmaz: Das Projekt ist in dem Kontext entstanden, dass ich Jugendliche betreut habe, die von ihrer Schule von Gedenkstättenfahrten ausgeschlossen wurden. Die Lehrkräfte haben ihnen unterschwellig vermittelt, dass sie sich, als muslimische Jugendliche, in einer Gedenkstätte bestimmt antisemitisch verhalten würden. Um dem vorzubeugen, hat man sie erst gar nicht mitgenommen. Das war für mich so ein Moment, in dem ich realisiert habe: „Das ist eine extrem problematische Ansprache.“ Hinzu kommt, dass das offensichtlich eine Form der Ausgrenzung ist, die die jungen Menschen verletzt. Gleichzeitig wird von Ihnen immer wieder Integration gefordert. Auf der anderen Seite habe ich aber in der muslimischen Community Antisemitismus erlebt, in Form von Verschwörungsmythen oder auch religiös motiviert. Das war letzten Endes die Motivation, dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Ein Spagat zwischen lebendiger Erinnerungskultur und gegenwärtiger Phänomene von Rassismus und Antisemitismus.

ak[due]ll: Wie gehen Sie in ihrem Projekt vor?

Yilmaz: Einmal im Jahr werbe ich an Schulen, woraufhin sich Jugendliche anmelden können. Vor der Gedenkstättenfahrt gibt es eine lange Vorbereitung, in der es vertieft um die eigene Biographie der Jugendlichen und Antisemitismus geht. Wann bin ich persönlich mit dem Thema Nationalsozialismus in Kontakt gekommen? Was weiß ich darüber? Welche Bilder habe ich im Kopf, wenn ich das Wort Jude höre? Mit solchen Fragen wollen wir eine selbstkritische Reflexion der eigenen Sozialisation sichtbar machen. Damit soll den Jugendlichen klar werden, dass Geschichte kein abstraktes Ding ist, sondern in der eigenen Biografie entdeckt werden kann. Nach dieser langen Vorbereitung fahren wir für eine Woche zu der Gedenkstätte. Im Anschluss wird ein halbes Jahr theaterpädagogisch mit den Jugendlichen gearbeitet, sodass am Ende ein Theaterstück entsteht. Mit dem Theaterstück „Benjamin und Muhammed“ touren wir seit knapp zwei Jahren in Schulen.

ak[due]ll: Aktuell wird Antisemitismus teilweise als „Einzelfall“ abgestempelt. Dabei gab es 2020 fast 2300 antisemitische Straftaten in Deutschland, Höchststand seit 20 Jahren. Reicht die Erinnerungskultur als Aufarbeitung der deutschen antisemitischen Geschichte?

Yilmaz: Erinnerungskultur bedeutet für mich nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Kontinuitäten, bis in die Gegenwart hinein, aufzuarbeiten. Zum Beispiel die Fragen: „Wie waren die Jahre nach dem Krieg?  Wann haben sich die Deutschen mit ihren Verbrechen auseinandergesetzt?“ Das ist alles erst 20 Jahre später passiert und das gegen enorme Widerstände. Bis heute wird die Geschichte verdrängt beziehungsweise abgewehrt. Ich merke, dass immer wieder Gründe gesucht werden, um eine Legitimation für den Judenhass zu haben. Wenn ich dann mit Jugendlichen oder auch mit Erwachsenen aus der Mehrheitsgesellschaft tiefer diskutiere, dann kommt irgendwann der Spruch „Aufgrund unserer Geschichte dürfen wir unsere Meinung nicht mehr sagen.“  Diese Aussage stellt die Situation so dar, als seien die Deutschen die eigentlichen Opfer des Holocausts und dürften aufgrund der Verbrechen im Nationalsozialismus ihre Meinung nicht mehr äußern. Dabei fallen in der Öffentlichkeit permanent antisemitische und rassistische Aussagen. Wie zum Beispiel die Bezeichnung „Döner Morde“. Völlig verharmlosend. Beim politischen Aschermittwoch 2018 der AfD wurden Türken als Kümmelhändler und Kameltreiber beleidigt. Oder auch Rassismus gegen Sinti und Roma, wie zuletzt im WDR. Das sind Beispiele, die einen öffentlichen Raum für antisemitische und rassistische Aussagen schaffen.

ak[due]ll: Philipp Amthor hat vor einem Jahr gesagt, dass Antisemitismus in muslimisch geprägten Kulturkreisen besonders stark vertreten sei. Wie würden Sie diese Aussage im Zusammenhang der Erinnerungskultur einordnen?

Yilmaz: Die Verantwortung wird auf die vermeintlich Anderen abgeladen. Ich erlebe häufig, dass der Antisemitismus aus der Mehrheitsgesellschaft entweder in die Vergangenheit externalisiert wird, nach dem Motto „Das hat nur von 1933 bis 1945 existiert“,  oder auf die muslimische Community geschoben wird. So wird ein Bild kreiert: Antidemokratische Minderheiten gegen eine demokratische Mehrheit. Was ich persönlich in dem Kontext wichtig finde ist, dass wir eigentlich diese verschiedenen Formen von Antisemitismus zusammen denken müssen, weil eben dort auch antidemokratische Bündnisse zusammenkommen. Ich habe Antisemitismus innerhalb meiner Sozialisation ebenfalls sehr stark erlebt. In meinem muslimischen Freundeskreis und in weiten Teilen der muslimischen Community kursierte der Glaube, dass die Juden hinter dem 11. September stecken und nicht die Islamisten. Das war Terror-Verharmlosung. Ich will aber nicht sagen, ich arbeite meinen Antisemitismus nur auf, wenn die Mehrheitsgesellschaft das auch tut. Sie ist nicht mein Maßstab. Mein Maßstab ist meine innere Haltung und meine Überzeugung.

ak[due]ll: Sie haben jetzt antidemokratische Bündnisse in Zusammenhang mit Antisemitismus gesetzt. Hat die Corona-Pandemie den Antisemitismus im Land verstärkt?

Yilmaz: In Deutschland und vor allem in Europa ist es eine jahrhundertealte Tradition, in Krisenzeiten einen Sündenbock zu finden. In der Corona-Krise ist das nicht so ganz klar auf jüdische Menschen formuliert, aber in konkreteren Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Bill Gates. Der wird in den Verschwörungsmythen als Strippenzieher hinter der Pandemie abgebildet. Diese Verschwörungsmythen sollte man auf keinen Fall unterschätzen, da sie es geschafft haben, prominente Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit zu etablieren. Hildmann und Co. laufen in allen großen Medienhäusern, YouTube und Telegram. Durch Corona sind Verschwörungsmythen krass expandiert. Ich hab eine echte Sorge, dass Verschwörungsmythen nach der Pandemie weitere Menschen radikalisieren und der Antisemitismus steigt.

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