Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

America first, aber warum?

 Lady Liberty: Das Symbol der US-amerikanischen Freiheit
[Symbolfoto: pixabay]

08.06.2020 15:36 - Erik Körner

Unbegrenzte Freiheit, die Chance auf Reichtum und eine Vorbildfunktion für den Rest der Welt. Dieses Bild versuchen die USA von sich selbst zu vermitteln. Woher es kommt? Die Antwort: American Exceptionalism.

„American Exceptionalism ist der Glaube an die amerikanische Kultur, den amerikanischen ‚Way of Life‘ und die Freiheit, die mit der Unabhängigkeitserklärung assoziiert wird“, erklärt Adam Christian von Wald.

Er ist Dozent der Anglophone Studies an der Universität Duisburg-Essen. Dazu gehöre auch der Glaube, dass all diese Dinge gut seien und als Vorbild für die Welt dienen beziehungsweise in die Welt transportiert werden sollen.

Das Konzept „American Exceptionalism“ ist so alt wie die USA selbst. „Den Gedanken, Amerika sei für den Rest der Welt wichtig, kann man zurück zu den Puritanern führen“, so von Wald. Aufgrund religiöser Verfolgung im katholischen England brachen die evangelisch-reformierten Puritaner*innen Anfang des 17. Jahrhunderts Richtung Amerika auf: „Sie dachten, sie wären die von Gott Erwählten, die ein besonderes Leben führen dürften, sollten sie die tödliche Reise über den Atlantik überleben.“

Freiheit des Marktes

Damit ist ein weiterer Begriff verbunden: „A City Upon A Hill“, die Stadt auf dem Hügel. Ein metaphorischer Ort, an dem die Puritaner*innen näher an Gott sind und der andere dazu zwingt, zu ihnen aufzuschauen. „Natürlich hatten sie aufgrund ihres erhobenen Status‘ bestimmte religiöse Freiheiten“, merkt von Wald an. „Mit den Jahren kamen weitere Freiheiten dazu, wie Demokratie, weniger Einfluss der Regierung, höhere Selbstständigkeit und später Kapitalismus.“

„Viele ächten die Idee, dass die Regierung bestimmen würde, wo du zu leben hast.“

Gerade der liberale Kapitalismus ist für die USA weiterhin relevant. Während des Kalten Kriegs vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wiedervereinigung Deutschlands kollidierten die liberalen USA mit der kommunistischen UdSSR als ideologisch gegenteilige Supermächte. Mit dem Ende der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre war dieser globale Konflikt zwar beendet. Die Abneigung gegen kommunistische beziehungsweise sozialistische Ideen blieb aber unter vielen US-Amerikaner*innen bestehen.

So bezeichneten Liberale und Konservative Bernie Sanders, den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, dieses Jahr mehrfach als „Kommunisten“ – obwohl sich Sanders selbst als demokratischer Sozialist versteht. Der Grund: Sie sahen seine Forderungen, wie eine allgemeine gesetzliche Krankenversicherung oder höhere Reichensteuern, als einen Angriff auf ihre Unabhängigkeit von der Regierung und darin wiederum Parallelen zu zentral gelenkten, kommunistischen Staaten.

„Viele denken: Kommunismus raubt deine Freiheit“, erläutert der Dozent. „Eine Planwirtschaft behindert die unsichtbare Hand des Marktes. Ebenso ächten viele die Idee, dass die Regierung bestimmen würde, wo du zu leben hast, wie in sozialistischen oder kommunistischen Staaten.“ Allein einer Behörde den Wohnort mitteilen zu müssen, wie es hierzulande der Fall ist, sei laut von Wald unamerikanisch. Er erinnert sich an die Zeit nach seinem Umzug von den Vereinigten Staaten nach Deutschland: „Das war für mich schockierend. Die Idee, dass du der Regierung irgendwelche Infos außer deinen Steuern geben musst und Amerikaner hassen schon Steuern.“

Damals wie heute

Warum aber ist ein über 300 Jahre altes Konzept wie der American Exceptionalism immer noch in der heutigen US-amerikanischen Gesellschaft verwurzelt? Laut von Wald ist er Teil eines gesamtgesellschaftlichen Narrativs: „Jeder Film, jedes Lied, jede Fernsehsendung zeigt Verbindungen zu diesem Konzept auf. Es ist eine Geschichte über dich selbst, die du konstant wiederholst – quasi ein amerikanischer Zeitvertreib.“

Ein weiterer Grund ist die langjährige Migrationspolitik der USA. Heute wird das Land oft als „Melting Pot“ oder „Salad Bowl“ beschrieben – ein Ort, an dem Menschen verschiedener Kulturen aufeinandertreffen und sich gegenseitig beeinflussen. Diese Konzepte sind jedoch verhältnismäßig neu. „Lange Zeit galt, du musst diese bestimmte Art von Person sein“, konstatiert von Wald. „Sinngemäß hieß es: Verabschiede dich von deiner alten Kultur und Sprache, wenn du an der Wirtschaft teilnehmen, hier leben oder gar Rechte haben möchtest.“

Allerdings ergänzt der Dozent, dass die USA nicht das einzige Land sind, das so denkt. Kanada und die USA sollen sich in einigen Belangen ähneln. Ihre Idee von Freiheit oder die Waffengesetze würden oft verglichen. Von Wald weist aber darauf hin: „Natürlich sind die USA, auf einer internationalen Ebene, der einflussreichere große Bruder und stehen eher im Rampenlicht.“

Solidarität auf Eis?

Eine Kolumne über verloren gegangene Solidarität in Zeiten von Corona.
 

Trumps Triumph

Donald Trump ist neuer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Millionen Menschen weltweit zieht es auf die Straßen. Sie protestieren gegen Rassismus und Sexismus. „The rise of the woman = the rise of the nation” war eine der Botschaften des Women’s March on Washington am vergangen Samstag. Wie Trumps Wahlsieg zu erklären ist und was das Ergebnis für die Zukunft zu bedeuten hat, behandelte Ingar Solty, Sozialwissenschaftler und Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung, am Mittwoch, 18. Januar, in seinem Vortrag „Trumps Triumph“ im Düsseldorfer zakk.
 

Black Lives Matter: 5.000 Menschen bei Demo in Dortmund

Deutschlandweit demonstrierten Tausende gegen Rassismus und Polizeigewalt. Unsere Fotostrecke zum Protest in Dortmund.
 
Konversation wird geladen