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GESELLSCHAFT

Corona: Medien feuern Hamster an

Versetzt Journalist:innen-Blut in Wallung [Foto: Sophie Schädel]

26.10.2020 16:59 - Sophie Schädel

Das Beispiel Klopapier zeigt, wie Angst vor einem Mangel einen tatsächlichen Mangel auslösen kann. Nachdem im März neben der Pandemie ein Klopapiernotstand ausbrach, werden die Regale heute schon wieder leerer. Nichts aus dem letzten Mal gelernt und darum nun Vorhut aller Hamster: Medien. Die springen auf einen Panikzug auf, der ohne sie noch gar nicht ins Rollen gekommen ist.

Eine Kolumne von Sophie Schädel

Es gibt keinen vernünftigen Grund für die Annahme, dass die Deutschen im März so viel mehr Klopapier als gewöhnlich verbraucht haben. Die Erklärung für den Mangel ist, dass wir Angst hatten, dass er kommen könnte.

Also kauften Erna und Emil Klopapier, was das Zeug hielt. Andere sahen das, befürchteten, bald selbst keines mehr zu bekommen, und legten ebenfalls einen Vorrat an. Neben einer Pandemie belastete auch eine akute Klopapierknappheit das Land, während sich die Kellerregale der Endkund:innen füllten.  „Die Lager sind voll“, verkündeten Einzelhändler:innen verzweifelt, doch auch Fotos vom bayerischen Ministerpräsidenten Söder vor Lagerregalen, die bis unter die Decke mit Klopapier gefüllt waren, konnten die Deutschen nicht vom Hamstertum abbringen.

Doch die Panik der einzelnen Hamster führte nicht allein zum Mangel. Auch die Medien warfen sich ins Getümmel. Closeups von leeren Regalen in der Nachrichtensendung, Interviews von verzweifelten Hausfrauen und -männern, die seit zwei Tagen (!) keinen Nachschub mehr finden konnten, tägliche Updates zum Lagerbestand. Das Kalkül dahinter: Je mehr Gefühle ein Artikel weckt, desto höher die Reichweite. Und wenn wir vom März eines gelernt haben, dann ist es, dass Klopapier ungeahnte Leidenschaften in den Deutschen hervorruft.

Der erste Mangel an Klopapier lief an, weil die Supermarktkund:innen anfingen zu hamstern. Als die Medien das bemerkten, trugen sie durch ihre Berichterstattung zur Panik und somit den Hamsterkäufen bei. Aktuell, bei wieder stark steigenden Infektionszahlen, ist der Ablauf etwas anders, denn die Medien drängeln sich mit in die Vorhut der Paniker:innen vor einer Klopapierlosigkeit auf deutschen Toiletten. Bevor die eifrigsten Hamster auf die Idee kommen, sie bräuchten nun wieder mehrere Pakete Vorrat, und auch, bevor sich die Einzelhandelsketten Sorgen machen, springen Medien auf einen Zug auf, der noch gar nicht rollte und erst durch sie so richtig in Fahrt kommt.

Alarmierende Titel

Am 14. Oktober titelte t-online: „Nachfrage nach Toilettenpapier steigt“. Clickbait vom Feinsten. Denn nur Aldi Süd und Lidl gaben einen „leichten Anstieg der Nachfrage“ bekannt, bei Lidl machte er sich sogar nur regional bemerkbar. „Handelsketten wie Rewe, dm und Kaufland konnten bislang allerdings noch keine Veränderungen im Kaufverhalten ihrer Kunden feststellen“, erklärt der Artikel weiter unten. Also Alarm im Titel, weitestgehende Entwarnung weiter unten im Text. Doch auch einige weitere große Onlinemedien brachten ähnliche Berichte, die dem Titel nicht gerecht werden.

Wer im heutigen schnellen Online-Geschäft von Schlagzeilen und Meldungen in Tweet-Länge wie so häufig nicht den ganzen Artikel liesßt, zieht aus dem Titel falsche Schlüsse und hat gute Chancen, der erste Hamster in seinem:ihrem Supermarkt um die Ecke zu werden und dort noch aus vollen Regalen den heimischen Vorrat wintersicher machen.

Was lernen wir aus der Krise? Eine seit Beginn der Pandemie häufig gestellte Frage. Wir von der akduell haben zumindest so viel daraus gelernt, dass wir uns bei diesem Artikel vor Veröffentlichung erst darüber beraten haben, ob wir damit die Botschaft eines Klopapiermangels weiterverbreiten. Denn Medien haben eine Verantwortung und sollten keine Panik schüren – auch wenn, obwohl gerade eine Pandemie tobt, ausgerechnet Klopapier deutsche Herzen höherschlagen lässt. Wie ihr seht, ist der Artikel jetzt online, schließlich lesen uns nur vernünftige Leute. Oder?

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