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GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Das erste Nein

05.08.2018 15:58 - Sophie Schädel

Wie kann man Sex genießen, wenn man vergewaltigt wurde? Larissa* hat akduell erzählt, wie sie sieben Jahre nach ihrer Vergewaltigung ihre Sexualität neu entdeckt hat und was sie dafür lernen musste.

Bei ihrer Vergewaltigung war Larissa 18 Jahre alt. Um die Tat selbst soll es hier nicht gehen, denn für Larissa sind die Folgen weitaus bedeutender als der Übergriff an sich. „Nach der Vergewaltigung habe ich alles mit mir machen lassen. Ich habe meine eigene Grenze gar nicht erst wahrgenommen, auch wenn ich mich beim Sex mal nicht gut gefühlt habe“, erklärt Larissa. Heute ist sie 28 und studiert in Dortmund.

Sie schlief mit vielen Menschen und galt schnell als Schlampe. „Ich wollte mir meine Sexualität nicht nehmen lassen“, sagt sie rückblickend. „Aber gleichzeitig hat mich Sex angeekelt. Aus Angst, mein ‚Nein‘ könnte wieder übergangen werden, habe ich es gar nicht erst ausgesprochen.“

Vor einem Jahr kommt sie dann mit ihrem jetzigen Partner zusammen. „Ruben* ist meine Comfort Zone. Er ist super sensibel und der Erste, der wenn ich im Bett geweint habe verstanden hat, dass ich gerade nicht kann oder will.“ Dadurch setzt sich bei Larissa ein Denkprozess in Gang. Sie will etwas ändern, denn die Situation belastet sie und ihre Beziehung. Sie will sich wehren, wenn ihr etwas nicht gefällt. Außerdem kommen immer wieder Erinnerungsfetzen an damals hoch, wenn sie Sex wieder einmal nur über sich ergehen lässt. Ruben und sie sprechen viel über die Vergewaltigung und ihre Folgen.

Ich habe ihm so richtig eine geknallt."

Dieser Denkprozess dauert Wochen. Doch irgendwann im Bett mit Ruben wird es ihr wieder einmal zu viel, und es bricht aus ihr heraus: „Ich habe ihm so richtig eine geknallt“, sagt Larissa und lacht halb stolz, halb verlegen. „Ich habe ihm dabei richtig wehgetan. Das tut mir heute noch leid. Ich wollte ihn ja nicht verletzen. Aber ich glaube, anders hätte ich mein Nein nicht aussprechen können. Es war ja mein erstes Nein überhaupt. Ich musste einmal mit Krawall merken, dass es wirklich geht.“

Ruben zeigt Verständnis, und die beiden treffen eine Vereinbarung: Sex gibt es ab jetzt nur noch, wenn Larissa den ersten Schritt macht. Doch es ist noch nicht die Lösung: „Irgendwann habe ich aufgehört, Ruben abends zu treffen. Ich dachte immer, er will bestimmt mit mir schlafen, wenn ich die letzten Tage keine Lust hatte.“ Manchmal schläft sie aus Pflichtgefühl doch mit ihm, obwohl es sich nicht gut anfühlt. Vier Monate dauert diese Phase, in denen Larissa sich und ihre Grenzen besser kennenlernt.

Unterstützung für Betroffene

Ihr oder jemand aus eurem Umfeld ist betroffen von Vergewaltigung oder Übergriffen? Das Hilfetelefon berät rund um die Uhr unter 08000116016 oder unter hilfetelefon.de.

Der Durchbruch

Darum folgt die nächste Vereinbarung: ein zehnwöchiges Sexverbot. Ruben hat diesen Boykott vorgeschlagen, um Larissa zu beweisen, dass er es aushält und sie nicht aus Mitleid mit ihm schlafen muss. „Das haben wir genau zwei Tage durchgehalten, dann habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich musste einfach mit ihm schlafen“, erzählt sie lachend. Doch dieses Verbot ist für beide der Durchbruch: „Ich dachte ja immer, er hätte eine Erwartungshaltung daran, wie oft ich mit ihm schlafen muss. Nur durch Reden habe ich ihm nicht geglaubt.“

Auch heute fühlt sich Larissa wegen ihres Erlebnisses beim Sex manchmal plötzlich nicht mehr wohl. „Aber das kommt nur noch selten vor“, sagt sie. Sie ist immer noch vor allem beim Sex mit Männern oft auf der Hut, besonders wenn sie sie an den Täter von damals erinnern. „Aber ich fühle mich total stark“, sagt Larissa. Sie hat sich selbst bewiesen: „Wenn ich muss, kann ich mich heftig wehren.“ Das gibt ihr die Sicherheit, die sie braucht, um ihre Sexualität zu genießen.

 

* Namen der Redaktion bekannt

 

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