Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Antisemitismus von links

Stellt sich vor antisemitische Karikaturen und verharmlost die Hamas: Der linke britische Oppositionsführer Jeremy Corbyn. (Foto: Garry Knight/ CC BY 2.0)

18.06.2018 13:16 - Maren Wenzel

Es war das Streitthema an dem die vergangene AStA-Koalition zerbrach: Wann ist Kritik an israelischer Politik antisemitisch? Neues Hochschulpolitik-Referat, neue Veranstaltungen – der im November gewählte Allgemeine Studierendenausschuss setzte am 6. Juni auf dem Campus Essen den Fokus auf „Zeitgenössischen linken Antisemitismus“ und lud dazu Referent David Hirsh, Dozent am Goldsmith-Institut der University of London und Antisemitismus-Forscher, ein.
 
„Sie glauben, sie seien Gegner des Antisemitismus, sind es aber tatsächlich nicht*“, leitete Hirsh die Veranstaltung im Gebäude S06 ein. Gemeint sind sich als „links“ sehende Menschen: Aktivist*innen, Parteipolitiker*innen, Gewerkschafter*innen und auch kirchliche Funktionär*innen.

30 mehrheitlich israelsolidarische Zuhörer*innen hörten dem Soziologie-Dozenten Hirsh zu – bei weitem nicht so viele wie im Juli 2017, als der damalige AStA zur „sozialen und politischen Lage in

wohlwollend an der Nahostkonflikt-Veranstaltung teilgenommen sowie Kritiker*innen. Das Thema Antisemitismus von links war also mit Kalkül gewählt, lockte aber nicht so viele Interessierte wie der Nahostkonflikt.

 
Gerade der Nahostkonflikt halte in der Linken als Symbol her, da sei Antisemitismus nicht weit, so Hirsh. Dazu zitiert er die Feministin Linda Sarsour, die den Women’s March in New York organisiert hatte: „Palästina ist der globale Zweck zur Erreichung sozialer Gerechtigkeit überhaupt.“ Mit solchen Aussagen sei der Stellenwert des Konfliktes überzeichnet – es werde sich nur darauf fokussiert. Auch die überhäufte Thematisierung israelischer Militäroperationen kennzeichne Antisemitismus: „Wenn wir nur schwarze Menschen als Verbrecher in Zeitungen zeigen, dann kreieren wir Rassismus. Wenn wir Israel nur als Aggressor zeigen, dann verstärken wir Antisemitismus“, so Hirsh.
 
Daneben gebe es noch linken Antisemitismus, der antisemitisch motiviert sei sowie jene Phänomene, die in Form oder Effekt antisemitisch seien. Antisemitisch motivierte Äußerungen seien noch am leichtesten zu erkennen: Wenn jemand sich pauschal feindlich gegenüber jüdischen Menschen oder dem Judentum äußerte. Bei der Form werde es da schon schwieriger. Hier geht es um antisemitische Karikaturen meist in Verbindung mit dem Staat Israel, die zum Beispiel jüdische Menschen mit langen Nasen und großen Ohren darstellen oder Kraken-Darstellungen, die immer wieder auch in der Linken auftauchen und doch nicht als antisemitisch erkannt würden.
 
Schließlich gebe es noch jenen Antisemitismus, der im Effekt antisemitisch sei. So die Kampagne Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS), die neben wirtschaftlichen Boykotten von Unternehmen auch zu kulturellen und wissenschaftlichen Boykotten von Einzelpersonen aufruft. „Wenn du niemand anderen boykottierst, dann hast du eben einen antisemitischen Effekt“, so Hirsh.
 
Wenn es um Israel ginge, seien Bündnisse möglich, die man sonst in der Linken ablehnen würde. Zum Beispiel mit den Terrormilizen Hamas und Hisbollah. Hirsh zitiert dazu Jeremy Corbyn, Chef der links- und gewerkschaftsgerichteten britischen Labour-Party, der gesagt hatte, die Hamas habe sich dem guten Leben der Menschen in Palästina verschrieben. „Wie ist es für sie [Anm. d. Autorin: Linke]  möglich, Unterstützung für die Hamas und die Hisbollah zu äußern?“ fragt Hirsh.
 
Die Antwort sei einfach: Es gehe um ein altes Feindbild, das bereits zu Zeiten der Sowjetunion wirksam gewesen sei. Antisemitische Strömungen der Linken hätten klare Feinde: Kapitalismus, Imperialismus und eben stellenweise auch Zionismus. „All jene, die diese Dinge auch ablehnen, sind für diesen Teil der Linken Verbündete“, so Hirsh. Dabei habe doch schon Marx gezeigt, dass die Welt nicht in Verschwörungen gedacht werden sollte.

Eine kontroverse Diskussion zum Vortrag des Goldsmith-Dozenten gab es nicht, dafür viel Zustimmung und Rückfragen zur Motivation des Autors. „Ich bin selbst seit 40 Jahren Teil der Linken. Ich zeige euch all das, weil es existiert und ein Problem ist“, sagt Hirsh. Natürlich habe auch er mit den Vorwürfen einer von ihm betriebenen Schmutzkampagne gegen die Linke zu kämpfen – aber er habe auch Unterstützer*innen.
 
*Alle Zitate wurden von der Autorin vom Englischen ins Deutsche übersetzt.

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