Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Darknet: Werkzeug digitaler Selbstverteidigung

Stefan Mey ist nicht nur Journalist, sondern auch Autor.

[Foto: Fotograf Ralf Rühmeier]

05.06.2019 20:36 - Sophie Schädel

Stefan Mey ist Journalist und kennt sich aus mit anonymer Internetnutzung. In seinem Buch „Darknet: Drogen, Waffen, Whistleblower“ schildert er Probleme und Chancen im Darknet. akduell-Redakteurin Sophie Schädel hat mit ihm darüber gesprochen, wie ein perfektes Darknet aussehen könnte.

ak[due]ll: Das Darknet kursiert ja immer wieder als Begriff in Debatten. Aber was ist das überhaupt?

Stefan Mey: Das Darknet ist ein digitales Netz, das sich mit technologischen Mitteln vom sonstigen großen Internet abschirmt, um Anonymität für die Nutzer und Anbieter von Inhalten herzustellen. Es gibt verschiedene technische Lösungen dafür, laut Wikipedia gibt es insgesamt elf Darknets. Aber eigentlich hat sich ein Anbieter durchgesetzt, der alles dominiert, das ist das Darknet auf Basis der Anonymisierungssoftware TOR. Das verschleiert die IP-Adressen der Nutzer und Anbieter, sozusagen die digitale Postadresse im Internet. So kann man schwerer überwacht werden.

ak[due]ll: Wie funktioniert das konkret?

Mey: Es gibt ein Netzwerk von mehreren tausend Knoten, die von Ehrenamtlichen betrieben werden. Wenn ich TOR starte, wählt die Software drei dieser Knoten aus und schickt den Datenverkehr nicht sofort zur Webseite, sondern über drei dieser Knoten. Das Charmante daran ist: Jeder Knoten kennt nur seinen unmittelbaren Vorgänger und Nachfolger. Der erste Knoten weiß, wer ich bin, weiß aber nicht, wo die Reise hingeht. Der zweite Knoten weiß gar nichts Relevantes. Der dritte Knoten kennt die Webseite, weiß aber nicht, dass ich die aufgerufen habe. So stellt man Anonymität her. Der TOR Browser basiert darauf, das Darknet auch, aber da geht man noch eine Stufe weiter: Wenn ich mit einer Darknetseite kommuniziere, einige ich mich mit der Seite auf einen dieser Knoten als eine Art toter Briefkasten in der Mitte. Ich schicke mein Datenpaket über meine drei Knoten an diesen toten Briefkasten, die Darknet-Seite holt sie über ihre drei Knoten dort ab. Das ist genial, weil man so kommunizieren kann, obwohl niemand herausfinden kann, wer das Gegenüber ist.

ak[due]ll: Wie groß ist das Darknet?

Mey: Im TOR Darknet gibt es maximal 100.000 bis 110.000 Seiten. Täglich nutzen ca. zwei Millionen Menschen TOR. Damit kann man entweder anonym ins normale Internet gehen, oder auch ins Darknet. Laut einem der TOR Chefs tun das zirka ein bis drei Prozent der Nutzer. Das wären dann 60.000 Leute pro Tag im Darknet. In Deutschland gibt es um die 160.000 TOR-Nutzer, drei Prozent davon wären weniger als 5.000 Nutzer täglich. Das ist sehr wenig.

ak[due]ll: Ist es illegal, das Darknet zu nutzen?

Mey: Das ist weder illegal noch per se gefährlich. Gleiches gilt für den TOR Browser. Das gilt allerdings nur für westliche Demokratien. In Staaten wie Saudi-Arabien oder China kann man dafür auch im Gefängnis landen, weil das ein Werkzeug digitaler Selbstverteidigung ist und die Behörden es nicht mögen, wenn man sich versteckt. Hier in Deutschland ist TOR zum Glück völlig legal und ich hoffe, das bleibt auch so.

Stefan Meys Buch zum Darknet

[Foto: Stefan Mey]Cover Darknet-Buch.jpg

ak[due]ll: Kommen wir zum Darknet als Einkaufsmeile. Was wird da gehandelt? Die Rede ist ja immer von Kinderpornografie.

Mey: Auf Darknet-Marktplätzen werden meistens Drogen angeboten, verschreibungspflichtige Medikamente, gefälschte Pässe, gehackte Kreditkartendaten, Falschgeld, teilweise auch Waffen. Aber man weiß, dass der Handel im Darknet überwiegend Drogenhandel ist, vielleicht zu 90 Prozent. Auf diesen Marktplätzen ist Kinderpornografie tabu, es gibt so etwas wie eine Untergrundmoral. Stattdessen spielt sich das auf abgeschirmten Foren ab. Welchen Raum Kinderpornografie bei der gesamten Darknet-Nutzung einnimmt, ist schwer zu erheben, aber vor zwei Jahren wurde das damals größte kinderpornografische Forum Elysium lahmgelegt. Das hatte 100.000 Nutzer und zehntausende Bilder und Videos. Diese Darknet-Communitys schienen ziemlich groß zu sein.

ak[due]ll: Darknet ist aber viel mehr. 43 Prozent der Seiten sind legal. Warum ruft man sie dann über das Darknet auf?

