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GESELLSCHAFT

Andrà tutto bene – Alles wird gut

Das Coronavirus stellt ein ganzes Land unter Hausarrest. [Symbolbild:pixabay]

17.03.2020 18:43 - Julia Segantini

Ganz Italien steht seit Beginn der Corona-Pandemie so gut wie still, über 60 Millionen Menschen sitzen die Quarantäne zu Hause aus. Nur wenn es absolut notwendig ist, darf man die Wohnung verlassen. Die italienische Regierung verschärfte am 12. März die Vorschriften, mit denen die weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindert werden soll. Wie jetzt der Alltag für Viele aussieht, beschreibt die 26-jährige Giada aus Verona. 

Noch mindestens zwei Wochen soll die Quarantäne in Italien dauern. Wie es danach weitergeht, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand einschätzen. Zur Zeit wirken die sonst belebten und mit Tourist*innen überfluteten Orte eher wie Geisterstädte, bestätigt Giada. Sie arbeitet in einer Firma, die Kurse für Kindergartenpädagog*innen anbietet. Seit zwei Wochen hält sie sich an den Hausarrest. Sie befürchtet finanzielle Schwierigkeiten, denn zur Arbeit kann sie nicht. „Wir organisieren jetzt Online-Kurse, auch damit nicht zu viel Arbeit liegen bleibt“, erzählt sie. Diese paar Stunden Arbeit sind eine willkommene Abwechslung. „Es ist schwierig, den ganzen Tag zu Hause zu bleiben, aber man versucht, sich die Zeit zu vertreiben. Ein paar Tage in der Woche machen wir diese Online-Kurse, an den anderen Tagen putze ich das Haus, lese Bücher und sehe fern“, sagt sie.

Nur wer einen triftigen Grund hat, darf das Haus verlassen. Erlaubt sind Einkäufe im Supermarkt oder der Gang zur Arbeit oder zum Arzt. Geöffnet haben lediglich Tankstellen, Supermärkte und Apotheken. Auch die Post hat weiterhin geöffnet. Fabriken dürfen teilweise unter strengen Vorkehrungsmaßnahmen weiter produzieren. Zum Beispiel müssen die Arbeitgeber*innen den Zugang zum Unternehmen regeln und Instrumente zur Messung der Körpertemperatur vor Beginn der Arbeitsschicht bereitstellen. Außerdem müssen alle Anlagen und Utensilien täglich gereinigt und desinfiziert werden. 

Misure drastiche – Drastische Maßnahmen

Um sicher zu stellen, dass die Leute nur im Notfall das Haus verlassen, greift die italienische Regierung zu drastischen Maßnahmen: „Jedes Mal, wenn wir uns zu Fuß oder mit dem Auto bewegen, müssen wir ein ausgefülltes Papier von der Regierung bei uns haben, mit dem genauen Grund, warum wir raus gehen. Ich kann also nicht einmal zu meinen Eltern gehen, die zehn Minuten von hier entfernt wohnen.“ Wer sich nicht an den Hausarrest hält, riskiert schwere Strafen. „Auf der Straße stehen Polizisten. Sie halten Leute an und schauen auf das Papier. Wenn die Leute sagen, dass sie im Supermarkt oder in der Apotheke waren, prüfen sie mit dem Kassenbon, ob es stimmt“, beschreibt Giada.

Unter Strafe steht auch die nicht-Einhaltung des Sicherheitsabstands von einem Meter zu Personen, mit denen man nicht zusammenlebt.  Die neu erlassenen Dekrete sehen für die Verletzung der darin enthaltenen Maßnahmen die Anklage gemäß Artikel 650 des italienischen Strafgesetzbuches vor. Geahndet wird diese mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Monaten oder mit einer Geldstrafe von bis zu 206 ​​​​​​Euro. 

„Auf der Intensivstation sind die Betten voll: Das Gesundheitssystem kollabiert“

Die Straßen bleiben deshalb so gut wie leer. Nur hin und wieder könne man aus dem Fenster Menschen beobachten, die eine schnelle Runde mit dem Hund gehen oder Einkaufstüten ins Haus tragen, erzählt Giada. Unter dem Hashtag #andratuttobene (ital. für „alles wird gut“) verbreiten die Menschen aufmunternde Worte in den sozialen Netzwerken. Zum Beispiel kursieren im Internet mehrere Videos die zeigen, wie Nachbarn sich an Balkons und Fenstern versammeln um gemeinsam zu singen. Einige Menschen würden die Situation noch immer nicht ernst nehmen, während andere umso besorgter seien, so die Italienerin. „Die älteren Menschen in den Supermärkten sind ziemlich mürrisch und halten sich auf Distanz, weil sie sehr viel Angst haben, sich anzustecken.“ 

Resistere – Durchhalten

Laut Silvio Brusaferro, Chef des Nationalen Instituts für Gesundheit, könne man frühestens Anfang April absehen, ob das Land die Krise überstanden habe. Solange müssen die Menschen also mindestens durchhalten. Besonders für einige Berufsgruppen eine schwierige Aufgabe. Giadas Tante arbeitet in einem Krankenhaus. Sie hat keine Zeit, der akduell Fragen über ihre Situation zu beantworten: „Leider beginnen die Krankenhäuser, Probleme zu haben, sie sind zu voll und fangen an, die Infizierten nachts zu verlegen, um keine Panik auszulösen“, sagt Giada. Das Personal sei seit Wochen völlig überlastet. Schon am 05. März titelte unter anderem die italienische Tageszeitung La Stampa: „Auf der Intensivstation sind die Betten voll: Das Gesundheitssystem kollabiert“. In Italien stehen den Patient*innen rund 5100 Betten zur Verfügung. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es mit einer höheren Einwohner*innenzahl 28.000 Betten. 

Das italienische Gesundheitssystem stößt aktuell an seine Grenzen. Zwar liegen die Gesundheitsausgaben Italiens laut Eurostat immer noch über dem europäischen Durchschnitt, dafür investierte das Land wenig in die derzeit wichtige Intensivmedizin. Aktuell gibt es in Italien 27.980 bestätigte Fälle von Erkrankten und 2.158 Todesfälle (Stand 17.03.20, 13 Uhr). Machen Giada diese Zahlen Angst? „Es ist sehr beängstigend. Aber wenn sich alle an die Regeln halten, hoffe ich auf eine baldige Genesung.“ Die von der Regierung getroffenen Maßnahmen empfindet sie als notwendig, vor allem da es jetzt darauf ankomme, den Ernst der Lage zu erkennen und zusammenzuarbeiten. Von der italienischen Bevölkerung wünscht sich Giada vor allem eins: „Die Menschen müssen die Isolation respektieren und zu Hause bleiben.“ Von der eigenen Regierung und die anderer Länder fordert sie Solidarität: „Anders geht es nicht, denn hier ist alles Mangelware.“

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