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GESELLSCHAFT

Beziehungsweise: Zwischen den Stühlen

Manchmal muss man einsehen, dass man nicht helfen kann. [Foto: pixabay]

24.09.2021 17:59 - Helena Wagner

Es gibt wohl kaum eine Familie, in der sich immer alle blendend verstehen. Streitereien sind bis zu einem gewissen Grad normal. Doch was macht es mit einem Kind, wenn sich die Familie so zerstreitet, dass nicht mehr miteinander gesprochen wird?  

Eine Kolumne von Helena Wagner

Ich bin als Kind im Haus meiner Oma groß geworden. Meine Eltern haben in meinen ersten zwei Lebensjahren im selben Haus wie meine Großeltern gelebt, weshalb ich sehr viel Zeit bei meiner Großmutter verbracht habe. Als ich zwei war, haben meine Eltern ein eigenes Haus gebaut und wir sind ausgezogen, doch die starke Beziehung zu meiner Oma blieb bis heute bestehen. In meiner Jugend habe ich sie fast täglich nach der Schule besucht, und auch heute teile ich mein komplettes Leben mit ihr. Sie ist, neben meinen Eltern und meinen Geschwistern, der Mensch, der mir am meisten Halt in meinem Leben gibt.

Meine Eltern haben sich auch häufig mit meiner Großmutter getroffen, gerade nachdem mein Großvater verstorben war. Diese enge Beziehung fand ich als Kind immer toll, denn so hatte ich meine ganze Familie oft vollständig um mich. Doch als ich 17 war, haben sich meine Eltern und meine Großmutter so zerstritten, dass sie nicht mehr miteinander redeten. Und zwar gar nicht mehr.

Im ersten Moment wusste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte. Beide Parteien waren mir gleich wichtig, und beide sprachen viel über die jeweils andere, nur nicht miteinander. Ich stand als einzige in der Familie mit beiden Parteien in gutem Kontakt, weshalb ich oft ausgefragt wurde. Doch ich schiebe das Ausquetschen auf die Neugier beider Parteien. Ich werfe keiner Seite vor, versucht zu haben, mich zu manipulieren.

Alle Versuche zu schlichten scheiterten

Obwohl beide Seiten immer wieder klarmachten, dass sie das nicht von mir verlangten, wurde ich das Gefühl nicht los, mich für eine Seite entscheiden zu müssen – und das bedeutete, ich müsste einer Seite in den Rücken fallen. Der Versuch, mit beiden Parteien zu reden, scheiterte mehrmals und nagte auf Dauer immer mehr an mir. In etlichen schlaflosen Nächten überlegte ich, wie ich den Streit schlichten könnte, ohne eine Partei zu verraten.

Schließlich kam ich zu dem Entschluss, dass das alles keinen Sinn machte. Die Geschichten beider Seiten hatten Wahr- und Unwahrheiten, keine Seite wollte einen Rat annehmen und sie weigerten sich, die Situation aus meiner Sicht anzuhören. Die Fronten waren schon zu verhärtet. Ich beschloss also, die Erwachsenen das wie Erwachsene aushandeln zu lassen – ich wollte damit nichts mehr zu tun haben.

Meine eigene Vermeidungsstrategie

Ich verlasse seit diesem Entschluss jegliche Situation, in der über den Streit gesprochen wird. Wenn eine Seite Geburtstag hat, kommt es oft vor, dass die andere Seite zu mir sagt: „Gratuliere ihr mal für mich.“ Meine Reaktion bleibt stets gleich: „Wenn du der anderen etwas zu sagen hast, ruf an. Ich spiele nicht den Boten zwischen euch.“ Manchmal fällt es mir mehr als schwer, weil ich für beide Seiten die gleiche Liebe empfinde und beide verstehen kann. Um meinen eigenen Frieden zu beschützen muss ich verstehen, dass der Streit absolut nichts mit mir zu tun hat und dementsprechend handeln.

Vor kurzem hat meine Mutter einen Schritt auf meine Großmutter zugemacht. Doch ich denke nicht, dass meine Eltern und meine Großmutter jemals wieder normal miteinander reden werden. Manchmal wird mir schlecht bei dem Gedanken daran, dass meine Oma sterben könnte und sie sich vorher nicht versöhnt haben. Kein Streit kann so schlimm sein, dass man so etwas aushalten kann. Es ist nicht meine Aufgabe, dort Vermittlerin zu spielen, auch wenn ich mir zu oft wünschte, ich könnte dem allen ein Ende bereiten.

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