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GESELLSCHAFT

Barrierefreiheit – keine Priorität bei der Bahn?

Kay Macquarrie bemängelt den Umgang der Bahn mit dem Thema Barrierefreiheit.

[Foto: privat]

12.10.2020 15:29 - David Peters

Kay Macquarrie ist ein Mitinitiator der Initiative Barrierefreie Bahn. Der Ursprung der Initiative war eine Petition, die mehr Barrierefreiheit im Zugverkehr forderte, denn immer wieder beklagen Betroffene, dass die Bahn ein „normales“ Reisen für sie unmöglich mache. Ein Interview von David Peters.

ak[due]ll: Warum ist die Bahn nicht barrierefrei?

Kay Macquarrie: Die Probleme sind vielfältig. Im Gegensatz zu allen anderen Menschen, die die Bahn nutzen, müssen wir, die Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, die Bahn vorher um Hilfe fragen. Mindestens einen Tag vorher, idealerweise 48 Stunden vor Antritt der Reise. Im Bereich des Fernverkehrs läuft alles nur mit Anmeldung. Eigentlich möchte die Bahn ja nicht, dass man eine Reservierung für die Bahnfahrt benötigt, wie es in anderen Ländern der Fall ist. Die Bahn setzt das aber für Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen voraus. Die dürfen nur mit Vorankündigung reisen.

ak[due]ll: Wie genau läuft denn so eine Anmeldung?

Macquarrie: Man kann sich per Telefon über eine kostenpflichtige Hotline anmelden. Ich muss also eine kostenpflichtige Hotline anrufen, um eine Mobilitätshilfe zu beantragen, die ich nur deswegen brauche, weil die Bahn es nicht auf die Schiene bringt, stufenlosen Verkehr anzubieten. Die Anmeldung geht auch per Mail, aber eigentlich will die Bahn das über ein eigenes Formular machen. Als ich das das letzte Mal gemacht habe, umfasste das Formular 70 Felder. Diese sind alle händisch einzutragen. Inzwischen gibt es einige Profildaten, die man abspeichern lassen kann. Das ist sozusagen ein neues Formular, dass sie im September rausgebracht haben.
Was ich aber eigentlich möchte ist, dass ich ein Ticket buche und dann ein Häkchen setze, dass ich Hilfe benötige. Alles andere ist nur eine weitere Barriere, der ich begegne, wenn ich mit der Bahn fahren möchte. Die Bahn gibt zwar an, dass man sie kontaktieren kann, aber die Wege sind maximal kompliziert und auch nicht im Digitalen angekommen. Sie sind einfach zum Abschrecken.

ak[due]ll: Wie geht es weiter, wenn man so ein Formular ausgefüllt hat?

Macquarrie: Die Bahn meldet sich und prüft, ob Personal an dem Bahnhof vorhanden ist. Von den rund fünfeinhalb tausend Bahnhöfen in Deutschland ist nur ein Bruchteil mit Personal ausgestattet. Dieses Personal ist wiederum an Öffnungszeiten gebunden. An größeren Bahnhöfen ist das von sechs bis 22 Uhr, an kleineren auch mal von acht bis 18 Uhr. Und zu Coronazeiten war das sogar noch stärker eingeschränkt.

Wenn man dieses enge Korsett der Bahn für den Mobilitätsdienst berücksichtigt, dann wird geprüft, ob das Personal vor Ort und auch nicht durch eine andere Hilfeleistung belegt ist. Wenn man das am Telefon macht, dann dauert das rund eine Viertelstunde bis man eine Rückmeldung bekommt. Insgesamt dauert der Anruf rund 25 Minuten, um eine Fahrt anzumelden. Bei einer E-Mail kann es auch mal einen Tag dauern. Je weiter die Fahrt in der Zukunft liegt, desto mehr Zeit lässt sich die Bahn aber auch.

ak[due]ll: Und wenn mal ein Aufzug nicht funktioniert?

Macquarrie: An dem Tag, an dem man die Fahrt beantragt, wird das geprüft. Im Prinzip müsste man am Tag der Fahrt nochmal überprüfen, ob wirklich alle Aufzüge funktionieren. Das ist aber auch nur eine Komponente. Genauso gut kann am Wagen etwas defekt sein. Zum Beispiel funktioniert die Tür nicht und ich habe nur eine Tür, durch die ich durchkomme – weil es meisten nur einen einzigen barrierefreien Wagen in den Zügen des Fernverkehrs gibt. Oder es ist Personal krank oder der barrierefreie Wagen fehlt. Und das kommt nicht selten vor. Selbst wenn man also die Bestätigung der Bahn für eine Fahrt hat, gibt es noch viele Stolperstellen, die auftreten können.

ak[due]ll: Wenn man spontan verreisen will, wie funktioniert das dann?

