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GESELLSCHAFT

Beine breit für die Kamera

Sportler*innen unter Beobachtung
[Symbolfoto: pixabay]

10.10.2019 15:57 - Magdalena Kensy

In Doha (Katar) wurde die diesjährige Leichtathletik Weltmeisterschaft ausgerichtet. Es gab einige Siege der deutschen Athlet*innen. Doch wo mancher sich freute war das Leid der Anderen nicht weit. Das gesamte Sporterlebnis sollte durch die neuen Block Cams verbessert werden und die Zuschauer sollten besondere, exklusive Einblicke bekommen. Der Einsatz dieser Kameras wird von den Sportler*innen heftig kritisiert und kann sogar als Upskirting verstanden werden. 

 „Ready“, ertönt es über die Lautsprecher. Die Läufer*innen gehen an den Startblock, völlig auf den anstehenden Lauf konzentriert. „Set“, die nächste Anweisung ertönt. Die Athleten verlagern ihr Gewicht und drücken ihre Füße in den Startblock. Ihr Blick ist auf den Boden gerichtet. Doch der Blick und die Konzentration könnte sich bei dieser Leichtathletik-WM geändert haben.

In den neuen Startblöcken ist vorne eine Kamera integriert, die das Gesicht der Sportler*innen filmen soll. Das „Go“, die Anweisung zum Start, ist nur noch nebensächlich, denn die Läufer*innen steigen von vorne nach hinten in den Startblock ein, wobei die Kamera ungeniert in den Schritt filmt - teilweise sogar in Zeitlupe. „Die neuen Kameras halten den intensiven Moment fest, kurz bevor das Rennen losgeht.“, so Produktionsdirektor Westbury Gillett, vom Leichtathletik-Weltverbands (IAAF), der die Idee für die Block Cams hatte. 

Upskirting neu ausgelegt 

Erfinder Gillett glaubte, die Zuschauer*innen würden „einen entscheidenden Moment des Dramas verpassen“, wenn sie nicht die Gesichter vor den Sprints sehen könnten. Bei solch einem Gedanken steht der Gesichtsausdruck vor dem Start nicht mehr an erster Stelle, sondern, wie an den Startblock gegangen wurde. Denn das dazugehörige Werbevideo des japanischen Herstellers Seiko zeigte nur Männer, die über die Kamera hinweg in den Block stiegen. Weitere Kritik gab es an der Kommunikation vor der WM.

Die Kamera filmt ungeniert in den Schritt - teilweise sogar in Zeitlupe.

Viele Sprinter*innen wussten bis kurz vor dem Start nichts von den Block Cams und wurden im Vorhinein nicht befragt, wie sie die Neuerung finden. Sprinterinnen, wie Tatjana Pinto, wussten bis nach dem Sprint gar nicht, wo die Kamera positioniert ist und wurden erst im Interview nach ihrem ersten Rennen von Reportern aufgeklärt. Ohne die Einwilligung der Athlet*innen wird so etwas in vielen Ländern strafrechtlich, als sexueller Übergriff, verfolgt. In Deutschland wird das Filmen des Schrittes ohne vorheriges Einverständnis als Upskirting geahndet. Derzeit wird ein Gesetzesentwurf entwickelt, der dieses Filmen künftig strafbar macht. Als Upskirting wird bezeichnet, wenn Menschen „unter den Rock“ geblickt oder gefilmt, wird. 

Einspruch ohne wirkliche Lösung 

„Die Kamera ist per se nicht sexistisch, weil es bei Ihnen nicht über das Geschlecht geht. Wäre es also gegeben, dass wir in einer gleichberechtigten Welt leben wäre es kein Aufreger wert.“, äußert sich Melissa, Studentin der Politikwissenschaft und Mitglied einer feministischen Partei, zu der Situation. Die Meinung steht der Aussage der 100-Meter-Sprinterin Gina Lückenkemper entgegen. „In den knappen Sachen über diese Kamera zu steigen, um in den Block zu gehen, finde ich sehr unangenehm.“ Die untere Bekleidung der Läuferinnen ist meistens aus Stoff, der nicht größer ist, als eine normale Unterhose.

Nicht nur der deutsche Leichtathletik Verband hatte Protest beim IAAF eingelegt. Doch ohne großen Erfolg. Der Veranstalter der WM versicherte, „dass die Bilder in der Regie - während die Athleten in den Block gehen - geschwärzt werden.“ Die Bilder sollen erst danach wieder gezeigt und die Aufnahmen nach 24 Stunden komplett vom Server gelöscht werden. Dennoch sieht die Regie den Intimbereich der Läufer*innen. Der Geschäftsführer von Seiko beteuert, dass es nicht die Absicht des Unternehmens war und die Idee vom IAAF komme. Auch Melissa gibt zu bedenken, dass Frauen sich nicht unwohl fühlen müssten, weil „die Körper der Frauen häufiger sexualisiert werden, als die von Männer. Damit einhergehend sind diese Aufnahmen für Frauen übergriffiger.“ Es ist also offen, ob sich die Athleten sich noch an diese neue Entwicklung gewöhnen müssen oder sie bei zukünftigen Veranstaltungen noch immer für Unruhe sorgen wird. Lückenkemper sagt dazu nur: „Du weißt, dass die Kamera da ist. Das ist das Unangenehme daran.“

Bildquelle: lizenzfreies Bildmaterial von pixabay

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