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GESELLSCHAFT

Beziehungsprobe Neuseeland

Hoch oben am Lake Tasman Mount Cook bewunderten sie die einzigartige Natur.
[Foto: privat]
27.08.2020 10:53 - Gastautor*in

Wie gelingt es jungen Pärchen, eine monatelange Reise gemeinsam zu meistern, ohne daran zu zerbrechen? Olivia und Ramon waren anderthalb Jahre zusammen in Neuseeland unterwegs und haben dort einige Hürden zusammen genommen.

Von Gastautorin Carla Cingil

Es gibt zig unterschiedliche Arten von Beziehungen. Was jedoch alle gemeinsam haben ist, dass sich die Partner:innen an einem bestimmten Punkt Gedanken über sich selbst und ihre Zukunft machen müssen. Gerade wenn eine längere gemeinsame Reise ansteht, sind sich viele Pärchen unsicher, wie sie die gemeinsame Zeit managen sollen. Denn permanent aufeinander zu hocken und komplett voneinander abhängig zu sein, hält nicht jede Beziehung aus. Was passiert, wenn man auf der Reise merkt, dass man doch nicht so gut zueinander passt, man sich nur streitet und am Ende getrennte Wege geht? Oder wenn einem negative Eigenschaften an der anderen Person auffallen, die man vorher noch nicht bemerkt hat oder man einfach nicht zusammen auf lange Sicht funktioniert? 

All diese Fragen haben sich auch Ramon und Olivia gestellt. 

Die Beiden entschieden vor zwei Jahren, gemeinsam nach Neuseeland zu fahren. Geplant war eine Reise von Auckland bis Invercargill, die insgesamt neun Monate dauern sollte. Dass diese Reise ihre Beziehung auf ein komplett neues Level heben würde, wussten sie zu Anfang der Reise jedoch nicht. Begonnen hat das Abenteuer nicht in Neuseeland, sondern in Deutschland: „Olivia hat sich um den Papierkram, wie zum Beispiel die Visa gekümmert, da mein Englisch nicht so gut war. Da hat sie mir sehr geholfen! Ich habe mich dann um die Arbeit und die Mobilität vor Ort gekümmert“, erzählt Ramon. Nicht nur die Planung musste durchgeführt, sondern auch mögliche Szenarien in der Beziehung vorher gemeinsam durchgespielt werden: „Wir haben von Anfang an miteinander darüber gesprochen, was ist, wenn wir uns trennen. Das will ja niemand, dennoch mussten wir vorher darüber sprechen“, erinnert sich Olivia. Dass die Möglichkeit besteht, dass sie nach der Reise getrennte Wege gehen, war ihnen also von Anfang bewusst. „Egal wie es ausgegangen wäre, wir haben gesagt, dass wir zusammen hinreisen und zusammen wieder abreisen werden“, sagt Ramon. 

Auf gehts

Am 3. Oktober ging es dann los. Mit zwei Koffern und zwei Wanderrucksäcken bepackt stiegen die Beiden ins Flugzeug nach Auckland. Mit einem Zwischenstopp in Dubai und mehreren Wartezeiten kamen sie nach 29 Stunden am Ziel an. Als erstes ging es dann zum Hostel. „Das ist direkt neben dem Skytower, wir konnten ihn sogar vom Zimmer aus sehen“, erzählt Olivia. Die ersten Erfahrungen beschreibt sie so: „Ein Hostel als erste Unterkunft ist wirklich toll. Die Menschen haben uns viel beigebracht. Ich wusste nicht, dass man einen festen Wohnsitz braucht, um ein Bankkonto zu eröffnen.“ Nachdem sie mit Hilfe des Hostelpersonals ein Konto eröffnet hatten, mussten sie dieses mit Geld füllen. Also arbeiteten sie in verschiedenen Betrieben. „Es gibt verschiedene Arten in Neuseeland zu überleben, manche arbeiten auf Farmen, kellnern oder gärtnern. Wir haben uns für eine Mischung aus allem entschieden“, erzählt Olivia. 

„Es gibt verschiedene Arten in Neuseeland zu überleben.“

Diese Spontanität führte dazu, dass sie die schönsten und schrecklichsten Arbeiten ausüben mussten. „Wir haben bei einer älteren Frau Blumen verkauft und Gärtnerarbeiten ausgeführt. Zur Belohnung gab es dann Unterkunft und Essen. Das war wirklich schön“, meint Ramon. In einem Legehühnermastbetrieb kamen sie an ihre Grenzen: „Tiere zu sehen, die nicht mehr aussehen wie Hühner und die unter den schlechtesten Bedingungen gelebt haben, war schlimm“. Umso wichtiger war es für die Beziehung, dass die Beiden sich immer wieder berappelt und gegenseitig hochgezogen haben: „Ohne ihn hätte ich das nicht hingekriegt“, meint Olivia. „Unsere Einstellung dazu hat sich total verändert. Ich möchte, dass sich die Tierschutzgesetzte verändern. Das ist mir dort erst richtig klar geworden“, sagt Ramon. 

Natürlich sind sie nicht nur zum Arbeiten 18.510 Kilometer gereist, sie wollten auch die Menschen und das Land besser kennenlernen. Weil sie unterschiedliche Interessen haben, hätten sie Kompromisse eingehen müssen, so Olivia. Ein Kompromiss war beispielsweise das gemeinsame Angeln. „Ohne Ramon hätte ich nie geangelt“, ist sich Olivia sicher. Das gemeinsame Abenteuer verlief nicht nur rosig, ab und zu kamen sie auch an ihre Grenzen: „Wenn man eine scheiß Arbeit machen muss, das Wetter nicht stimmt und Pläne nicht funktionieren, dann kommt man schon an seine Grenzen“, sagt das Pärchen. Trotz allem hätten sie es geschafft, immer wieder zueinander zu finden.

Fazit: Redet miteinander

Was die Beiden aus der Reise mitgenommen haben, ist ganz klar: „Das klingt komisch, aber wir sind beste Freunde geworden. Uns ist mittlerweile nichts mehr peinlich gegenüber dem anderen“, sagt Olivia. An der Reise sind sie nicht nur als Paar gewachsen sondern auch als  Individuen. „Ich finde, dass ich jetzt insgesamt selbstbewusster bin und schon mehr weiß, wer ich bin und welche Ansichten ich hab. Ich gehe viel mehr auf Menschen zu. Man wird generell einfach viel offener in manchen Dingen“, remüsmiert sie. Ramon lernte sich durch die Reise auch besser kennen und hat sich nun dazu entschieden, eine Ausbildung als Landwirt anzufangen. 

Einen Tipp für Pärchen, die vor einer langen gemeinsamen Reise stehen, haben sie auch: Offenheit, Vertrauen und Kommunikation ist der Schlüssel. „Es klingt schon banal, aber Reden ist sehr wichtig. Man hat ja nur sich, zu Hause redet man mit seinen Freunden oder der Familie über Beziehungsprobleme. Man muss lernen, wie der andere in bestimmten Situationen tickt und damit dann gemeinsam umgehen“, ergänzt Olivia.

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