Mey: Das politische Darknet steckt noch in den Kinderschuhen, aber es gibt interessante Nutzungen. Beispielsweise Postfächer für Whistleblower, wie sie die taz oder die New York Times eingerichtet haben. Über sie können Whistleblower ihnen brisante Dokumente anonym schicken. Außerdem haben verschiedene Akteure auch ihre kompletten Inhalte im Darknet gespiegelt. Das macht die taz, die New York Times und auch Facebook, wobei das wohl eher eine PR-Aktion ist. Der Nutzen dieser rein gespiegelten Inhalte ist recht überschaubar, die Nutzer könnten ja auch einfach den TOR Browser nutzen und wären anonym. Es haben sich aber auch verschiedene wichtige linke IT-Kollektive gefunden, die auch Darknetseiten als alternative Zugangsmöglichkeit anbieten. Riseup und Systemli zum Beispiel, die bieten alternative Kommunikationswerkzeuge für Menschenrechtsaktivisten. Sicherheitsbehörden interessieren sich ja nicht nur für Nazis, sondern auch für linke Aktivisten und Antifa-Gruppen, darum haben auch die das Bedürfnis, sich vor Überwachung zu schützen.

ak[due]ll: Dann mal andersrum gefragt: Wenn TOR Anonymität bringt, warum nutzen nicht alle TOR?

Mey: Die Sensibilität für Privatsphäre und Datenschutz ist zu niedrig. In Deutschland ist sie schon viel höher als in anderen Ländern. Hier sitzt auch der größte Anteil der TOR-Knoten. Aber alle Werkzeuge digitaler Selbstverteidigung werden nur wenig genutzt. Es ist doch ein Riesenproblem, wenn Staaten und Konzerne sich potentiell in das Leben von fast jedem reinzoomen können, seine sexuelle Orientierung, politische Meinung, seine Religion auslesen können. Man kann mit dem Darknet auf gesellschaftlicher Ebene Überwachung minimieren. Aber die konkrete Bedrohung ist für die meisten Menschen nicht sehr ersichtlich.

ak[due]ll: Wie ist insgesamt Ihre Sicht auf das Darknet? Ist das ein gesellschaftlich wünschenswertes Projekt?

Mey: Ja, ich finde es ist ein gesellschaftlich wichtiges Projekt, weil es ein digitales Gegenmodell zum sonstigen Internet ist, das fast perfekt überwachbar ist. Wir in Deutschland leben noch in einer relativ rechtsstaatlichen und demokratischen Gesellschaft. Aber man hat in den letzten Jahren ja gesehen, dass Rechtsstaat und Demokratie auch umkehrbar sind. Das macht mir Angst. Was passiert, wenn eine autoritäre Regierung an diese Daten kommen? Wenn unkontrollierbar mächtige Konzerne ihre Macht ausnutzen? Darum finde ich braucht man ein Gegenmodell, und das könnte das Darknet sein. Überwachung und Zensur sind da sehr schwierig. Es ist schade, dass das Darknet noch keine richtige inhaltliche Dynamik angenommen hat. Die größte Dynamik haben immer noch diese Drogenmärkte. Aber es ist wichtig, dass es zumindest einen Ort gibt, bei dem ich mir vorstellen könnte, dass man das Internet nochmal neu denkt, weil es nicht einfach überwachbar ist.

ak[due]ll: Wie könnte das genau aussehen?

Mey: Als das Internet anfing, gab es große Visionen, was dieser Cyber Space als machtfreier Ort sein könnte, ein Ort, an dem Akteure wie Geheimdienste und Konzerne nichts zu sagen haben und Leute friedlich und ungestört von Schranken wie Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht oder Einkommen miteinander freundlich interagieren und vielleicht eine bessere Welt schaffen. Es gab ja auch immer diese Idee, man könnte aus dem Internet heraus die Welt verbessern, wie beim Arabischen Frühling. Es gibt große Hoffnungen an Technologien. Vielleicht könnte das Darknet dieser Ort werden, den Leute neugestalten und vielleicht entstehen irgendwann spannende Inhalte, die es nur dort gibt. Das Darknet ist ein DIY Projekt. Ich finde, man sollte nicht über das Darknet meckern sondern versuchen, es selbst zu gestalten.

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