Macquarrie: Das geht nicht. Die nehmen dich nicht mit. Da gibt es auch keine Ausnahmen. Die einzige Ausnahme ist Berlin Hauptbahnhof, wo es rund um die Uhr Personal gibt. Wenn man da als Bittsteller oder total resolut auftritt, dann machen sie das schon, aber es ist formell nicht vorgesehen.

ak[due]llWie reagiert die Bahn auf eure Petition und die damit verbundenen Forderungen?

Macquarrie: Wir haben den Bahnchef eingeladen, eine Reise mit mir zu machen, bei der er und ich jeweils im Rollstuhl sitzen, um einfach mal zu erleben, wie es als Fußgänger ist, in diese Hebebühne reingesetzt zu werden. Dafür war Bahnchef Richard Lutz aber nicht verfügbar. Er hat uns ein dreiseitiges Schreiben zurückgeschickt. Das war eine Absage, weil sein Terminkalender sehr voll sei.

ak[due]ll: Darüber hinaus ist nichts passiert?

Macquarrie: Nein, es gab keine Handreichung, keine Art des konstruktiven Auseinandersetzens.

ak[due]ll:Wie fühlt man sich als Betroffener, wenn man da keinen Willen erkennen kann, diese Barrieren abzubauen?

Macquarrie: Wenn man die Bahn fragt, sagt sie, dass sie eine programmbegleitende Arbeitsgruppe hat, so nennt sie eine Art Beirat von Menschen mit Behinderungen für die Bahn. In der sitze ich auch und man trifft sich zweimal im Jahr und überprüft die Produkte der Bahn auf Barrierefreiheit und gibt Feedback. Insofern sagt die Bahn, dass sie in dem Bereich etwas tut und auch Bahnhöfe barrierefrei ausbaut. Aber die Bahn denkt nicht so weit, dass ein barrierefreier Bahnhof nicht gleich bedeutet, dass man auch barrierefrei in den Zug kommt. Es gibt auch kein Ausstieg aus den Stufen. Es gibt noch nicht einmal eine Perspektive für 2050, wo die Bahn sagen könnte: Bis dahin wollen wir so barrierefrei sein, wie der ÖPNV in vielen Großstädten heute schon ist. Viele S- und U-Bahnen sind stufenlos und niveaugleich zu besteigen. Ich finde das zeigt, dass die Bahn Barrierefreiheit stiefmütterlich behandelt. Das ist keine Priorität und das interessiert bei der Bahn kaum jemanden.

ak[due]ll: In dem Bereich hat die Bahn also nicht nur in der Vergangenheit Fehler gemacht, sondern da steckt ein System hinter?

Macquarrie: Es ist ein infrastrukturelles Problem, aber es ist auch ein strukturelles Problem in der Haltung. Die Bahn hat keine Haltung zu Barrierefreiheit. Solange sie sagt, dass sie ein paar Bahnhöfe im Jahr barrierefrei macht, bleibt es ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und das sind übrigens auch nur die Bahnhöfe, von denen die Bahn sagt, dass es sich überhaupt lohnt, diese barrierefrei zu machen. Mit solchen Mustern arbeitet die Bahn. Es ist vor allem viel Schein.

ak[due]ll: Was muss sich jetzt konkret ändern?

Macquarrie: Der digitale Prozess muss vereinfacht werden. Es muss möglich sein, beim Ticketkauf auch ein Häkchen setzen kann, dass der Hilfedienst beantragt wird. Außerdem möchte ich immer noch die gemeinsame Bahnfahrt mit dem Bahnchef. Das eine ist Infrastruktur und rollendes Material, das über Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsen ist und das wird sich auch nicht von heute auf morgen barrierefrei zu erschließen sein. Das zweite ist das digitale. Da hängt die Bahn uns Betroffene genauso ab. Sie setzen die Barrieren aus der physischen Welt fort in die digitale. Die Bahn hat eine App namens „DB Barrierefrei“. Die DB App gibt’s seit einigen Jahren und da ist Barrierefreiheit nicht mitgedacht worden. Jetzt baut man nochmal eine extra App und ich frag mich, warum man diese Informationen nicht aus einer App bekommen kann. In der App steht zum Beispiel wo ein Aufzug ist und welcher funktioniert. Das ist grundsätzlich eine gute Information, aber die möchte ich an zentraler Stelle haben und nicht die Infos aus zwei oder drei Apps ziehen.

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